Umfragen zur Frankreich-Wahl Sicher ist gar nichts

Stand: 10.03.2017 16:02 Uhr

Der Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich ist im Moment noch ein offenes Rennen, auch wenn aktuelle Meinungsumfragen derzeit den parteilosen Emmanuel Macron vorne sehen.

Eine Einschätzung von Marcel Wagner, ARD-Studio Paris.

Klar wollen wir alle am liebsten vorher schon wissen, was hinterher rauskommt. Das gilt beim Fußball, bei der Steuererklärung und natürlich bei Präsidentschaftswahlen. In Frankreich gibt es fast täglich neue Meinungsumfragen. Tatsächlich weichen diese untereinander so wenig voneinander ab, dass es wenig Anlass gibt, diese Momentaufnahmen nicht für aussagekräftig zu halten.

Und für den Moment dürfen sich die Europafreunde in Frankreich freuen: Gestern - am 9. März 2017 - lag nach einer Umfrage des Nachrichtensenders franceinfo zum ersten Mal der junge, unabhängige, europafreundliche Kandidat Emmanuel Macron mit 26 Porzent im ersten Wahlgang sogar vor Marine Le Pen vom rechten Front National (25 Prozent).

Le Pen in der Stichwahl chancenlos?

Ohnehin erklären Meinungsforscher, Politiker und Journalisten gerne, dass Le Pen in einer Stichwahl keinerlei Chancen hätte. Vereinfacht, weil im französischen Mehrheitswahlrecht der Grundsatz gilt: Im ersten Wahlgang wählt man den eigenen Kandidaten, im zweiten verhindert man den, den man nicht will. Und das, so die einhellige Meinung, ist bei den allermeisten Franzosen am Ende eben doch Le Pen, die raus will aus dem Euro und Europa. Frankreich First. Aber nicht first choice der Franzosen.

Emmanuel Macron, parteiloser Präsidentschaftskandidat in Frankreich | Bildquelle: AP
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Emmanuel Macron liegt bei aktuellen Umfragen erstmals vor Marine Le Pen.

Umfragen mit Vorsicht genießen

Ich persönlich benutze die Umfragen ebenfalls für die aktuelle Analyse. Über den Weg traue ich ihnen nicht. Denn was die Umfragen sagen, stimmt nur bedingt mit dem überein, was man im täglichen Gespräch in- und außerhalb von Paris hört: Da ist der Frust über die Entwicklung in Frankreich oft so groß, dass alte Sicherheiten überhaupt nicht mehr gelten. Bis in hochgebildete Kreise hinein wird laut darüber nachgedacht, es jetzt doch einmal mit Le Pen zu versuchen.

Junge Menschen, die weit links wählen wollen, können mit den Programmen von Macron und Fillon, dem wirtschaftsfreundlichen, konservativen Kandidaten, so wenig anfangen, dass sie beide im zweiten Wahlgang nicht einmal wählen würden, um Le Pen zu verhindern. Deren Wählerschaft dagegen ist die treueste von allen und wird garantiert im zweiten Wahlgang für sie stimmen. Jede Enthaltung bringt sie deshalb der Präsidentschaft näher.

Momentan ein offenes Rennen

Spannend werden die Fernsehduelle, bei denen die Kandidatinnen und Kandidaten sich endlich einmal wirklich mit ihren Argumenten untereinander messen müssen. Vielleicht werden die Umfragen danach etwas belastbarer.

Aber wer hätte schon an den Brexit geglaubt? Oder an Donald Trump? Ich persönlich halte im Moment das Rennen um die französische Präsidentschaft für vollkommen offen.

Ja, Macron sieht aktuell wie der mögliche, künftige Präsident aus, aber ist Fillon mit all seinen Affären aus dem Rennen? Nein, ist er nicht! Kann Le Pen auf keinen Fall Präsidentin werden? Doch, das kann sie! Wer den Umfragen zu sehr glaubt, ist am Ende vor (bösen) Überraschungen nicht gefeit.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio Kultur am 11. März 2017 um 07:21 Uhr

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