Wrackteil von MH17 | Bildquelle: AFP

Vier Jahre nach MH17-Abschuss Wer erlaubt Flüge über Kriegsgebiete?

Stand: 17.07.2018 04:10 Uhr

Vor vier Jahren wurde Flug MH17 über der Ostukraine abgeschossen. Wer entscheidet, welche Krisengebiete überflogen werden dürfen - und welche Maßnahmen halten Piloten für notwendig?

Von Jan-Peter Bartels, HR

"Möchten Sie noch einen Kaffee?", fragt der Flugbegleiter zehn Kilometer über Afghanistan. Unten wird gekämpft, oben das Mittagessen abgeräumt: Jeden Tag wird das Land von mehreren Linienmaschinen überflogen, beispielsweise auf der Strecke von Frankfurt nach Neu-Delhi. Auch über anderen Konfliktgebieten herrscht reger Verkehr.

Wer entspannt in den Urlaub fliegen will und sich auf seinem Monitor den Flugweg anzeigen lässt, könnte beunruhigt fragen: Wie sicher ist das eigentlich, mitten über Afghanistan, dem Irak oder der Ukraine?

Überflugrechte bringen Geld

Die Antwort auf diese Frage darf zuerst jedes Land selbst geben - der Luftraum gehört schließlich zum Hoheitsgebiet. Überflugrechte sind ein Politikum und bringen unter anderem Geld. Da beginne das Problem, sagt Janis Schmitt vom Pilotenverband Cockpit: "Kaum ein Land gibt schnell und freiwillig zu: Bei uns brennt die Luft, fliegt lieber woanders lang. Da spielen auch nationale Interessen eine Rolle."

2014 hatte die ukrainische Regierung nur Teile ihres Luftraums gesperrt. Zivile Linienflüge auf 10.000 Meter Höhe waren weiterhin möglich, deswegen war Flug MH17 über der Ukraine in der Luft.

Überflugverbot aktuell nur über Syrien

Doch auch die deutsche Regierung hat in bestimmten Fällen ein Mitspracherecht. Hält das Bundesverkehrsministerium eine Region - egal, wo in der Welt - für zu gefährlich, kann sie deutschen Airlines den Überflug verbieten. So steht es im Luftverkehrsgesetz (LuftVG §26a).

Wie ein Ministeriumssprecher erklärt, kann die Behörde Empfehlungen herausgeben oder Warnungen beziehungsweise Verbote aussprechen - je nachdem, wie die Sicherheitslage von Geheimdiensten und Experten bewertet wird. Ein tatsächliches Überflugverbot gebe es aber aktuell nur für Syrien.

Screenshot Flugrouten von flightradar24.com | Bildquelle: Screenshot flightradar24.com
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Die Website "flightradar24.com" zeigt, wie die Flugzeuge um Syrien herum fliegen.

Piloten wünschen sich stärkere politische Einmischung

Entscheidungsfreudiger - und vor allem restriktiver - wünschen sich die Piloten die Behörde. "Wenn die Airlines das Risiko selber bewerten und entscheiden dürfen, können auch wirtschaftliche Aspekte eine Rolle spielen", sagt Pilotenvertreter Schmitt. "Es sind Fälle bekannt, da wurden Kapitäne unter Druck gesetzt, nachdem sie Krisengebiete umfliegen wollten und somit aus Sicht der Airline Mehrkosten generiert hätten." In einem anderen Fall habe eine kleinere deutsche Airline sogar gegen ein Verbot geklagt, um einen Flughafen in einem Krisengebiet weiter anfliegen zu können.

"Natürlich geht die Kostenfrage auch in die andere Richtung", sagt ARD-Luftfahrtexperte Michael Immel. "Die Airlines achten darauf, sichere Strecken zu fliegen, weil jeder Vorfall sie viel Geld kosten und dem Image schaden kann." Meist gebe es eigene Experten, die Risiken analysieren.

Die aus Trümmern wieder zusammen gesetzte Boeing 777 der Malaysia Airlines, die als Flug MH17 über der Ukraine abgeschossen wurde. | Bildquelle: dpa
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Die aus Trümmern wieder zusammen gesetzte Boeing 777 der Malaysia Airlines, die als Flug MH17 über der Ukraine abgeschossen wurde.

Bei der Lufthansa arbeite daran eine ganze Abteilung, sagt deren Sprecher Michael Lamberty. Diese tausche sich mit Behörden aus, recherchiere auch selbst zur Gefährdungslage. So könne man schneller handeln. "Kerosin zu sparen ist bei uns absolut kein Gesichtspunkt, Sicherheit hat die oberste Priorität." Wie andere Airlines auch habe Lufthansa entschieden, bestimmte Gebiete immer zu umfliegen, beispielsweise die Ostukraine oder Libyen. Überflögen Maschinen der Lufthansa Afghanistan und vergleichbare Krisengebiete, dann nur auf mindestens 33.000 Fuß (10.060 Meter). In dieser Höhe gelten Maschinen als sicher vor den meisten Flugabwehrraketen.

Mehr und bessere Information notwendig

So hoch unterwegs zu sein, hat MH17 allerdings nicht geschützt. "Hier hätten bessere Informationen helfen können", sagt Pilotenvertreter Schmitt. "Es gab Hinweise, dass möglicherweise stärkere Waffensysteme in der Ukraine existierten. Aber wenn dem so war, wurde es versäumt, die Informationen weiterzugeben."

Deswegen müssten Piloten mehr als bisher unabhängige Informationen über Kriegs- und Krisengebiete auf ihren Strecken erhalten, insbesondere brauche es eine zentrale, kompetent ausgestattete Stelle mit Zugriff auf alle, auch von Nachrichtendiensten bereitgestellten relevanten Informationen. "Zum Glück sind diese Fälle ja selten, hoffentlich passiert jetzt lange Zeit nichts. Aber dadurch besteht natürlich auch die Gefahr, dass sich nichts ändert. Und dass sich ein solcher Fall wiederholt, will doch keiner."

Vier Jahre nach Abschuss von MH17: G7-Minister appeliieren an Russland
Georg Schwarte, ARD New York zzt. Kanada
17.07.2018 07:46 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 15. Juli 2018 um 22:51 Uhr.

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