Irakische Spezialeinheiten in der Nähe von Mossul | Bildquelle: REUTERS

Kampf gegen den "Islamischen Staat" Was folgt auf die Terrormiliz?

Stand: 25.10.2016 20:14 Uhr

Der Kampf um Mossul ist noch nicht entschieden, da warnen Experten bereits vor den nächsten Konflikten. Auch wenn der "Islamische Staat" aus dem Irak vertrieben werden kann, drohen dem Land weiter gravierende Probleme.

Von Julian Heißler, tagesschau.de

Die Großoffensive geht weiter. Seit einer Woche rücken irakische Regierungstruppen unterstützt von Milizen, kurdischen Kämpfern und der Anti-IS-Koalition auf Mossul vor. Die Millionenstadt im Norden des Irak ist die letzte Hochburg des sogenannten "Islamischen Staats" (IS) im Zweistromland. Doch noch ist Mossul nicht befreit. Auch die Bevölkerung leidet noch unter den Islamisten. Ein UN-Sprecher erklärte, dass die Terrormiliz einem vorläufigen Bericht zufolge bei der Schlacht um Mossul Gräueltaten an der Bevölkerung verübe. Dutzende Leichen seien in Dörfern südlich der Stadt gefunden worden.

Dabei gerät der IS militärisch immer stärker unter Druck. Insgesamt 60 Staaten beteiligen sich mittlerweile am Kampf gegen den IS, vor allem in Syrien und im Irak. Eigenen Angaben zu Folge haben sie bereits mehr als 12.000 Luftangriffe auf Stellungen der Islamisten geflogen. Mit Erfolg. Seit Beginn des vergangenen Jahres hat der IS bereits mehr als ein Drittel seines Herrschaftsgebiets eingebüßt.

Der IS steht unter Druck

Die letzten Meldungen sprechen nicht dafür, dass die Islamisten in absehbarer Zeit wieder in die Offensive kommen. So verkündeten etwa kurdische Peschmerga-Kämpfer, dass sie einen Gegenangriff des IS nahe Sindschar zurückgeschlagen hätten.

Hinzu kommt, dass die internationale Anti-IS-Koalition ab sofort auch von der  NATO mit Aufklärungsflügen unterstützt wird. Generalsekretär Jens Stoltenberg erklärte, dass der Einsatz von AWACS-Flugzeugen mittlerweile begonnen habe. Die Ausbildung irakischer Soldaten durch das Bündnis im Irak werde ebenfalls bald beginnen. Einzelne NATO-Mitgliedsstaaten, wie die USA, tun dies bereits.

Kaum Chancen auf einen schnellen Sieg

Auch in Mossul sieht sich die Terrormiliz zumindest auf dem Papier einer übergroßen Streitmacht gegenüber. Auf 4000 IS-Kämpfer kommen etwa 30.000 irakische Soldaten. Trotzdem glauben Experten nicht, dass die Schlacht um die Stadt schnell beendet sein wird. "Die eigentlichen Kämpfe haben noch nicht begonnen", sagt etwa Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), im rbb Inforadio.

Der Nahostexperte erinnert an die Einnahme Mossuls durch den IS vor zwei Jahren. Damals habe die Miliz die Stadt mit noch weniger Kämpfern erobert - obwohl ihr ebenfalls rund 30.000 irakische Soldaten gegenüberstanden. Hinzu kommt, dass die Islamisten wahrscheinlich die Bewohner der Stadt als menschliche Schutzschilde nutzen würden. Entsprechend vorsichtig fällt Steinbergs Prognose aus: "Es wird sehr schwierig sein, diese vielleicht 4000 Männer aus Mossul zu vertreiben", sagt er.

Der Kampf wird Jahre dauern

Dass der Widerstand des IS an Härte zunehmen werde, glaubt auch Joachim Krause, Direktor des Instituts für Sicherheitspolitik der Universität Kiel (ISPK). "Man kann sich nicht ewig zurückziehen. Irgendwann müssen sie kämpfen", erklärt er im Gespräch mit tagesschau.de. Die IS-Truppen seien zum letzten entschlossen und würden zunehmend verbissen gegen die Koalitionseinheiten vorgehen. Langfristig habe der IS als territoriale Macht keine Zukunft. "Der Nimbus der Unbesiegbarkeit ist weg", so Krause.

