Ermittler ziehen sich strahlungsabweisende Schutzanzüge an, um die Bank im britischen Salisbury zu untersuchen, auf der Skripal und seine Tochter gefunden wurden. | Bildquelle: AFP

Vergifteter Ex-Doppelagent Sergej Skripal geht es deutlich besser

Stand: 06.04.2018 15:07 Uhr

Der vergiftete Ex-Doppelagent Sergej Skripal ist nicht mehr in kritischem Zustand. Die Vorwürfe gegen Russland werden lauter. Die "Times" berichtet von einem Geheimprogramm zur Entwicklung des Nervengifts Nowitschok.

Mehr als einen Monat nach dem Giftanschlag geht es dem ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal deutlich besser. Das berichteten seine Ärzte in der südenglischen Kleinstadt Salisbury. "Er spricht gut auf die Behandlung an, seine Gesundheit verbessert sich schnell, und er ist nicht mehr in kritischem Zustand", teilten die Mediziner mit.

Zuvor war bereits bekannt geworden, dass sich auch das Befinden dessen Tochter Julia inzwischen deutlich verbessert hat. Anfang März waren beide bewusstlos aufgefunden worden. Großbritannien gibt Russland die Schuld an der Vergiftung der beiden.

Nervengift aus Schichany?

Das bei dem Anschlag verwendete Nervengift soll einem Bericht zufolge aus einer russischen Militärforschungsanlage in Schichany stammen. Dort seien kleinere Mengen des Kampfstoffs Nowitschok gelagert worden, berichtete die britische Zeitung "The Times". Die Einrichtung liegt im Gebiet Saratow an der Wolga.

Nach Angaben des britischen Chemiewaffen-Experten Hamish de Bretton-Gordon, wiesen Geheimdienstinformationen klar auf die Forschungsanlage hin. Die dort gelagerten Mengen seien ausreichend für Attentate, aber zu gering für militärische Einsätze gewesen.

Kreml weist Bericht zurück

Der Kreml wies den Bericht umgehend zurück. "Alle Standorte, an denen Chemiewaffen gelagert wurden, sind bekannt. Schichany gehört nicht dazu", sagte Michail Babitsch, der Kremlvertreter im Förderationskreis Wolga, der Agentur Interfax. Russland hat nach eigener Darstellung alle seine Chemiewaffen zwischen 2002 und 2017 vernichtet.

Fall Skripal: Vassili Golod, ARD Moskau, zur Position Russlands
tagesschau 24 14:30 Uhr, 06.04.2018

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Weitere Anschuldigungen

Der britische Botschafter in Berlin, Sebastian Wood, legte in einem Interview im Deutschlandfunk mit schärferen Anschuldigungen nach: In Russland werde weiterhin mit dem Nervengift Nowitschok experimentiert, sagte er.

"Unsere Nachrichtendienste wissen, dass es dieses Geheimprogramm zum Nowitschok-Giftstoff gibt, das die russische Regierung nie offengelegt hat", sagte Wood und forderte Russland auf, dies nachzuholen. Es gehe um einen Verstoß gegen die Chemiewaffen-Konvention - denn dass alle Kampfgifte aus den Zeiten der Sowjetunion vernichtet worden seien, wie Russland behauptet, sei "falsch, völlig falsch".

"Höchstwahrscheinlich ein Anschlag des russischen Staates"

Wood gab sich im Deutschlandfunk sicher: "Wir wissen schon, dass die russischen Behörden experimentiert haben, wie man dieses Nervengift am besten einsetzt, um Menschen zu töten." Auch dass Russland Menschen wie Skripal als Anschlagsziele betrachte, sei bekannt. Somit komme man zum Schluss, dass der Angriff "höchstwahrscheinlich ein Anschlag des russischen Staates war, und deshalb mussten wir alle gemeinsam reagieren".

Bundesregierung unterstützt London

Die Bundesregierung teilt die neuen britischen Vorwürfe. Man halte sie für "äußerst plausibel", sagte Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer. Sie sprach von einem "destruktiven Verhalten" Russlands, das auf konkrete Fragen der britischen Regierung nicht geantwortet habe. Man sehe ein "Muster russischen Verhaltens", das immer wieder völkerrechtswidriges Vorgehen zeige.

Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes betonte, der Westen sage nicht: "Es war Nowitschok, also war es Russland. Sondern: Es war Nowitschok, und wir verfügen über eine ganze Reihe von anderen Erkenntnissen", sagte er. Die Bundesregierung könne diese aber nicht alle öffentlich machen. Im "Gesamtschluss" gebe es eine "sehr hohe Wahrscheinlichkeit", dass Russland hinter dem Anschlag stecke.

Skripals Tiere sind tot

Auch etliche weitere EU-Länder und die USA machen den russischen Staat für den Angriff verantwortlich und haben als Reaktion eine Reihe russischer Diplomaten ausgewiesen - ein Schritt, den Russland gleichermaßen beantwortete.

Die russische Regierung weist jede Beteiligung an dem Anschlag zurück, fordert konkrete Beweise und hat eine Reihe ungeklärter Fragen in den Raum gestellt - etwa, warum Skripals Haustiere beim Kontakt mit dem Gift nicht verendet seien. Eine Sprecherin des britischen Umweltministeriums erklärte nun, die Tiere seien tot: Als ein Tierarzt Zugang zum Grundstück Skripals erhalten habe, "waren zwei Meerschweinchen leider gestorben". Eine Katze "in erschöpftem Zustand" sei vom Tierarzt eingeschläfert worden.

Fall Skripal: Moskau weist weiterhin jegliche Verantwortung von sich
Hermann Krause, ARD Moskau
06.04.2018 17:20 Uhr

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Nervengift Nowitschok

Die Sowjetunion hat unter der Bezeichnung Nowitschok (zu deutsch Neuling) zwischen den 1970er- und 1980er-Jahren eine Serie neuartiger Nervenkampfstoffe entwickelt. Die rund 100 Varianten gehören zu den berüchtigsten Nervenkampfstoffen, die jemals hergestellt wurden. Sie können über die Haut und die Atmung in den Körper gelangen.

Das Gift ist nur schwer nachzuweisen, die Überlebenschancen der Opfer sind gering. Selbst übliche Gegenmittel wie Atropin können meist nur wenig ausrichten. Die englische Schreibweise der Kampfstoffe lautet Novichok.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 06. April 2018 um 14:30 Uhr.

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