Matteo Renzi und Paolo Gentiloni  | Bildquelle: AFP

Italien vor der Wahl Linkes Elend

Stand: 03.03.2018 12:44 Uhr

Angetreten war Renzi einst als "Verschrotter" der alten politischen Garden. Doch vor der Wahl in Italien wenden sich viele linke Wähler von seinem Partito Democratico ab.

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

Bologna und die Region Emilia Romagna waren schon immer links. Hier ist die Tradition der "Resistenza", des antifaschistischen Widerstandes, noch besonders lebendig. Hier hoffen Matteo Renzi und sein Partito Democratico (PD) auf besonders viele Stimmen. Aber viele Wähler haben in der Emilia Romagna inzwischen Zweifel, ob Renzi überhaupt noch ein Linker ist.

"Links?" Pier Luigi Bersani muss lachen. "Dass Renzi mitte-links wäre, ist ein sehr großzügiges Urteil", sagt er. "Ich weiß nicht, auf welcher Grundlage das zustande gekommen ist. Ohne zu weit zurückzublicken - schauen wir, was jetzt passiert: Wir werden mit einem Gesetz wählen, das Renzi mit den Rechten gemacht hat, nicht mit uns."

Zugegeben: Bersani ist voreingenommen, er war mal Renzis Parteifreund. Bei der vergangenen Parlamentswahl sogar Spitzenkandidat des PD. Jetzt hat er sich mit anderen abgespalten und eine neue Partei gegründet mit dem schönen Namen "Liberi e Uguali", "frei und gleich". Dabei geht es nicht nur um die Frage, was linke Politik ist, sondern auch um persönliche Gekränktheit derer, die von Renzi, der ja als der "Rottamatore", der Verschrotter der alten politischen Garden angetreten war, kaltgestellt wurden. Die Abspaltung könnte den Partito Democratico schwer treffen und Renzi am Ende fünf bis sieben Prozent der Wählerstimmen kosten.

Und so versucht Renzi, die Wähler, die ihm links von der Fahne gehen, in der Mitte hinzuzugewinnen. In Bologna unterstützt sein Partito Democratico die Kandidatur von Pier Ferdinando Casini für den Senat.

Viele linke Wähler wenden sich ab

Besuch bei Giuditta Pini: Die 33-jährige Abgeordnete ist eine Gewinnerin der Verschrottung von Matteo Renzi. 2013 hat sie sich gegen einen Vertreter der alten Garde durchgesetzt. Nun muss sie auch für Pier Ferdinando Casini Wahlkampf machen - und sie ist es offenbar gewohnt, kritische Fragen zu beantworten: "Casini ist Teil unserer Koalition, schon seit fünf Jahren regieren wir mit seiner Partei", sagt sie. "Mit ihm hatten wir die Mehrheit für die gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, für die Patientenverfügung. Allein hätten wir dafür keine Mehrheit gehabt. Trotzdem ist es nicht leicht, man muss das erklären - aber das ist unsere Antwort als Koalition auf Berlusconi, Salvini, Grillo, CasaPound ..."

Im Verdacht, ein Linker zu sein, stand Pier Ferdinando Casini noch nie. Jetzt aber soll er helfen, die Unentschlossenen Wähler der Mitte anzulocken. Ausgerechnet Casini, der in seiner politischen Karriere schon jahrelang Silvio Berlusconi bei der Mehrheitsbeschaffung geholfen und danach in wechselnden Bündnissen sein politisches Überleben sichergestellt hat. Fast 35 Jahre sitzt er schon im Parlament, für vier verschiedene Parteien. Er ist einer von denen, die immer wieder das Bündnis gewechselt haben. Da wenden sich viele linke Wähler des Partito Democratico ab - ihnen fehlt das klare Profil.

Paolo Gentiloni | Bildquelle: REUTERS
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Paolo Gentiloni übernahm das Amt des Ministerpräsidenten 2016 von Renzi.

Renzi oder doch Gentiloni?

"Diesen Vorwurf gibt es schon immer gegenüber linken Parteien", sagt Pini. "Sicherlich ist zur Zeit die europäische Linke in großen Schwierigkeiten." Auch die SPD in Deutschland habe ja bei der Wahl schlechte Überraschungen erlebt. "Die Idee einer europäischen Linken ist umstritten, und das betrifft auch den Partito Democratico. Aber ich glaube, es gibt keine großen Zweifel, wer rechts und wer links ist. Der Partito Democratico ist die größte Mitte-Links-Partei, die es zurzeit in Italien gibt."

Groß ist allerdings relativ. In den aktuellsten Umfragen kam Renzis PD nur auf etwas mehr als 20 Prozent - da könnte es schwierig werden mit der Regierungsbildung. So schwierig, dass man in der Partei zurzeit noch nicht mal sagen mag, wer am Ende Ministerpräsident werden soll: Matteo Renzi oder doch Paolo Gentiloni, der Amtsinhaber, dessen unaufgeregter Stil einigermaßen ankommt.

Doch möglicherweise stellt sich diese Frage gar nicht mehr am Montag nach der Wahl.

Italien vor der Wahl - Linkes Elend
Jan-Christoph Kitzler, ARD Rom
03.03.2018 12:00 Uhr

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