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Neue Spritverbrauchswerte VW will realistischer werden

Stand: 11.10.2016 18:01 Uhr

Abgefahrene Reifen, keine Klimaanlage, volle Batterie - so hat VW laut einem internen Papier bisher ganz legal niedrige Spritverbrauchswerte erreicht. Das soll sich nun ändern. In den Papieren der neuen Modelle sollen realistischere Werte stehen.

Von Peter Hornung, NDR, und Katja Riedel, WDR

Lange war es üblich, dass neue Modelle laut Papieren stets etwas sauberer waren als ihre Vorgänger. Dies wird sich nun zumindest im Fall von Volkswagen in wenigen Wochen ändern. Wenn in diesem Herbst Neuigkeiten zu den einzelnen Modellen verkündet werden, stehen im Katalog zumindest etwas realistischere Verbrauchs- und Emissionswerte bei Dieselfahrzeugen als bislang - und diese werden höher ausfallen als bei den Vorgängermodellen.

Nach Informationen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" soll sich der CO2-Ausstoß pro Wagen im Schnitt um zwei Gramm pro gefahrenem Kilometer erhöhen. Damit will der Konzern auf bisherige - legale - Tricksereien und Spielräume teilweise verzichten. Volkswagen erklärte dazu auf Anfrage, man habe die gesetzlichen Grenzwerte und Toleranzspielräume "intern neu bewertet und sich entschlossen, die entsprechenden Prozesse für die Zukunft anzupassen". Dazu gehöre, die "gesetzlich zulässigen Toleranzwerte einzuengen und damit realitätsnähere CO2-Werte auszuweisen."

Konsequenzen aus eigenen Ermittlungen

Damit zieht der Konzern offenbar auch Konsequenzen aus eigenen Ermittlungen, mit denen VW die Kanzlei Freshfields beauftragt hatte. VW hatte vermeintliche Auffälligkeiten im CO2-Bereich Anfang November 2015 selbst öffentlich gemacht und die wirtschaftlichen Risiken auf zwei Milliarden Euro beziffert. Vier Wochen später war der Konzern jedoch zurückgerudert: Keine gesetzlichen Grenzen seien verletzt worden.

Bei der Untersuchung war laut internen Unterlagen, die WDR, NDR und SZ vorliegen, herausgekommen, dass der Hersteller bei den bisherigen Messungen der CO2-Werte Spielräume im Rahmen bestehender Gesetze ausführlich genutzt hatte, um zu besseren Ergebnissen zu kommen. Zugleich hatte VW unter Aufsicht des Kraftfahrtbundesamtes seine Modelle und die Typengenehmigungen überprüfen lassen. Bei sechs Fahrzeugtypen wurden CO2-Abweichungen festgestellt, hier wurden die Katalogwerte der 2016er-Modelle jetzt erhöht. VW wolle künftig darauf verzichten, mögliche Toleranzen weiter extensiv zu nutzen, heißt es dazu bei VW.

Ganz wohl war den für VW tätigen Anwälten offenbar dennoch nicht, deshalb schrieben sie ihren Auftraggebern eine klare Warnung ins Gutachten. "Angesichts der technischen Komplexität der zu beurteilenden Sachverhalte und der maßgeblichen Rechtsnormen lässt es sich nicht ausschließen, dass Gerichte oder Behörden mit Blick auf die Bewertung einzelner Maßnahmen ... zu anderen Ergebnissen kommen", heißt es dort.

Abgefahrene Reifen, keine Klimaanlage

Wie VW bisher die Werte geschönt hat, zeigen die internen Papiere ebenfalls. Die Reifen seien mitunter zur Hälfte abgefahren gewesen, die Autos hätten nichts eingebaut gehabt, was den Luftwiderstand erhöht, die meist übliche Klimaanlage habe in den Testfahrzeugen oft gefehlt, die Batterie habe man in der Regel vollständig aufgeladen und Profis hätten die Autos in einer Sparvariante gefahren, die nichts mit dem Alltag auf der Straße zu tun hat.

Dass sich mit dem Dieselverbrauch jetzt auch die CO2-Emissionen erhöhen, könnte mittelfristig Folgen nach sich ziehen. Denn ab 2020 muss EU-weit jedes Gramm CO2, das über einem Flottenverbrauchshöchstwert liegt, mit Strafzahlungen ausgeglichen werden. Deutsche Automobilhersteller trifft das besonders hart, auch VW. Für VW kann schon ein zusätzliches Gramm an ausgestoßenem CO2 pro Kilometer insgesamt zu Strafzahlungen über Hunderte Millionen Euro führen. Innerhalb der Bundesregierung gilt gerade wegen der - verglichen mit Benzinern - niedrigeren Dieselemissionen die Marschroute, den Diesel unbedingt zu erhalten, um die Normen erfüllen zu können, gegen die Deutschland in Brüssel lange gekämpft hatte.

Nicht nur VW trickste wohl legal

Dass die Dieselindustrie nur überleben kann, wenn sie ihre Akzeptanz über ehrlichere Verbrauchswerte erhöht, scheint trotz des Wunsches nach niedrigen Flottenemissionen auch im Ministerium angekommen zu sein. Im Dezember, so ist aus Herstellerkreisen zu hören, will das Bundesverkehrsministerium endlich den lang erwarteten Untersuchungsbericht zum CO2-Ausstoß deutscher Dieselfahrzeuge veröffentlichen. Demnach haben wohl etliche Hersteller beim CO2 ähnlich agiert und legal getrickst wie VW, um die Emissionswerte zu schönen.

VW ist mit dem Vorstoß zwar der erste deutsche Konzern. Allerdings hatte die französische Gruppe PSA, zu der die Marke Peugeot gehört, schon Anfang des Jahres mit der Messung realistischerer Werte auf der Straße begonnen. Nach Meinung des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) legt PSA dabei strengere Maßstäbe an als VW und sei bisher der einzige Konzern, der mit mobilen Messgeräten auf der Straße unterwegs ist und die Werte entsprechend veröffentliche. "Da müssen wir hinkommen, dass sich Verbraucher tatsächlich auf die Verbrauchsangaben des Herstellers verlassen können", sagt Michael Müller-Görnert vom VCD. "Das bringt dann Druck auf die anderen Hersteller."

Neue Messverfahren kommen

Der VCD hatte diese Änderungen immer wieder von der Automobilindustrie gefordert. In punkto VW und CO2 seien die Werte bisher nicht stärker geschönt gewesen als die anderer Hersteller. Einen großen Fortschritt sieht der VCD jedoch in dem nun bekannt gewordenen freiwilligen Verzicht auf manchen CO2-Trick nicht: Schließlich sei ab kommendem Jahr ohnehin ein neues Messverfahren gesetzlich vorgeschrieben.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 12. Oktober 2016 um 07:08 Uhr.

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