Luftbild: Anschlag in Brüssel, Quelle: Bing

Ermittlungen nach Anschlägen in Brüssel Ein Bruder in der Metro, der andere im Airport

Stand: 23.03.2016 19:01 Uhr

Am Tag nach den Anschlägen von Brüssel ist klar: Zwei der Attentäter waren Brüder. Einer sprengte sich am Flughafen in die Luft, der andere in der Metro. Derweil berichten Medien vom Tod des Terrorverdächtigen Laachraoui. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es aber nicht.

An den Brüsseler Anschlägen waren nach bisherigen Erkenntnissen mindestens vier Attentäter beteiligt: Drei am Flughafen, einer in der Metro. Die belgischen Ermittler konnten zwei der Selbstmordattentäter als Brüder identifizieren.

Das Foto von Interpol zeigt die Brüder Khalid El Bakraoui (links) und Ibrahim. | Bildquelle: AFP
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Das Foto von Interpol zeigt die Brüder Khalid El Bakraoui (links) und Ibrahim.

Der Anschlag auf die U-Bahn im Europa-Viertel sei durch Khalid El Bakraoui verübt worden, sagte Staatsanwalt Frédéric Van Leeuw. Khalids Bruder Ibrahim sei einer der beiden Selbstmordattentäter am Flughafen gewesen. Er habe sich in der Abflughalle in die Luft gesprengt. Beide gehörten möglicherweise zur gleichen Terrorzelle wie der vergangene Woche verhafteten mutmaßliche Paris-Attentäter Salah Abdeslam. Der 26-Jährige soll eine maßgebliche Rolle bei den Anschlägen in der französischen Hauptstadt im vergangenen November gespielt haben. 130 Menschen starben damals.

Wer ist der Mann mit dem Hut - und wo ist er?

Die Identität des zweiten Selbstmordattentäters am Flughafen konnte dem Staatsanwalt zufolge bisher nicht geklärt werden. Von beiden Flughafenattentätern und einem dritten Mann gibt es ein gemeinsames Fahndungsfoto. Darauf trägt der Verdächtige eine helle Jacke und einen Hut. "Der dritte Mann ist auf der Flucht", führt Van Leeuw aus. Der Sprengsatz in der von ihm zurückgelassenen Tasche sei der größte gewesen. Er sei erst explodiert, als Sicherheitskräfte ihn kontrolliert sprengen wollten, "weil er so instabil war". Ein wichtiger Zeuge ist der Taxifahrer, der alle drei morgens zum Flughafen brachte und sie dann auf dem Fahndungsfoto wiedererkannte.

Im Zusammenhang mit den Ermittlungen zu den Anschlägen in Paris und auch Brüssel fällt auch immer wieder der Name Najim Laachraoui. Ob es sich aber bei dem dritten Mann auf dem Fahndungsfoto am Brüsseler Flughafen um den seit Tagen gesuchten Laachraoui handelt, ist offen. Nach unbestätigten Medienberichten ist Laachraoui tot. Er sei einer der Selbstmordattentäter gewesen, die sich auf dem Brüsseler Flughafen in die Luft gesprengt hatten, berichtete unter anderem der Sender RTBF.

Der 24-Jährige wird verdächtigt, an den Pariser Anschlägen im November beteiligt gewesen zu sein. Seine Fingerabdrücke wurden in Wohnungen gefunden, die von den Paris-Attentätern genutzt wurden. Seine DNA-Spuren fanden sich außerdem auf Sprengstoff, der an mehreren Stellen in Paris verwendet wurde. Berichte über seine Festnahme im Raum Brüssel wurden später dementiert. Ob es überhaupt eine Festnahme gab, ist unklar.

Drei Männer mit Gepäckwagen - zwei davon mit je einem Handschuh (markiert) | Bildquelle: AFP
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Dieses Bild veröffentlichte die belgische Polizei: Zwei der Männer tragen jeweils einen Handschuh.

Auf dem Fahndungsfoto vom Flughafen tragen zwei der drei Männer an ihrer linken Hand jeweils einen schwarzen Handschuh - rechts jedoch keinen. Es wird vermutet, dass sie unter den Handschuhen die Auslöser versteckt hatten, mit denen sie die Sprengsätze zündeten, die in den Koffern auf den Gepäckwagen waren.

