Das GIZ-Büro in Kabul, bewacht von afghanischen Sicherheitskräften | Bildquelle: dpa

Aus dem Auto verschleppt Deutsche Frau in Kabul entführt

Stand: 17.08.2015 14:38 Uhr

Das Auswärtige Amt hält sich zwar bedeckt, doch die Behörden in Kabul haben es bestätigt: In der afghanischen Hauptstadt ist offenbar eine deutsche Entwicklungshelferin entführt worden. Ob von Terroristen oder Kriminellen, ist noch unklar.

Von Jürgen Webermann, ARD-Hörfunkstudio Südasien

Die Frau wurde am hellichten Tag entführt, in einem Stadtteil von Kabul, der zentral liegt und bei Ausländern als Wohnort beliebt ist. Auch Organisationen wie die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterhalten dort Büros. Die GIZ ist der entwicklungspolitische Arm der Bundesregierung und leistet die zivile Aufbauhilfe aus Deutschland in Afghanistan. Die Mitarbeiter sowohl der GIZ als auch anderer internationaler Organisationen in Kabul wurden aufgefordert, bis auf Weiteres zu Hause zu bleiben. Zuletzt hatte es zumindest für amerikanische und indische Staatsbürger Warnungen vor Entführungen und Anschlägen gegeben.

Markus Spieker, ARD Neu-Delhi, zur Entführung in Kabul
tagesschau 15:00 Uhr, 17.08.2015

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Terroristen oder Kriminelle?

Über die Hintergründe der Tat ist wenig bekannt. Die Frau war laut Polizei von zwei bewaffneten Männern aus ihrem Auto gezerrt und in einen anderen Wagen gezwungen worden. Die Tat sei so schnell abgelaufen, dass die Sicherheitskräfte in der Gegend nicht rasch genug reagieren konnten. Bislang hat sich noch keine Gruppe zu der Tat bekannt. Es ist durchaus auch möglich, dass Kriminelle die Frau entführt haben, um ein hohes Lösegeld zu erpressen.

Weder die deutsche Botschaft in Kabul noch das Auswärtige Amt wollten sich zu dem Fall konkret äußern. Dass die Sicherheitslage in Afghanistan schwierig sei, das sei bekannt, heißt es. Auch die GIZ kommentierte die Berichte über die Entführung nicht. Die Behörden versuchen in solchen Fällen in der Regel, sich im Hintergrund um die Freilassung von Geiseln zu bemühen und nicht zu viele Informationen preiszugeben, um die Opfer zu schützen.

Krieg und Terror in Afghanistan

In Afghanistan und auch in Kabul hat sich die Sicherheitslage auch in diesem Jahr deutlich verschlechtert. In vielen Provinzen herrscht offener Krieg. Anfang August gab es in Kabul die schlimmste Anschlagsserie seit 2011, mehr als 50 Menschen starben. Wenige Wochen zuvor war eine holländische Entwicklungshelferin entführt worden. Im Frühjahr verschwand ein deutscher GIZ-Mitarbeiter in der Provinz Kundus in Nordafghanistan. Nach Angaben der Bundesregierung konnte er sich nach sechs Wochen Geiselhaft selbst befreien und sich zum nächsten Polizeiposten durchschlagen. Für die Entführung waren Taliban-Extremisten verantwortlich. Die Taliban hatten Anfang des Jahres damit gedroht, den Krieg aus den Provinzen auch nach Kabul zu tragen.

Nach Angaben der Vereinten Nationen waren die Taliban in ganz Afghanistan im ersten Halbjahr 2015 für 239 Terroranschläge verantwortlich. Inzwischen versucht auch die Terrorgruppe "Islamischer Staat", in Afghanistan Fuß zu fassen. Offenbar waren Taliban-Kämpfer zum IS übergelaufen.

Unklarheit über Stärke der Taliban

Nachdem die Taliban Ende Juli bekannt geben mussten, dass ihr Gründer und religiöser Anführer, Mullah Omar, seit zwei Jahren tot ist, gibt es offenbar Risse in der Bewegung. Unklar ist, wie viele Taliban dem neuen Anführer Mullah Mansur folgen. Mullah Mansur gilt als offen für Friedensgespräche. Afghanistans Nachbar Pakistan hatte im Juli ein erstes Treffen zwischen Vertretern der Taliban und afghanischen Offiziellen vermittelt. Nach den schweren Anschlägen in Kabul und dem Führungswechsel bei den Taliban liegen diese Gespräche derzeit auf Eis.

Ausländer als Terrorziele

Die afghanische Regierung forderte Pakistan auf, den Taliban Rückzugsräume zu nehmen. Die Extremisten ziehen sich häufig über die Grenze nach Pakistan zurück. Ausländer sind immer wieder Ziele der Extremisten, sowohl Angehörige der NATO-geführten Truppen, die in Afghanistan die Sicherheitskräfte beraten und ausbilden sollen, als auch Zivilisten. Im Mai kamen bei einem Angriff auf ein beliebtes Gästehaus mitten in Kabul 14 Menschen ums Leben, darunter viele Ausländer. Die Innenstadt von Kabul ist eigentlich gut gesichert, es gibt mehrere Kontrollpunkte der Sicherheitskräfte. Ausländische Organisationen, darunter auch die GIZ, hatten zuletzt angesichts der Sicherheitslage Mitarbeiter aus Afghanistan abgezogen.

Offenbar deutsche Entwicklungshelferin entführt
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
17.08.2015 14:34 Uhr

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