Finanzdistrikt in London | Bildquelle: dpa

Datenleck bei "World-Check" Unschuldig auf der schwarzen Liste

Stand: 24.06.2017 01:00 Uhr

Banken müssen prüfen, ob Kunden Terrorgruppen finanzieren oder Geldwäsche betreiben. Dafür nutzen sie Datenbanken wie "World-Check". Nach einem Datenleck konnten nun erstmals Journalisten in diese Liste schauen und fanden dort auch einige fragwürdige Einträge.

Von Jasmin Klofta und Christian Baars, NDR.

Die Liste ist ausgesprochen teuer. Wer reinschauen will, muss laut einer aktuellen Studie des Europaparlaments bis zu einer Million Euro pro Jahr dafür bezahlen. Dennoch scheint sie ausgesprochen beliebt zu sein: Laut dem Anbieter nutzen sie 49 der 50 Top-Banken der Welt. Sie können sich damit unliebsame Kunden vom Leib halten - zum Beispiel Terroristen, Hacker, Betrüger oder Kidnapper. Und die Liste ist lang: Sie umfasst mehr als zwei Millionen Profile - darunter auch von Mitgliedern von Ärzte ohne Grenzen, Greenpeace oder Human Rights Watch.

Sicherheitslücke bei "World-Check"

"World-Check" heißt diese Liste. Eigentlich soll sie gut behütet sein. Vertraulich und gut geschützt sollen die Daten von "World-Check" angeblich sein. Doch im vergangenen Jahr entdeckte der amerikanische IT-Experte Chris Vickery eine Sicherheitslücke. Die Liste konnte übers Internet abgerufen werden. Nun haben Journalisten aus sechs Ländern, unter anderem vom NDR und der "Süddeutschen Zeitung", Einblick in die gesamte Datenbank von "World-Check" nehmen können. Sie waren überrascht, wer sich alles darin fand. Allein 15.000 Einträge gibt es hier mit einem Bezug zu Deutschland, davon über 1000 in der Kategorie "Terrorismus" - etwa der Berliner Sozialwissenschaftler Andrej Holm.

Andrej Holm lächelt (Quelle: Rainer Jensen / dpa) | Bildquelle: picture alliance / Rainer Jensen
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Andrej Holm bekam zu spüren, was es bedeutet, unter Terrorverdacht zu stehen.

Holm geriet vor zehn Jahren ins Visier der Bundesanwaltschaft. Der Verdacht: Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Ende Juli 2007 standen Polizisten mit Maschinenpistolen und kugelsicheren Westen vor seiner Tür und wenig später auch in seiner Wohnung in Berlin. Sie durchsuchten alles, verhafteten Holm. Drei Wochen lang saß er im Gefängnis. Gegen Holm war offensichtlich ermittelt worden, weil er sich kritisch zur Verdrängung von ärmeren Menschen in Städten geäußert hatte - mit ähnlichen Worten wie eine damals aktive linksextremistische Gruppe. Doch der Verdacht, er könne selbst Mitglied sein, erwies sich als haltlos. Alle Verfahren gegen Holm wurden im Jahr 2010 eingestellt.

Kein Konto bei Terrorverdacht 

"Ich dachte eigentlich, dass damit alles vorbei wäre", sagt Holm. Doch als er zwei Jahre später Kunde bei der Norisbank werden wollte, verweigerte ihm das Institut die Kontoeröffnung - ohne Begründung. Dass er auf der schwarzen Liste von "World-Check" stand, wusste Holm nicht. "Das ist ein Gefühl des Ausgeliefertseins", sagt er heute. Ein solcher Eintrag kann das Leben dauerhaft deutlich schwieriger machen. Denn außer Banken nutzen viele Versicherungsgesellschaften, Anwaltskanzleien, Wirtschaftsprüfer oder auch Regierungen und Geheimdienste den Service von "World-Check". Doch die betroffenen Personen oder Organisationen erfahren davon in der Regel nichts. "Ich habe ein ungutes Gefühl dabei, wenn mein Leben da aufgezeichnet wird, ohne dass ich davon etwas mitbekommen oder Einfluss darauf habe", sagt Holm.

Menschen demonstrieren im US-amerikanischen San Francisco für die inhaftierte Chelsea Manning. | Bildquelle: REUTERS
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Chelsea Manning wurde 2010 verhaftet, sieben Jahre später nach vielen Protesten von US-Präsident Obama begnadigt.

Wer landet auf dieser Liste und warum? Die Kriterien dafür sind offenbar ausgesprochen schwammig und weitreichend. Der Zentralrat der Muslime steht dort unter Terrorismus wegen "möglicher Verbindungen zur internationalen Muslimbruderschaft". Die US-amerikanische Whistleblowerin Chelsea Manning wird unter "Finanzverbrechen" gelistet. Sie wurde bekannt, nachdem sie Dokumente der US-Armee über die Kriege im Irak und Afghanistan an Wikileaks gegeben hatte. Auch Oppositionspolitiker aus Ländern wie Sri Lanka und Eritrea, die von der jeweiligen Regierung mit falschen Beschuldigungen überzogen wurden, tauchen auf.

