Auto-Scheinwerfer im Dunkeln | Bildquelle: picture alliance / dpa Themendie

Autonomes Fahren Das Auto als mögliche Waffe?

Stand: 18.11.2017 11:45 Uhr

Autos, die von selbst bremsen, ausweichen - oder gleich ganz alleine fahren: Was noch nach Vision klingt, könnte in nicht allzu ferner Zukunft tatsächlich Realität auf den Straßen werden. Doch der Fortschritt birgt auch große Risiken.

Von Christian Thiels, tagesschau.de

Der Wagen wird immer schneller, bremsen ist zwecklos und auch die Zündung lässt sich nicht mehr abschalten. Das Auto wird fremdgesteuert, der Fahrer: Hilflos ausgeliefert, sein Wagen wird zur Waffe, ohne dass er irgendetwas dagegen tun kann. So oder so ähnlich inszeniert Hollywood automobile Horrortrips. Doch allzu fern sind solche Visionen offenbar nicht mehr. Das vernetzte Fahrzeug ist bereits Realität. Dutzende Computersysteme steuern die Funktionen solcher Autos. Und kaum ein Neuwagen kommt noch ohne Anschluss an das Internet auf den Markt.

Autos als Waffe - nur eine Frage der Zeit?

Eine Entwicklung, die bei allen Chancen auch gewaltige Risiken birgt. Zumindest in den Augen von Cybersicherheitsexperten wie Yuval Diskin. "Ein Anschlag mit einem vernetzten Auto ist keine Frage des 'Ob', sondern nur des 'Wann'. Vielleicht ist es schon passiert und war nur zu klein, um aufzufallen, oder wurde als technisches Versagen abgehandelt", sagt der Chef der israelischen Firma "Cymotives Technologies".

Diskin weiß, wovon er spricht. Jahrelang war er Direktor des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin-Bet und Spezialist für Computerspionage. Heute berät er Automobilunternehmen, Volkswagen hält 40 Prozent der Anteile an "Cymotives Technologies". Die Spezialität des Unternehmens ist die Absicherung vernetzter Fahrzeuge gegen Hackerangriffe.

"Unsere Firma weiß, wie man solche Angriffe starten könnte, also wissen es andere auch", warnt Diskin. Eine Schwachstelle sei etwa die Bluetooth-Funkverbindung, mit der in vielen Autos Mobiltelefone angebunden werden. Darüber könne man in die Computersysteme des Fahrzeugs eingreifen. Über die genauen Szenarien will der Experte nicht sprechen, um "die Leute nicht auf Ideen zu bringen".

Auch das Stromnetz ist angreifbar

Die vernetzte Infrastruktur gebe aber nicht nur in der Mobilität, sondern auch bei Strom- und Wassernetzen schon länger Grund zur Sorge, fährt Diskin fort. Schon jetzt sei es für technisch versierte Angreifer möglich, innerhalb eines überschaubaren Zeitraumes in einer Großstadt wie Berlin mittels Hackerangriffen Chaos anzurichten. Für die Absicherung der vernetzten Systeme gelten laut Diskin die gleichen Regeln wie in seiner Zeit beim Geheimdienst: Möglichst frühzeitig Gefahren identifizieren und konsequent dagegen vorgehen.

Viele deutsche Unternehmen, auch und gerade in der Automobilbranche, hätten da noch Nachholbedarf. Die Sensibilität sei noch nicht groß genug. "Man muss einschlafen und aufwachen mit der Überzeugung, dass man ständig angegriffen wird. Das ist eine Lebenseinstellung", mahnt der frühere Geheimdienstchef.

Firmen müssen viele Schwachstellen absichern

Für die Autobranche gehe es darum, von Anfang an in jedes System und Bauteil Sicherheitsmechanismen einzubauen. Wer das nicht tue, werde unweigerlich gewaltige Probleme bekommen. "Wenn sich jemand erfolgreich in ein Auto einhackt und die Kontrolle darüber gewinnt, ist das zwar schlecht - aber wenn jemand die ganze Flotte übernehmen kann, ist es eine Katastrophe", so Diskin. Natürlich sei es möglich und wichtig die Motorsteuerung eines Fahrzeuges gegen Hackerangriffe wirksam abzusichern, doch das sei nur ein Teil der Lösung. "Wenn man eine Art Fort Knox um die Motorsteuerung aufbaut, würde ich mir daran nicht den Kopf einrennen. Ich würde versuchen, über das Netzwerk der Herstellerfirma an die Rechner von Personen heranzukommen, die umfangreiche Zugriffsrechte auf eben diese Motorsteuerung haben - also Entwickler oder Ingenieure." Man dürfe also nicht nur an das einzelne Auto denken, sondern auch an die Flotte, an die Firma und ihr Netzwerk.

Hierarchie blockiert Umdenken in Konzernen

Ein solcher ganzheitlicher Ansatz erfordere eine Änderung in der Unternehmenskultur. Das sei gerade bei deutschen Firmen nicht so einfach. Die seien sehr hierarchisch strukturiert und manchmal nicht flexibel genug. So sieht das auch Chemi Peres, Sohn des früheren israelischen Premierministers Shimon Peres und heute Chef eines der größten Unternehmen für Risikokapital in Israel. Deutschland befinde sich in der vierten industrielle Revolution, sagt er: "Das wird alles umwälzen, gerade im Mobilitätsbereich. Aber die gute Nachricht ist, dass die Firmen das erkannt haben." Und so arbeitet nicht nur VW mit israelischen Experten zusammen, auch Daimler, Bosch und BMW sind in Tel Aviv präsent, um mit jungen Softwarespezialisten und Programmierern in Kontakt zu kommen. Israel fördert die Startup-Kultur mit viel Aufwand, das Land gilt als eines der technisch innovativsten weltweit.

Zu den Vorzeigeunternehmen gehört "Mobileye". Die Firma in Jerusalem ist spezialisiert auf Kamerasysteme, die etwa Fußgänger, Radfahrer und mögliche Gefahren im Straßenverkehr identifizieren können, um den Fahrer zu warnen oder aktiv Unfälle zu verhindern. Die Firma arbeitet unter anderem bei der Entwicklung autonomer Autos eng mit BMW zusammen. Der US-Technikgigant Intel kaufte "Mobileye" jüngst für die Rekordsumme von 15,3 Milliarden Dollar.

Die Gefahren von selbstfahrenden Fahrzeugen kennt man auch bei "Mobileye". "Wir unternehmen alle Anstrengungen, Hackerangriffe zu vermeiden", sagt Udi Remer, Mitarbeiter des Unternehmens. Seine Firma nutze ein System, das keine Kommunikation mit anderen Fahrzeugen erfordere. Das verringere das Risiko, weil das Einfallstor für Attacken kleiner sei. Doch absolute Sicherheit gibt es auch hier offensichtlich nicht.

Über dieses Thema berichtete B5 Radio am 31. Oktober 2017 um 06:38 Uhr.

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