Schwerbewaffnete Sicherheitskräfte patrouillieren am Flughafen von Brüssel. | Bildquelle: REUTERS

Ermittlungen nach Brüssel-Anschlägen Belgiens Terror-Fahnder unter Druck

Stand: 24.03.2016 18:01 Uhr

Hätten die Anschläge in Brüssel verhindert werden können? Die Regierung steht unter Druck, zwei Minister boten ihren Rücktritt an. Mindestens ein Attentäter läuft weiter frei herum. Die Behörden bestätigten inzwischen eine Verbindung zu den Paris-Anschlägen.

Von Kai Küstner, ARD-Studio Brüssel

Puzzleteil für Puzzleteil versuchen Belgiens Sicherheitskräfte jenes Bild zusammenzusetzen, das am Ende Aufschluss geben soll über die Terroranschläge von Brüssel. Doch noch sind viele beunruhigende Fragen offen: So geht die Jagd nach dem dritten mutmaßlichen Flughafenattentäter weiter. Zwei hatten sich dort in die Luft gesprengt. Doch jener - noch unbekannte - Mann, der auf dem Fahndungsfoto mit heller Jacke und dunklem Hut zu sehen ist, ist weiter auf der Flucht, bestätigte die Staatsanwaltschaft.

Was das zweite Anschlagsziel, die Brüsseler Metro betrifft, so ist bekannt, dass es einer der belgischen El-Bakraoui-Brüder war, der sich in einem Waggon der Metro in die Luft sprengte. Verschiedene belgische Medien berichten nun, dass er möglicherweise einen Helfer hatte: Auf einem Video der Überwachungskameras sei ein Mann zu sehen, der neben Khalid El Bakraoui gehe und eine große Tasche trage, so heißt es. Die Staatsanwaltschaft bestätigte dies nicht.

Dennoch wächst die Kritik an den belgischen Behörden, auch innenpolitisch. "Es ist nötig, dass unsere Bürger wieder Vertrauen in die Institutionen gewinnen. Das geht nur, wenn sie Antworten bekommen", bemängelte Zakia Khattabi, Vize-Chefin der belgischen Grünen.

Minister wollten zurücktreten - abgelehnt

Die Kritik zeigt, unter welchem Druck die Regierung mittlerweile steht. Der Innen- und der Justizminister reichten ihre Rücktritte ein. Premier Charles Michel wies die Gesuche jedoch zurück. Unter Druck geriet die Führungsebene zum Beispiel durch die Erklärung des türkischen Präsidenten. Recep Tayyip Erdogan hatte erklärt, sein Land habe im Sommer 2015 einen der El-Bakraoui-Brüder nach Belgien abgeschoben, nachdem er an der syrischen Grenze festgenommen worden war. "Wir haben damals gewarnt, dass es sich um einen ausländischen Terror-Kämpfer handelt", so Erdogan.

Belgiens Justizminister wehrt sich: El Bakraoui sei nicht nach Belgien, sondern in die Niederlande geschickt worden. Doch der Vorwurf steht weiter im Raum, dass die belgischen Behörden die Gefährlichkeit der El-Bakraoui-Brüder unterschätzten.

Verbindung zu Paris-Attentätern

Immer konkreter werden die Hinweise, dass es eine Verbindung zu den Anschlägen von Paris gibt. Und zwar auch durch die El-Bakraoui-Brüder: Der jüngere der beiden wurde seit Dezember 2015 per Haftbefehl gesucht, weil er eine Wohnung für die Paris-Terroristen in Belgien angemietet haben soll, bestätigt nun die Staatsanwaltschaft. Zusätzlich soll er, Berichten zufolge, Mieter auch genau jenes Appartement in Süd-Brüssel gewesen sein, in dem sich zeitweise auch Salah Abdeslam aufhielt - einer der Hauptverdächtigen im Zusammenhang mit den Paris-Anschlägen, der in Belgien in Haft sitzt.

Abdeslam will nun doch so schnell wie möglich an Frankreich ausgeliefert werden. Das teilte sein Anwalt Sven Mary überraschend mit. Mit den Anschlägen von Brüssel will Abdeslam nichts zu tun haben. Doch mittlerweile spricht einiges dafür, dass es sich bei den Paris- und den Brüssel-Attentaten um ein und dieselbe, gleichwohl erschreckend große, Terrorzelle handelt.

Belgiens Terror-Fahnder unter Druck
K. Küstner, ARD Brüssel
24.03.2016 17:43 Uhr

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Was in Brüssel geschah

* Bei den Anschlägen auf den Flughafen und die U-Bahn starben mindestens 31 Menschen. Rund 300 wurden verletzt.
* Die Anschläge wurden von mindestens vier Personen ausgeführt. Dazu gehören zwei Brüder, deren Namen die Staatsanwaltschaft mit Ibrahim und Khalid Al Bakraoui angibt. Einer habe sich auf dem Flughafen, ein anderer in der Metro in die Luft gesprengt. Der zweite Selbstmordattentäter am Flughafen ist der 24-jährige Najim Laachraoui, der auch an den Anschlägen von Paris beteiligt gewesen sein soll. Die Identität eines dritten Mannes, der mit den anderen beiden Attentätern unterwegs war und gefilmt wurde, ist unklar. Er ist auf der Flucht.
* Zu den Anschlägen bekannte sich die Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat".

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