Ein afghanischer Soldat schwenkt in einem Trainingslager in Kabul die afghanische Flagge | Bildquelle: REUTERS

Kampagne "Afghanistan braucht dich" Werbung für die Heimat

Stand: 09.10.2015 10:30 Uhr

Tausende fliehen vor dem Krieg aus Afghanistan. Doch gerade jetzt braucht das Land junge und gebildete Leute, sagen Moez und Shakib. Beide betreiben eine Kampagne, die die Afghanen zum Bleiben bewegen soll. Sandra Petersmann hat sie getroffen.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

Alles begann mit einer offiziellen Sommerreise in die USA für junge Führungskräfte aus Afghanistan, organisiert vom amerikanischen Außenministerium. "Wir waren zwölf Teilnehmer, aber nur acht sind nach Afghanistan zurückgekehrt, die anderen sind nach Kanada geflohen", erzählt Shakib Mohsanyar und schüttelt immer noch ungläubig mit dem Kopf. "Denen ging es gut zu Hause, die waren sehr gut gebildet und hatten gute Jobs, aber die wollten ein noch besseres Leben", sagt er.

Shakib ist 23 Jahre alt. Der junge Geschäftsmann trägt Anzug und Krawatte. Er ist in Kabul als Unternehmensberater tätig und studiert nebenbei Wirtschaftswissenschaften an einer Privatuniversität. Sein Land zu verlassen - dieser Gedanke kommt für Shakib nicht infrage. "Hier in Afghanistan kann ich meine Persönlichkeit entwickeln. Als Flüchtling bist du ein Niemand in einem fremden Land. Hier kannst du einen großen Beitrag leisten. Hier in Afghanistan kannst du ein Anführer sein."

Moez (li.) und Shakib wollen mit ihrer Kampagne "Afghanistan braucht dich" Menschen dazu bringen, trotz Kämpfen in Afghanistan zu bleiben
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Moez (li.) und Shakib wollen mit ihrer Kampagne "Afghanistan braucht dich" Menschen dazu bringen, trotz Kämpfen in Afghanistan zu bleiben

"Familien fliehen, weil andere es auch tun"

Und Shakib will will andere Afghanen überzeugen, in ihrer Heimat zu bleiben. Zusammen mit fünf Freunden hat er darum am 21. September die Kampagne "Afghanistan braucht dich" in den sozialen Medien gestartet. Die Facebook-Seite der jungen Aktivisten steuert auf 6000 Likes zu.

Für Moez Popalzai war es überhaupt keine Frage, dass er mitmacht. Moez ist ein Jeanstyp, ebenfalls 23 Jahre alt und Grafikdesigner. Er hat seine Kindheit als Flüchtling in Pakistan verbracht. Seine Familie ist erst 2010 nach Kabul zurückgekehrt. "Nicht allen, die jetzt fliehen, geht es hier schlecht. Einige wissen ja gar nicht, warum sie fliehen. Sie tun es, weil alle anderen auch fliehen. Die haben keine Ahnung, worauf sie sich einlassen", sagt der frühere Flüchtling.

Afghanische Zivilisten aus Mardschah auf der Flucht | Bildquelle: AP
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Tausende Afghanen fliehen aus ihrer Heimat

Shakib und Moez stammen aus guten Elternhäusern. Sie sind gebildet und hoch motiviert. Sie müssen sich keine finanziellen Sorgen machen. Auch Moez hat bereits viele Freunde an die Reise ins Ungewisse verloren. "Wenn du nach Europa fliehen willst, musst du den Schleppern mindestens 10.000 Dollar zahlen. Mit der Hälfte kannst du dir hier in Afghanistan ein kleines Geschäft aufbauen und Geld verdienen. Dein Land braucht dich hier. Deine Regierung braucht dich, um eine bessere Gesellschaft aufzubauen", fasst Moez die Leitlinien der Kampagne in Worte.

Trotz neuen Kämpfen den Mut nicht verlieren

Als die "Afghanistan braucht dich"-Kampagne gerade zwei Wochen alt ist, erobern die Taliban Kundus. Es ist das erste Mal seit dem Sturz des Taliban-Regimes vor 14 Jahren, dass die Islamisten eine Provinzhauptstadt erobert haben. Der Kampf um Kundus hält bis heute an, Tausende Familien sind auf der Flucht. Auch Moez und Shakib sind erschüttert über diese Entwicklung. Den Mut dürfe man trotzdem nicht verlieren, sagt Shakib: "Das ist ein großer Schock für alle, die hier im Land leben. Aber das ist nicht das erste Mal in unserer Geschichte, dass so etwas passiert. Wir haben niemals die Hoffnung verloren. Wir müssen mithelfen und im Land bleiben, wenn wir Frieden wollen."

Auch die afghanischen Medien zeigen die schrecklichen Bilder von ertrunkenen Flüchtlingen, die an Europas Stränden angespült werden. Doch der Exodus geht weiter. In den ersten neun Monaten des Jahres haben mehr als 300.000 Menschen allein in Deutschland Asyl beantragt - darunter mehr als 16.000 Afghanen.

Shakib und Moez wollen sich trotzdem weiter für ihre Heimat einsetzen. Und sie glauben an eine bessere Zukunft Afghanistans. "Wandel braucht Mut und Geduld", sagen die Beiden.    

Dieser Beitrag lief am 09. Oktober 2015 um 12:27 Uhr auf NDR Info.

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