Ein Reporter in einem zerstörten Ort in der Ost-Ukraine
weltspiegel

Journalismus in der Ukraine Kein Zugang mehr zu "roten Zonen"

Stand: 18.04.2023 09:32 Uhr

Neue Vorgaben der ukrainischen Militärführung erschweren Journalisten den Zugang zu bestimmten Frontgebieten. Die Armee führt Sicherheitsgründe an. Ist die unabhängige Berichterstattung gefährdet?

Von Susanne Petersohn, ARD Kiew, Susanne Petersohn, ARD-Studio Kiew 

"Das ist das echte Leben", sagt Stas Kozliuk. Der Fotojournalist öffnet in einem Kiewer Café auf einem Laptop eines seiner Bilder und beginnt, von einer Begegnung mit einem Mann im Kriegsgebiet zu erzählen.

"Dieser Mann sagte mir: 'Wir haben sogar einen Billardtisch.' Und er zeigte mir diesen Raum und begann zu spielen", berichtet Kozliuk weiter. Der Raum, in dem der Mann spielt, ist völlig zerstört. Trümmerteile liegen auf dem Billardtisch. Das Haus liegt nahe der Frontlinie. 

Frontberichterstattung: Ist die Pressefreiheit in der Ukraine gefährdet

Susanne Persohn, ARD Kiew, Weltspiegel 18:30 Uhr

Neue Vorschriften - und ein Farbsystem

Kozliuk arbeitet für ukrainische und internationale Medien. Er veröffentlicht regelmäßig, auch in der "New York Times". Immer wieder reist er dafür von Kiew aus direkt an die Front.

Direkt von dort zu berichten war bislang ohne Probleme möglich. Auch hier unterschied sich die Ukraine stark von Russland, das westlichen Reportern keinen freien Zugang zur Front ermöglicht. Doch jetzt hat Kozliuk, wie alle Journalisten im Land, ein Problem. Denn die ukrainische Militärführung hat die Frontgebiete in Zonen aufgeteilt und sie mit Ampelfarben gekennzeichnet. 

Ein Reporter in einem zerstörten Ort in der Ost-Ukraine

Abbilden, was geschieht - in der Ukraine soll das nicht mehr überall möglich sein.

Zutrittsregelungen für "Zonen"

In der "grünen Zone" können sich Journalistinnen und Journalisten nach wie vor frei bewegen. In "gelbe Zonen" kommen Journalisten nur in Begleitung von Presseoffizieren. Sie bestimmen auch darüber, welche Bereiche betreten werden dürfen und welche nicht.

Gebiete, die in einer "roten Zone" liegen, sind für Berichterstatter komplett gesperrt - und das ist, wie Fotojournalist Kozliuk kritisiert, "fast die gesamte Frontlinie". Journalisten könnten nicht mehr dorthin, das sei zumindest zum jetzigen Zeitpunkt so.  

Keine transparenten Kriterien?

Auch Roman Golovenko hält das für ein Problem. Er arbeitet für das "Institute of Mass Information" (IMI) in der Ukraine und sagt, das Land brauche einfach "professionelle journalistische Berichterstattung". Die sei aber faktisch nicht mehr möglich, da die Journalisten seit der Reform nicht mehr an der Frontlinie arbeiten könnten.  

Hinzu komme, dass die Farben der Zonen und damit der Zugang für Medienschaffende jederzeit von der ukrainischen Militärführung geändert werden können. Die Kriterien dazu seien nicht transparent und wenig nachvollziehbar.

Das habe mitunter schon unfreiwillig komische Züge, sagt Golovenko. So liege die Stadt Mykolajiw in der "gelben Zone", die nur in Begleitung betreten werden könne - als Privatperson könne man aber jederzeit dorthin fahren und Bier trinken. Wenn man aber auf die Idee komme, mit dem Barkeeper ein Interview zu führen, weil der aus einem Ort an der Frontlinie geflohen sei, brauche man wieder einen Pressesprecher.

