Ein Stapel türkischer Lira-Noten werden in einer Hand abgezählt | Bildquelle: REUTERS

Kurs der türkischen Lira Noch Luft nach unten

Stand: 10.08.2018 09:13 Uhr

Die türkische Lira ist im freien Fall - Beschwichtigungen von Präsident Erdogan zum Trotz. Die steigenden Preise spüren die Menschen täglich, vielen fehlt das Vertrauen in die Währung.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Ali Coban lehnt an einem vollen Kleiderständer vor seinem kleinen Laden in Istanbul. Auch innen stapeln sich T-Shirts in allen Farben. Ein ausländisches Paar kommt vorbei und kauft etwas. An Alis Laune ändert das wenig. Er sieht lauter Probleme: "Wo soll man anfangen aufzuzählen? Wir spüren es beim Erdgas, an der Tankstelle, bei den steigenden Preisen im Nahverkehr, aber auch bei den Mietpreisen - für meinen Laden zum Beispiel." Im vergangenen Jahr habe die Inflationsrate bei knapp zehn Prozent gelegen, nun seien es fast 17 Prozent.

Dabei gab es einmal das Ziel von fünf Prozent Inflation - inzwischen strebe die Regierung unter zehn Prozent an, heißt es. Trotzdem kommt Ali - wie viele Türken - noch einigermaßen gut über die Runden. Man ist eine hohe Inflation von früher gewohnt.

Eine Gasse weiter sitzt Asli in einem schicken Kleid in einem Restaurant. Natürlich kriegt auch sie zu spüren, dass es der Wirtschaft im Land nicht so gut geht, erzählt die 38-jährige Hausfrau: "Weil all die Waren aus dem Ausland in Euro und Dollar eingekauft werden, wird von A bis Z automatisch alles teurer - und das trifft alle Bürger, nicht nur mich. Wenn man ins Ausland reisen will oder Obst und Gemüse auf dem Markt kauft." Es treffe nicht nur die Mindestlohnverdiener, sondern auch den Mittelstand, sagt sie. "Das Land produziert zu wenig, schafft zu wenig Mehrwert. In der Folge wird alles teurer."

Erdogans Aufruf zum Devisentausch

Von den Problemen will Yilmaz nichts wissen. Er raucht vor einem Straßenrestaurant entspannt eine Zigarette mit Freunden. Das Restaurant gehört ihm. "Die Türkei wird immer stärker. Europa will diesen Prozess aufhalten und entwertet unsere Währung. Es gibt eine Verschwörung gegen uns."

Damit ist Yilmaz voll auf Regierungslinie. Vor zwei Jahren gab es den Putschversuch auf den Straßen, jetzt ist die Rede von einem Wirtschaftsputsch. Dass die Lage allerdings alles andere als entspannt ist, zeigt auch die Rede von Präsident Präsident Recep Tayyip Erdogan letzte Woche. Darin stellte er einen 100-Tage-Aktionsplan vor und rief das Volk auf, Devisen in türkische Lira zu tauschen. "Holen Sie Ihre Dollars, Euros und Ihr Gold unter den Kissen raus und legen Sie es in türkische Lira an! Zeigen Sie der ganzen Welt damit unseren nationalen Widerstand", forderte der türkische Präsident. "Ich glaube an meine Bürger."

Der türkische Präsident Erdogan | Bildquelle: AFP
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Präsident Erdogan forderte die Bürger auf, ihre Devisen umzutauschen und damit die türkische Lira zu stützen.

Vertrauen in türkische Lira sinkt

Bei Asli, der Hausfrau, stößt er damit nicht auf offene Ohren. Sie kann auch mit dem Gerede vom Wirtschaftsputsch wenig anfangen: "Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass es eine wirtschaftliche Verschwörung gegen die Türkei gibt", sagt sie. Das habe eher etwas mit der Wirtschaftsstrategie unserer eigenen Regierung zu tun. "Warum soll uns ein anderes Land schwächen wollen?"

Das Vertrauen in die türkische Währung und die Banken sinkt bei vielen im Land. Das Finanzministerium sah sich gestern genötigt, zu beruhigen: Banken und anderen Unternehmen drohten keine Liquiditätsengpässe.

Streit mit den USA belastet zusätzlich

Zu vielen hausgemachten Problemen kommt auch noch der Streit mit den USA um den Pastor Andrew Brunson, der in der Türkei seit knapp zwei Jahren wegen Terrorvorwürfen festgehalten wird. US-Präsident Trump macht Druck. Ankara muss ihn ausreisen lassen.

"Es gab schon Sanktionen gegen zwei türkische Minister", erklärt der Istanbuler Finanzexperte Baris Soydan. Außerdem habe Washington noch einmal klargemacht, "man will Mister Brunson, und neue Sanktionen werden vorbereitet - das heißt die Probleme mit den USA gehen weiter. Ist das wichtig? Ja, für Wirtschaftsleute ist das sehr wichtig."

US-Pastor Andrew Brunson | Bildquelle: AP
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Der protestantische US-Pastor Andrew Brunson befindet sich seit mehr als eineinhalb Jahren in Haft. Die US-Sanktionen gegen die Türkei sind für die Wirtschaft durchaus relevant.

Soydan ist vorsichtig in seiner Wortwahl, nennt aber trotzdem Fehler von Präsident Erdogan: "Er lässt die Zentralbank den Leitzins nicht erhöhen. Internationale Banken, die ausländisches Kapital in die Türkei bringen, aus den USA oder Deutschland zum Beispiel, die Deutsche Bank oder die Commerzbank, schreiben sogar in ihren Berichten, dass die türkische Zentralbank nicht unabhängig ist. Und darum trauen sie der türkischen Wirtschaft nicht."

Wende durch neues Wirtschaftsmodell?

Das Vertrauen ist weg. Das sei, sagen Experten, im Moment entscheidend. Viele normale Türken ohne internationale Geschäfte kriegen den Absturz der türkischen Lira kaum direkt zu spüren. Kemal schon: "Gerade der Verlust gegenüber dem Dollar hat mich stark getroffen", erzählt der Anwalt. Denn seine 22-jährige Tochter studiere in den USA.

"Ich kaufe teuer Dollar und schicke sie in die USA - das tut weh. Ich bin gerade auf dem Weg zur Bank, um der Uni Geld für das nächste Semester zu überweisen." An nur einem Tag habe die Lira wieder so viel an Wert verloren gegenüber dem Dollar, dass die Differenz dessen, was er mehr zahlen müsse, rund 2000 Lira betrage. "Es ist jetzt ihr letzes Semester: Da kann ich sie doch nicht abmelden und zurückholen in die Türkei." Kemal ist Anwalt und kann sich das aufgrund seiner Rücklagen im Moment noch leisten. Aber wie lange noch?

Viele glauben, dass die Talfahrt der türkischen Lira noch weiter geht. Finanzminister Berat Albayrak will heute sein neues Wirtschaftsmodell für die Türkei vorstellen. Finanzexperte Baris Soydan wünscht sich, dass es die Wende bringt. Dass es so kommt, glaubt er allerdings nicht.

Luft nach unten? Der Kurs der türkischen Lira
Karin Senz, ARD Istanbul
10.08.2018 09:59 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 10. August 2018 um 07:35 Uhr.

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Karin Senz, SWR

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