Flüchtlinge und Berufsausbildung Bäckerausbildung eines Flüchtlings | Bildquelle: dpa

Jahresgutachten der "Wirtschaftsweisen" Kosten für Flüchtlinge sind "tragbar"

Stand: 11.11.2015 15:15 Uhr

Eine Million Flüchtlinge werden in diesem Jahr erwartet. Die "Wirtschaftsweisen" halten die Kosten für verkraftbar. Allerdings müssten Flüchtlinge leichter einen Job finden können. Die Regierungsberater fordern dafür Mindestlohn-Ausnahmen.

Deutschland kann die Herausforderungen der Flüchtlingskrise nach Ansicht der Wirtschaftsweisen stemmen und von der Zuwanderung auch wirtschaftlich profitieren. In ihrem Jahresgutachten warnen die Regierungsberater aber: "Längere Asylverfahren und eine schlechtere Arbeitsmarktintegration dürften die Kosten merklich erhöhen." Neben schnelleren Asylverfahren sollte es einfacher für Flüchtlinge werden, einen Job zu bekommen.

Insgesamt dürfte die gute wirtschaftliche Entwicklung im kommenden Jahr andauern. "Durch die Flüchtlingsmigration ist es jedoch noch wichtiger geworden, die Zukunftsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft durch geeignete Rahmenbedingungen zu gewährleisten", betonte der Vorsitzende des Expertengremiums, Christoph Schmidt. Der Sachverständigenrat geht 2015 von einem Wirtschaftswachstum für Deutschland von 1,7 Prozent und für 2016 von 1,6 Prozent aus.

Die "Wirtschaftsweisen" erwarten direkte Ausgaben der öffentlichen Hand für die Flüchtlingsmigration von 5,9 Milliarden bis 8,3 Milliarden Euro in diesem sowie zwischen 9,0 Milliarden und 14,3 Milliarden Euro im nächsten Jahr: "Angesichts der guten Lage der öffentlichen Haushalte sind diese Kosten tragbar." Eine erfolgreiche Integration erfordere erhebliche Bildungs- und Qualifikationsanstrengungen, heißt es in dem fast 500 Seiten dicken Gutachten.

Wirtschaftsgutachten erwartet tragbare Flüchtlings-Kosten
tagesschau 20:00 Uhr, 11.11.2015, Frank Jahn, ARD Berlin

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Mindestlohn-Ausnahmen für Flüchtlinge?

Von einer Erhöhung des Mindestlohns von derzeit 8,50 Euro je Stunde sei abzuraten. "Der Mindestlohn dürfte für viele Flüchtlinge eine hohe Eintrittsbarriere darstellen. Angesichts des steigenden Arbeitsangebots im Niedriglohnbereich sollte der Mindestlohn keinesfalls erhöht werden". Anerkannte arbeitsuchende Flüchtlinge sollten von Beginn an als Langzeitarbeitslose gelten.

Die Ausnahme vom Mindestlohn für Langzeitarbeitslose in einer neuen Beschäftigung sollte von sechs auf zwölf Monate verlängert werden. Praktika sollten zumindest bis zu einer Dauer von zwölf Monaten vom Mindestlohn ausgenommen werden. Ein nach Alter gestaffelter Mindestlohn könnte die Eintrittshürde für junge Erwachsene senken. Flexible Beschäftigungsmöglichkeiten, etwa in der Zeitarbeit oder über Werkverträge, müssten erhalten bleiben, schlagen die Experten vor: "Den Migranten sollten keine Privilegien gegenüber anderen Beschäftigten eingeräumt werden, sie sollten aber auch nicht schlechter gestellt werden."

Durch die Zuwanderung werde zudem die Nachfrage nach privatem Wohnraum steigen. Daher müssten private Investitionsanreize für den Wohnungsbau gestärkt und die Mietpreisbremse wieder abgeschafft werden. Die Effekte der Flüchtlingsmigration auf die Erwerbstätigkeit dürften mittelfristig moderat sein. Im günstigen Fall ergebe sich bis 2020 aufgrund der Arbeitsaufnahme anerkannter Flüchtlinge ein positiver Effekt auf die Erwerbstätigkeit von bis zu 500.000 Personen. Im ungünstigen Fall sei er nur halb so groß. Dem stünden bis zum Jahr 2020 etwa 300.000 bis 350.000 arbeitslose anerkannte Flüchtlinge gegenüber.

Merkel: Gutes Wachstum erleichtert Flüchtlingspolitik

"Die Tatsache, dass die Wirtschaft derzeit relativ robust ist, ist eine sehr, sehr gute Botschaft dahingehend, dass wir zusätzliche Herausforderungen damit natürlich auch besser stemmen können", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Entgegennahme des Jahresgutachtens. Ihr sei aber bewusst, dass diese gute Wirtschaftslage nicht garantiert sei und immer wieder neu erarbeitet werden müsse, gerade auch in Hinblick auf neue Herausforderungen, wie den Flüchtlingszustrom. Deutschland habe heute "weit mehr zu stemmen, als wir vor einem Jahr noch dachten", so Merkel.

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