Die Streitkräfte bemühen die Sicherheit

Bohdan Senyk vom Generalstab der ukrainischen Streitkräfte versucht, das Vorgehen der Militärführung zu erklären. Er verweist auf die Kämpfe in den "roten Zonen", die Angriffe russischer Truppen und die Sicherheitslage.

Grund für die Verbote sei, "dass die Arbeit der Journalisten die Kämpfe und die Sicherheit der Soldaten, der lokalen Bevölkerung und der Journalisten selbst negativ beeinflussen kann". Das würde insbesondere an der großen Anzahl von Medienschaffenden liegen, die in der Ukraine seien. Seit dem 24. Februar 2022 seien mehr als 15.000 Akkreditierungen für Medienschaffende aus etwa 70 Ländern ausgestellt worden.

Noch nie habe es bei der Berichterstattung von Militäroperationen eine so große Anzahl akkreditierter Journalisten gegeben - ein "beispielloser Fall", meint Senyk, und betont, er sei den Medien dankbar für die objektive Berichterstattung über den Angriffskrieg. 

"Wir verbergen nichts"

Doch nun gibt es eine Unterscheidung nach Zonen. Olexij Danilow, Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats der Ukraine, bekräftigt, der Zugang für alle Journalistinnen und Journalisten solle grundsätzlich so offen wie möglich sein. Das "Gesetz des Lebens" sei doch, dass etwas, das man verstecken wolle, im ungünstigsten Moment auftauchen könne und werde. "Und deshalb verbergen wir nichts."

Dennoch: Die Einführung der Zonen hält er für richtig und verweist wie Senyk auf die Sicherheit der Journalisten und der Menschen, die in den "roten Zonen" arbeiten. Aber ist das der einzige Grund - und warum werden die neuen Einschränkungen gerade jetzt vor einer möglichen neuen Gegenoffensive der Ukraine eingeführt? Kommentieren will das offiziell niemand. 

Acht Journalisten getötet

Zahlen von Reporter ohne Grenzen geben Danilow recht: Seit dem 24. Februar 2022 wurden acht Journalisten während ihrer Arbeit getötet, 19 wurden verletzt, 50 gerieten unter Gewehr- und Artilleriebeschuss, viele davon wurden gezielt beschossen.

Aber es ist ein Risiko, das erfahrenen Reportern wie Kozliuk bewusst ist: Journalisten wüssten, wohin sie gingen und dass es dort gefährlich sei und sie verletzt oder getötet werden könnten: "Wir alle sind uns dessen bewusst, aber gleichzeitig muss jemand diese Arbeit machen. Jemand muss zeigen, was dort passiert. Deshalb gehen wir dorthin." 

Kozliuk glaubt indes nicht, dass die Pressefreiheit im Land gefährdet ist - aus historischer Erfahrung. Die Ukrainer hätten sich so viel erkämpft - er erinnert an den proeuropäischen Aufstand von 2014. Als damals Opposition und Redefreiheit eingeschränkt wurde, als Journalisten getötet wurden, seien die Menschen auf die Straße gegangen.

"Die Ukrainerinnen und Ukrainer wissen, wie man seine Freiheit, auch die Redefreiheit, verteidigt", glaubt Kozliuk. Und es werde immer Journalisten geben, die nicht die Augen davor verschließen, wenn es in der Ukraine Probleme mit der Meinungsfreiheit gibt.

Wie viel objektive Berichterstattung von der Front in Zukunft noch möglich sein wird, weiß er nicht. Doch die ukrainischen Journalistinnen und Journalisten wollen dafür kämpfen und glauben an ihren Erfolg. Sie sind überzeugt: In der Ukraine wird es keine dauerhaften Einschränkungen der Pressefreiheit geben.

Frederik Rother, ARD Kiew, 18.04.2023 09:24 Uhr

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete das Erste am 16. April 2023 um 18:30 Uhr im "Weltspiegel".