Das zentrale Krankenhaus in Rakka in Trümmer | Bildquelle: AFP

IS-Hochburg Bis zuletzt deutsche Islamisten in Rakka

Stand: 17.10.2017 14:23 Uhr

In Rakka, der einstigen Hochburg der IS-Terrormiliz, verschanzten sich bis zuletzt mehr als ein Dutzend deutsche IS-Kämpfer. Das haben Recherchen von NDR und SWR ergeben. Zuvor hatten sich Hunderte syrische IS-Kämpfer ergeben.

Von Volkmar Kabisch und Amir Musawy, NDR

Bis zuletzt verschanzten sich mehr als ein Dutzend deutschstämmiger Anhänger der Terrormiliz "Islamischer Staat" im syrischen Rakka. Das erfuhren der NDR und der SWR von deutschen Sicherheitsbehörden. Darüber hinaus lägen Hinweise vor, wonach sich noch insgesamt etwa 300 Deutsche in dem immer kleiner werdenden Gebieten des einstigen "Kalifats" aufhielten. Zuletzt hätten sich allerdings mehrere Deutsche ergeben.

Rakka ist die einstige inoffizielle Hauptstadt des IS. Mit dem Verlust Rakkas wird die Terrormiliz auch die Anlaufstelle der aus Deutschland ausgereisten Kämpfer verlieren: In keiner anderen Stadt ihres "Kalifats" hatten sich zwischenzeitlich so viele der insgesamt 940 deutschen Islamisten aufgehalten wie in der syrischen Kleinstadt am Euphrat.

IS-Kämpfer versuchen zu fliehen oder zu desertieren

Während sich die kurdisch-arabische Allianz, die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), am Boden von Haus zu Haus kämpfte, versuchten gleichzeitig ausländische IS-Kämpfer aus der Stadt zu fliehen oder zu desertieren.

Unter den Deserteuren: der Deutsch-Bosnier Muhammad H. aus Duisburg. Er war vor kurzem mit seiner Ehefrau Nancy S. zu den kurdischen Truppen geflohen und befindet sich mittlerweile im Nordirak in Haft. Seine Frau kehrte bereits nach Deutschland zurück. Ein Haftbefehl liegt gegen sie offenbar nicht vor. Muhammad H. soll vom Abu-Walaa-Netzwerk für den Kampf in Syrien rekrutiert worden sein. Abu Walaa gilt aus Sicht der Bundesanwaltschaft als die zentrale Führungsfigur der IS-Terrormiliz in Deutschland. Er und vier weitere Beschuldigte stehen derzeit in Celle wegen Unterstützung und Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung vor Gericht.

Erbitterter Krieg um das National-Krankenhaus

Andere hielten dem IS bis zum Schluss die Treue: Im Stadtzentrum Rakkas tobte ein erbitterter Krieg um das National-Krankenhaus. Ein Offizier der Demokratischen Kräfte Syriens, der für die Befreiung des Stadtzentrum Rakkas zuständig war, erklärte gegenüber dem NDR, dass sich in dem Krankenhaus bis zuletzt Kämpfer der Terrormiliz verschanzt hatten und dabei Zivilisten als Schutzschilde nutzten. 

Das ist jenes Krankenhaus, in dem bis vor kurzem ein deutscher Islamist für den IS-Geheimdienst eingesetzt war. Er gehörte zu den führenden Figuren in den Reihen der Terrormiliz in Rakka. Doch kurz vor dem Einmarsch des SDF hatten die Führungskräfte des "Islamischen Staates" Rakka verlassen, so der SDF-Offizier. Darunter war offenbar auch der Deutsche. Er hatte sich, wie viele andere Führungsfiguren, in das Euphrat-Tal mehrere Hundert Kilometer südlich von Rakka zurückgezogen. 

Hunderte syrische IS-Kämpfer ergaben sich

Im Zuge eines Abkommens örtlicher Stämme mit den Islamisten konnten vor der Befreiung mehr als 3000 Zivilisten aus der Stadt fliehen. Mehrere hundert syrische IS-Kämpfer ergaben sich, nachdem die Einigung für einen friedlichen Abzug für sie und ihre Familien erzielt worden war. Ausdrücklich von dieser Einigung ausgenommen waren ausländische IS-Kämpfer. Nach Medienberichten stockten die Verhandlungen über deren Abzug, offenbar weil der Drahtzieher des Terroranschlags in Paris 2015 unter ihnen sein soll.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Oktober 2017 um 23:40 Uhr. Am 17. Oktober 2017 berichtete NDR Info um 14:45 Uhr in den Nachrichten.

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