Beide polizeibekannt, aber nicht unter Terrorverdacht

Der Flughafenattentäter Ibrahim El Bakraoui sei anhand von Fingerabdrücken identifiziert worden, sagte der Staatsanwalt. Er sei am 9. Oktober 1986 in Brüssel geboren worden und belgischer Staatsbürger gewesen. Er hinterließ dem Staatsanwalt zufolge eine Art "Testament", das auf einem Computer in einem Mülleimer im Brüsseler Viertel Schaerbeek gefunden worden sei. In diesem habe er geschrieben: "Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll, überall gejagt, nicht mehr sicher." Er habe angegeben, er wolle "nicht in einer Zelle" landen.

Auch sein Bruder Khalid El Bakraoui sei anhand von Fingerabdrücken identifiziert, sagte der Staatsanwalt. Er habe sich in der Station Maelbeek im zweiten Wagen der U-Bahn in die Luft gesprengt. Auch er war belgischer Staatsbürger, geboren am 12. Januar 1989 in Brüssel. Beide seien der Polizei wegen zahlreicher Delikte bekannt gewesen, hätten aber nicht unter Terrorismusverdacht gestanden.

Verbindung zu Abdeslam

Über ihn gibt es dem belgischen Fernsehsender RTBF zufolge eine eindeutige Verbindung zu Abdeslam. Denn er habe unter falschem Namen nicht nur eine Wohnung im Brüsseler Vorort Charleroi gemietet, in der die Paris-Attentate vom November vorbereitet wurden. Er sei auch der Mieter der Brüsseler Wohnung, die von der Polizei vergangene Woche durchsucht worden sei und die Ermittler auf die Spur von Abdeslam gebracht habe, berichtete der Sender.

Die zweite Verbindung nach Paris ist der Sprengstoff, den Brüsseler Ermittler nach den Anschlägen in der Wohnung der Brüder im Stadtteil Schaerbeek fanden. Bei den 15 Kilogramm TATP handele es sich um dieselbe Art, die auch in Paris verwendet worden sei, hieß es von der Staatsanwaltschaft. Nach Behördenangaben war es erneut der Taxifahrer, der die drei mutmaßlichen Terroristen und ihre tödliche Fracht zum Flughafen fuhr, der den entscheidenden Hinweis darauf lieferte, wo er die Männer abgeholt hatte.

Festnahme im Juni 2015 in der Türkei?

Einer der Terrorverdächtigen von Brüssel soll im Juni 2015 in der Türkei an der Grenze zu Syrien gefasst und nach Belgien abgeschoben worden sein. Dies machte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bekannt. Man habe die belgischen Behörden gewarnt, dass es sich um einen "ausländischen Kämpfer" handele. Doch der Mann sei freigelassen worden, da Belgien "keine Verbindungen zum Terrorismus nachweisen" konnte. Laut Nachrichtenagentur Reuters soll es sich um Ibrahim El Bakraoui gehandelt haben.

Auch Deutsche unter den Verletzten

Bei den Anschlägen in Brüssel waren am Dienstag nach den jüngsten Angaben der Staatsanwaltschaft 31 Menschen getötet und 270 verletzt worden. Diese Bilanz sei aber weiter vorläufig und könne sich "unglücklicherweise in den kommenden Stunden verändern", sagte Van Leeuw offenbar mit Blick auf viele Schwerstverletzte.

Nach Angaben des Auswärtigen Amts ist unter den Schwerverletzten auch mindestens ein deutscher Staatsbürger. Mehrere weitere seien verletzt worden. Eine genaue Zahl nannte das Amt nicht. Es sei auch nicht ausgeschlossen, dass Deutsche unter den Todesopfern sind.

Zu den Ermittlungen nach den Tätern der Anschläge von Brüssel sendet das Erste einen Brennpunkt um 20:15 Uhr direkt nach der Tagesschau.

Was in Brüssel geschah

* Bei den Anschlägen auf den Flughafen und die U-Bahn starben mindestens 31 Menschen. Rund 300 wurden verletzt.
* Die Anschläge wurden von mindestens vier Personen ausgeführt. Dazu gehören zwei Brüder, deren Namen die Staatsanwaltschaft mit Ibrahim und Khalid Al Bakraoui angibt. Einer habe sich auf dem Flughafen, ein anderer in der Metro in die Luft gesprengt. Der zweite Selbstmordattentäter am Flughafen ist der 24-jährige Najim Laachraoui, der auch an den Anschlägen von Paris beteiligt gewesen sein soll. Die Identität eines dritten Mannes, der mit den anderen beiden Attentätern unterwegs war und gefilmt wurde, ist unklar. Er ist auf der Flucht.
* Zu den Anschlägen bekannte sich die Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat".

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