Madame Lips im Flüchtlingslager bei Calais

Hilfe im Lager von Calais Mama Lips - alles für die Flüchtlinge

Stand: 11.08.2015 13:19 Uhr

Schlimmer als in Krisengebieten - so kritisieren Hilfsorganisationen die Zustände rund um die Flüchtlingslager bei Calais. Die Bevölkerung nennt die Lager "Dschungel", selten ist das positiv gemeint. Doch engagierte Bürger helfen den Migranten - und diese Hilfe beginnt am Telefon.

Von Janine Bechthold und Navina Lala, ARD-Studio Paris

Madame Lips wird schon erwartet. Vor ihrer Garage stehen Flüchtlinge. Auf ihrem Weg nach England sind sie im nordfranzösischen Calais gestrandet. Meistens sind es junge Männer aus Afghanistan, Sudan, Syrien oder Eritrea, aus den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt.

"Mum" oder "Mummy" nennen die Flüchtlinge Brigitte Lips, und tatsächlich ist die 58-Jährige so etwas wie eine Mutter für die meisten. Sie versucht zu helfen, was nicht alle tun in Calais.

Unter den Flüchtlingen ist sie bekannt, weil sie jahrelang die Handys der Migranten aufgeladen hat. Ein wichtiger Dienst für Menschen, die alles hinter sich gelassen haben. Denn nur mit einem vollen Akku können sie mit ihren Familien in der Heimat telefonieren.

"Die meisten Menschen, die hier auf ihrer Flucht nach England festsitzen, sind auf sich selbst gestellt. Weder die Stadt, noch die Region, noch das Land scheinen sich für sie verantwortlich zu fühlen", schildert Lips die Situation.

Unterwegs im "Dschungel" von Calais
11.08.2015, Navina Lala, Sissy Schneider

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Gelebte Nächstenliebe

Seit das Flüchtlingslager im benachbarten Städtchen Sangatte im November 2002 geschlossen wurde, herrschen in der Region unerträgliche Umstände. Die Migranten leben in provisorischen Lagern im Wald, in den Dünen, auf Parkplätzen und in den Grünanlagen der Stadt.

Vereinigungen und Bürger helfen seitdem ehrenamtlich mit Essen, Decken, Zelten - und Madame Lips mit dem Aufladen der Handys. Aber nicht nur: Seit knapp 15 Jahren ist sie rund um die Uhr für die Hilfesuchenden da. Sie liefert nicht nur materielle Hilfe. Sie hat immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte. Einen guten Ratschlag und ein Stückchen selbstgebackenen Kuchen nimmt fast jeder mit. Für die gläubige Katholikin ist das ein Akt der Nächstenliebe.

Madame Lips im Flüchtlingslager bei Calais
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Immer ein offenes Ohr für Sorgen und Nöte - Mama Lips hilft den Flüchtlingen bereits seit vielen Jahren.

Vom alten in den neuen "Dschungel"

Bis vor einigen Monaten hat Brigitte Lips pro Tag zwischen 100 und 150 Handys aufgeladen. So war das, als es noch den "Dschungel" - ein illegales Zeltlager in der Nähe von Brigittes Haus gab, ohne fließendes Wasser, ohne Toiletten und eben ohne Strom. Monatelang harrten die illegalen Flüchtlinge dort im Dreck aus, bevor es ihnen vielleicht gelang, auf eine Fähre nach England, oder auf einen Lkw zu kommen.

Inzwischen hat die Stadt ein Tageszentrum für Flüchtlinge eingerichtet. Am Rande von Calais, zwischen der Autobahn und dem Meer, bietet das Zentrum Platz für 1500 Menschen. Sie erhalten dort Essen, es gibt fließendes Wasser, Duschen und Toiletten. Und es gibt Stromanschlüsse, um Handys zu laden ...

"Dieses Zentrum ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Es reicht nicht für die mindestens 3000 Flüchtlinge, die derzeit in Calais sind. Aber sie haben es nun ein kleines bisschen besser als vorher", sagt "Mama" Lips.

Tatsächlich gibt es neben dem Tageszentrum auch schon ein neues Zeltlager: illegal, aber von der Stadt und den Behörden geduldet. "Neuer Dschungel" oder "staatlicher Slum" nennen die Hilfsorganisationen das neue Camp.

Migranten im Flüchtlingslager "Neuer Dschungel" bei Calais | Bildquelle: AFP
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Leben unter Planen oder im Zelt: Nach Calais kommen weiter viele Flüchtlinge.

Ein Flüchtling hält sich bei Calais auf dem Dach eines Lkw fest, um nach Großbritannien zu gelangen. | Bildquelle: dpa
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Über den Eurotunnel wollen sie nach Großbritannien, gleich, wie riskant die Fahrt wird.

Schlechtere Standards als in Krisengebieten

Die Koordinatorin von "Médécins du Monde"- Ärzte der Welt, Isabelle Bruand, leitet ein provisorisches Zeltkrankenhaus am Rande dieses Slums. Hier sorgen 15 ehrenamtliche Helfer für die medizinische Versorgung der Flüchtlinge. Zwei Ärzte und drei Krankenschwestern behandeln hier die Verletzungen und Erkrankungen der Migranten. "Meist kommen sie mit Brüchen und Schürfwunden, die sie sich zuziehen, wenn sie versuchen, auf die Lkw zu springen, in die Züge zu gelangen oder über die Zäune zum Hafen zu klettern", erklärt Isabelle Bruand. Durch die miserablen Hygienebedingungen gibt es auch Fälle von Krätze, Durchfall und Infektionskrankheiten.

"Ärzte der Welt" und andere Hilfsorganisationen fordern die Behörden auf, dringend mehr Plätze für die Flüchtlinge zu schaffen. Es sei nicht akzeptabel, dass Menschen unter diesen Bedingungen in Frankreich leben müssten. "Keine echten Unterkünfte, unzureichende Hygiene und medizinische Versorgung - die humanitären Standards auf internationaler Ebene sind besser als das was hier praktiziert wird. Flüchtlingslager in Krisengebieten sind besser ausgestattet als dieses hier", kritisiert Isabelle Bruand.

Das Zentrum reiche nicht. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass immer mehr Flüchtlinge nach Calais strömten und durch die verstärkten Sicherheitsmaßnahmen an der französisch-englischen Grenze immer weniger ihre Reise fortsetzen könnten.

Zelt der Hilfsorganisation "Ärzte der Welt" in Calais
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Die Krankenhauszelte von "Ärzte der Welt" stehen im neuen Flüchtlingslager in den Dünen zwischen Autobahn und Meer.

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