Giftiger Schaum treibt auf dem Bellandur-See in Bangalore. (Foto aus dem Mai 2017) | Bildquelle: AP

Umweltverschmutzung in Indien Der Bellandur-See brennt

Stand: 03.11.2017 11:14 Uhr

Bangalore ist als IT-Standort weltberühmt. Weniger bekannt ist die immense Umweltverschmutzung in der indischen Stadt. Ein Beispiel dafür ist der Bellandur-See, auf dem giftiger Schaum treibt. An besonders sonnigen Tagen entzündet er sich. Für die Anwohner ist dies eine große Belastung.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi, zzt. in Bangalore

Der Traum vom Orchideen-Wohnpalast mit Seeblick - in der Wohnanlage "Orchid Lakeview" - ist für Sonal eigentlich schon ausgeträumt. "Es wird jeden Tag schlimmer", sagt sie. "Der Schaum kommt über die Straße, er kommt ins unsere Wohnung und in den Swimmingpool der Wohnanlage. Wir müssen fast immer die Fenster geschlossen halten."

Eine Plakatwerbung für die Orchid-Lakeview-Wohnanlage
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Der Traum vom Eigenheim kann am Bellandur-See zum Albtraum werden.

Seit etwas mehr als einem Jahr wohnt Sonal mit ihren beiden Kleinkindern am Bellandur-See in Bangalore. Ihr Ehemann arbeitet in der IT-Branche, für die Bangalore berühmt ist. Die Wohnanlage, in der sie sich eine Wohnung gekauft haben, könnte ein Symbol für den wirtschaftlichen Aufbruch in Indien sein. Stattdessen zeigt Sonal ihre Unterarme, auf denen sich kleine Pusteln gebildet haben. "Es kratzt. Vor allem, wenn ich koche. Also sobald ich mit Wasser in Berührung komme."

Gefährliche Schaumberge

Der Schaum, der die Pusteln verursacht, kommt vom Bellandur-See. An einem Ausläufer direkt gegenüber der Wohnanlage türmt er sich meterhoch. Es stinkt nach Kloake und manchmal entzündet sich der Schaum. Dann brennt der Bellandur-See.

Es sind Bilder, die auch den Ökologieprofessor T. V. Ramachandra aufgeschreckt haben. Er erzählt: "Das Feuer brannte orange-gelb. Das zeigt, dass Industrieabwässer die Ursache sind. Das belegt eine Analyse von Proben, die wir genommen haben. Die Seen hier werden von der Industrie missbraucht. Und die Abwässer der Stadt fließen ungeklärt hinein."

"Viel zu hohe Kupfer-, Chrom- oder Cadmium- Werte"

Ramachandra arbeitet am renommierten Indian Institute of Science. Auf seinem Computerbildschirm leuchten mehrere Karten von Bangalore. Er erläutert: "In den 70er-Jahren waren 68 Prozent der Stadtfläche Bangalores mit Grünflächen und Seen bedeckt. Wir haben ein Modell erarbeitet. Danach werden in drei Jahren nur noch sechs Prozent übrig sein. 94 Prozent der Stadt werden zubetoniert sein."

Ökologieprofessor Ramachandra
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Professor Ramachandra warnt eindringlich vor Umweltzerstörung.

Der Akademiker hat auch medienwirksam Alarm geschlagen: Falls die Stadt so weitermache, schrieb er in einer Studie, werde Bangalore in acht Jahren unbewohnbar sein. Die Luft werde giftig und das Grundwasser verseucht sein. "Die Studie zeigt, dass die Fische der Seen mit Schwermetallen belastet sind. Die Leute bauen Gemüse an, Spinat zum Beispiel oder Radieschen. Das Gemüse beinhaltet viel zu hohe Werte etwa an Kupfer, Chrom oder Cadmium. Wir zahlen also schon jetzt einen Preis."

Abschreckendes Beispiel statt Vorbild

Indiens Regierung träumt von Smart Cities - intelligenten Städten. Die deutsche Regierung unterstützt diese Idee. Bangalore mit seinen IT-Firmen, darunter auch SAP, müsste eigentlich Vorreiter sein. Stattdessen: Verkehrskollaps, überall Bauprojekte, dicke Luft, deutlich höhere Temperaturen in der Stadt.

Der Grundwasserspiegel sinkt rapide. In einigen Vierteln müssen Tanklaster die Menschen mit Wasser versorgen. Dabei gab es einst in Bangalore 1450 Seen, die die Stadt mit Wasser versorgten. Davon sind 193 Tümpel geblieben, die fast alle so verseucht sind wie der Bellandur-See.

Dabei könnte es so einfach sein: Ramachandra hat auf dem weitläufigen Campus seiner Universität gezeigt, was zu tun wäre, um Bangalore zu retten. Er hat vor 30 Jahren rund um ein Gewässer Tausende Bäume gepflanzt. "Jetzt ist hier ein kleiner Regenwald. Das Grundwasser lag früher 50 Meter tief, jetzt kann der Wald das Regenwasser speichern. Wir finden Grundwasser schon in fünf Metern Tiefe. Das zeigt, wie wichtig Seen, Teiche und Grünflächen sind."

Jürgen Webermann, ARD Neu Delhi, über die starke Verschmutzung des Bellandur-Sees
03.11.2017

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Sprenkler und Netze gegen den Schaum

Ramachandra hofft, dass seine Warnungen vor einem ökologischen Kollaps nicht zu spät kommen. Nachdem vor Kurzem wieder besonders üble Bilder vom Schaum am Bellandur-See aufgetaucht sind, wurden die Behörden tatsächlich aktiv. Sie brachten vor der Wohnanlage von Sonal Sprenkler und Netze an, um den Schaum zu stoppen.

Bewohnerin Sonal reicht das nicht: "Die Behörden gehen nicht planmäßig vor. Gibt es ein Problem, machen sie irgendetwas, aber eben ohne Strategie. Hier müssten alle Behörden gemeinsam über Maßnahmen nachdenken." Sonal und ihr Ehemann haben sich verschuldet, um die Wohnung am See zu kaufen.

Kokosnussöl gegen das Jucken

Wegziehen ist für sie bisher keine Alternative, trotz des Schaums, der die Haut angreift. "Wir nehmen Kokosnussöl, um das Jucken etwas zu lindern. Aber immer wenn wir zu einem Arzt gehen, kommt die Frage: Wo wohnen Sie? Und wenn wir Bellandur-See sagen, lautet die Antwort nur: Wie soll ich Ihnen da noch helfen?"

Sonal lächelt etwas verlegen, als sie von den Arztbesuchen erzählt. An ihrer Hand zieht Arnav, einer der beiden Söhne. Der Fünfjährige wird heute wieder drinnen spielen müssen. Es könnte sein, dass wieder giftige Schaumflocken vom Bellandur herüberwehen.

Der brennende See von Bangalore
Jürgen Webermann, NDR, Neu-Dheli
03.11.2017 11:12 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. November 2017 um 11:46 Uhr.

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