Bundeswehrsoldaten holen die deutsche Fahne im Camp in Gao (Mali) ein.
analyse

Zehnjähriger Einsatz Was nach dem Mali-Abzug bleibt

Stand: 13.12.2023 17:05 Uhr

Mehr als zehn Jahre dauerte der Einsatz der Bundeswehr in Mali. Nun haben die letzten deutschen Soldaten das Feldlager in Gao verlassen. Ist auch diese Mission, wie die in Afghanistan, gescheitert?

Von Kai Küstner, zzt. ARD-Studio Nordwestafrika

Eine grelle, orangefarbene Sonne steht knapp über einem hellblauen Fluss: dem Niger-Fluss im Norden Malis. Dieses fast schon etwas zu idyllisch wirkende Bild prangte auf dem Logo des letzten deutschen Einsatzkontingents in Gao.

Ein Logo, das die Soldatinnen und Soldaten auch als Aufnäher auf ihren Tarnuniformen getragen haben. Ein Bild von hoher Symbolkraft. Wobei nicht zu erkennen ist, ob die Sonne in Mali auf dem Logo auf- oder untergeht.

Eine Armbinde der Bundeswehr in Mali.

Dieser Aufnäher trugen die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr auf ihren Tarnuniformen während ihres Einsatzes in Mali.

Die Sinnfrage

Die Frage aber, ob das Land einer eher düsteren Zukunft entgegensieht, steht im Raum. Und damit auch die Sinnfrage: "Da sage ich: Wir haben, solange die deutsche Truppe hier war, für eine gewisse Stabilität und für mehr Sicherheit gesorgt für die Menschen, die hier vor Ort sind." Dies erklärte der Kommandeur des letzten deutschen Einsatzkontingents, Heiko Bohnsack, jüngst im ARD-Interview. Er ist, es der im deutschen Camp sozusagen als Letzter das Licht ausknipste.

Mehr oder weniger Sicherheit?

In der Tat: Niemand leugnet, dass die UN-Blauhelme und die Bundeswehr Inselchen der Stabilität im Norden Malis geschaffen, wie ein Puffer zwischen den Konfliktparteien gewirkt haben.

Ebenso wenig zu leugnen ist jedoch, dass sich trotz und während der Anwesenheit der UN-Truppen und der Bundeswehr der Einflussbereich der Terrorgruppen nicht verringert, sondern ausgeweitet hat. Mali also in den vergangenen zehn Jahren unsicherer geworden ist.

"Jetzt mit dem Abzug merkt man auch, dass deutlich mehr passiert in der Region." So sieht es Gebirgsjäger Mathias, der aus Sicherheitsgründen nur seinen Vornamen nennt:

Meiner Meinung nach wäre das deutlich früher passiert, wenn die MINUSMA-Kräfte nicht vor Ort gewesen wären. Der Konflikt von Grund auf, wurde dadurch nicht bekämpft.“ 

Nachhaltigkeit der Mission

Die Frage also ist: Wie nachhaltig waren über zehn Jahre Anwesenheit der Bundeswehr in Mali? Denn: Schon während die UN-Blauhelme in den letzten Monaten mit ihrem Abzug beschäftigt waren, prallten die Konfliktparteien wieder mit unverminderter Wucht aufeinander.

Vereinfacht gesagt: Al Kaida- und IS-Terroristen sowie Tuareg-Separatisten auf der einen und die malische Armee auf der anderen Seite. Jene malische Armee, die sich zuletzt ausgerechnet von russischen Wagner-Söldnern helfen ließ. Und verhinderte, dass die Bundeswehr zum Beispiel ihre Heron-Aufklärungsdrohnen aufsteigen lassen konnte.

Putsch während des Einsatzes

"So, das ist das Schätzchen, das nicht raus darf." Mit diesen Worten auf den Lippen schritt Verteidigungsminister Boris Pistorius bei seinem Mali-Besuch im April auf die im deutschen Camp ausgestellte Drohne mit der gewaltigen Spannweite zu. Dass dieses "Schätzchen" zum Am-Boden-Bleiben verdammt war, ist einer von zahlreichen Gründen, warum sich die Sinnfrage schon während des Einsatzes geradezu aufdrängte.

Die durch Putsch an die Macht gelangte Militärregierung Malis mobbte die Franzosen aus dem Land, setzte stattdessen zunehmend auf Russland als Partner - und wies dann Mitte Juni den UN-Blauhelmen mit der unmissverständlichen Ansage die Tür, sie hätten das Land bis Ende des Jahres zu verlassen.

"Die Regierung in Mali möchte uns offenbar nicht mehr hier haben." Stellte Feldjäger Gianluca frustriert im ARD-Interview fest. "Meine persönliche Meinung ist, dass die Nachhaltigkeit und unsere Möglichkeiten durch die Entscheidung, sich auf andere Länder zu stützen - auf Russland und vielleicht auch China - stark zurückgegangen sind."

Wiederholt sich die Geschichte?

Die Sinnfrage ist also eine, die auch die Soldatinnen und Soldaten durchaus umtreibt. Was aber ist nun mit der Zukunft Malis? Es wirkt, als wiederhole sich hier die Geschichte. Das Land droht in jenen Zustand zurückzufallen, der Anlass für das Eingreifen Frankreichs und dann der Blauhelme 2013 überhaupt erst war. Damals eskalierte die Gewalt, der Staat drohte in zwei Hälften gespalten zu werden.

"Entwicklungs-Zusammenarbeit und auch humanitäre Hilfe wird kaum noch möglich sein in Nordmali." Diese düstere Prophezeiung wagt Ulf Laessing, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Bamako, der damit rechnet, dass sich die Sicherheitslage weiter verschlechtert.

Auch wenn nach wie vor nicht geklärt ist, ob die Sonne über Mali auf dem Logo des letzten deutschen Einsatzkontingents auf- oder untergeht. Die Prognosen lauten eher, dass sie untergeht. Klar ist nur, dass die Deutschen darüber nun nicht mehr mitentscheiden werden.

Kai Küstner, ARD Berlin, zzt. Rabat, tagesschau, 12.12.2023 19:59 Uhr