Doch auch wenn der IS seinen letzten Brückenkopf im Irak verlieren sollte, ist sein Ende noch lange nicht besiegelt. "Es könnte noch mehrere Jahre dauern, bis die Terrormiliz endgültig verschwunden ist", sagt Krause.

Irakische Armee befreit ein Dorf in der Nähe von Mossul
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Die irakische Armee befreit ein Dorf in der Nähe von Mossul

Neue Konflikte drohen bereits

Für den Irak wäre ein Sieg über die Terrormiliz jedoch noch keine Garantie für eine stabile Zukunft. Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten, der den Irak in den Jahren nach der US-Invasion in einen Bürgerkrieg stürzte, könnte wieder aufbrechen. "Der sunnitische IS konnte im Irak nur so stark werden, weil die ehemalige Regierung die Sunniten aus der Regierung drängte und die schiitischen Milizen gegen die sunnitische Bevölkerung vorgingen", so ISPK-Experte Krause. Dies dürfe sich nicht wiederholen. Schließlich hatte die Unterdrückung durch die schiitischen Milizen die sunnitische Bevölkerung teilweise dem IS in die Arme getrieben.

Neben den Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten könnte auch die Kurden-Frage erneut gestellt werden. "Im Kampf gegen den IS haben die Kurden am Boden die wichtigste Rolle gespielt", erklärt Krause. "Wenn sie als Belohnung dafür nach dem Krieg ihren eigenen Staat gründen wollen, dann ist der nächste Konflikt vorprogrammiert." Die Türkei werde einen kurdischen Staat an ihrer Südgrenze nicht akzeptieren und auch der Irak wird seine territoriale Integrität bewahren wollen. Ankara geht bereits jetzt gegen kurdische Milizen im Irak vor und stellte bereits in Aussicht, diesen Kampf auszuweiten. Gleichzeitig kooperiert die türkische Armee derzeit mit den Kämpfern der Peschmerga, die eine weitgehende Autonomie im Norden des Irak anstreben.

Sunniten gegen Schiiten

Zudem kündigte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bereits an, auch am Kampf um Mossul teilnehmen zu wollen. Die Regierung in Ankara teilte bereits mit, durch Artilleriebeschuss 17 IS-Kämpfer getötet zu haben. Auch den Einsatz von Bodentruppen behält sich die türkische Regierung vor. Das Problem: Der irakische Regierungschef Haidar al-Abadi lehnt ein Eingreifen türkischer Truppen vehement ab.

"Die Türkei präsentiert sich als Schutzmacht der irakischen Sunniten", so Krause. Die Bevölkerung von Mossul ist überwiegend sunnitisch, während im Irak insgesamt die Schiiten die Mehrheit stellen.

Sunniten gegen Schiiten, Türkei gegen Kurden - das Konfliktpotenzial im Irak wird auch nach einem Sieg über den IS hoch bleiben. Das Land werde auch in Zukunft kein friedlicher Ort sein, so Sicherheitsexperte Krause.

Anti-IS-Koalition bereitet Befreiung von Rakka vor

Die internationale Anti-IS-Koalition bereitet sich darauf vor, die syrische Stadt Rakka von der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zu befreien. "Während wir hier stehen, helfen wir, die lokalen Kräfte aufzubauen, die das tun werden", sagte US-Verteidigungsminister Ashton Carter nach einem Treffen in Paris. Unter der Leitung Frankreichs und der USA hatten Verteidigungsminister aus insgesamt 13 Ländern dort über das weitere Vorgehen im Irak und in Syrien beraten.

Die Befreiung Rakkas habe die gleiche Dringlichkeit wie die Rückeroberung Mossuls, sagte der US-Verteidigungsminister. Sie könne nur von denjenigen geleistet werden, die vor Ort lebten. Dem IS solle eine "dauerhafte Niederlage" beigebracht werden, dies könne "nicht von außen" gelingen, fügte Carter hinzu.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 25. Oktober 2016 um 08:43 Uhr

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