Auch Demonstranten auf schwarzer Liste

Auf der Liste zu finden sind Mitglieder der Gruppe "Occupy Wallstreet", die nach einer Demo festgenommen wurden, genauso wie Aktivisten von Greenpeace, die im Juli 2001 verhaftet worden waren, nachdem sie auf einem US-Luftwaffenstützpunkt in Kalifornien protestiert hatten. "Es gibt keine Rechtfertigung dafür, friedliche Demonstranten auf eine Überwachungsliste zu setzen, die dafür gedacht ist, Verbrechen wie Geldwäsche oder Terrorfinanzierung zu überprüfen", kritisiert Mark Floegel von Greenpeace.

Betreiber von "World-Check" sitzt in London

Der Betreiber von "World-Check" ist die Nachrichtenagentur Thomson Reuters in London. Auf Anfrage von NDR und SZ schreibt die Agentur, sie würde für die Liste öffentlich verfügbare Daten heranziehen - etwa über Wirtschaftsverbrechen oder Sanktionen, die von offiziellen Stellen stammen würden. Zur Unterstützung von Unternehmen bei der Einhaltung von Finanzvorschriften gegen Geldwäsche und zur Terrorabwehr sammele "World-Check" auch Informationen von Strafverfolgungs- und Regulierungsbehörden sowie andere öffentlich zugängliche Informationen. Dazu zählen offenbar auch Berichte von Medien oder Blogs. "Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass ein Eintrag in 'World-Check' keine Schuld an einem Verbrechen bedeutet", teilt Thomson Reuters mit. Bei jedem Eintrag werde darauf hingewiesen, dass der Nutzer die Angaben überprüfen solle.

Doch offenbar gibt es Institutionen, die sich auf "World-Check" oder ähnliche Datenbanken verlassen. Die Norisbank teilte auf Anfrage von NDR und SZ mit, das "Namenlisten-Screening" sei ein wesentlicher Bestandteil zur Erfüllung der rechtlichen Anforderungen zur Bekämpfung von Finanzkriminialität. Es gehe darum, Geldwäsche zu verhindern. Im Rahmen der Sorgfaltspflichtprüfung würden unterschiedliche Datenbanken als Datenquelle herangezogen. Zu konkreten Kundenverbindungen - wie bei Andrej Holm - dürften sie aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Auskunft geben.

Der Verband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken verweist darauf, dass die Institute verpflichtet seien, ihre Kunden zu überprüfen. Er fordert, dass entsprechende Listen von EU-Behörden erstellt werden sollten. Bislang gebe es diese nicht, deshalb seien sie auf die Angebote spezialisierter Dienstleister angewiesen.

Datenschützer: Datenbank ist "rechtlich problematisch"

Hamburgs Datenschutzbeauftragter Johannes Caspar | Bildquelle: dpa
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Hamburgs Datenschutzbeauftragter Caspar sieht die Nutzung von "World-Check" rechtlich problematisch.

Der Hamburgische Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar bewertet die Nutzung von "World-Check" als "rechtlich problematisch". In Deutschland wäre der Betrieb der Datenbank nicht zulässig. Ob deutsche Unternehmen Informationen von dem britischen Unternehmen abrufen dürfen, ist demnach auch fraglich und hängt vom Einzelfall ab. Laut dem Datenschützer muss jeweils geprüft werden, ob das schutzwürdige Interesse des Betroffenen überwiege - was in der Regel der Fall sein dürfte. Caspar verweist insbesondere auf das "Recht auf Vergessenwerden".

Der Fall von Andrej Holm wurde offenbar nicht vergessen. Die Liste, die die Journalisten einsehen konnten, stammt aus dem Jahr 2014 - also vier Jahre, nachdem alle Anschuldigungen gegen Holm fallen gelassen wurden. Er selbst äußert sogar noch ein gewisses Verständnis für die Anfertigung der Liste. "Die Überwachung von Schwerkriminellen ist natürlich sinnvoll", sagt Holm. "Aber unbewiesener oder sogar widerlegter Verdacht darf niemals ausreichen, um auf solch einer Liste zu landen."

Internationale Recherche zu "World-Check"

Journalisten von NDR und "SZ" haben wochenlang gemeinsam mit Kollegen der "Times of London" (Großbritannien), des Magazins "OneWorld" und des Senders "NPO Radio 1" (beide Niederlande), von "De Tijd" (Belgien), "La Repubblica" (Italien) und "The Intercept" (USA) die Datenbank von "World-Check" durchsucht und analysiert.

Über dieses Thema berichtete NDR Info um 12:20 Uhr am 24.06.2017.

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