Pilotebn im Flugzeug | Bildquelle: dpa

Die "Story im Ersten" (Alb-) Traumjob Pilot

Stand: 15.05.2017 01:01 Uhr

Die wenigsten Passagiere, die gut gelaunt in den Billigflieger steigen, ahnen, wer sie da in den Urlaub transportiert. Menschen mit prekären Arbeitsverhältnissen, überschuldet, übermüdet und überfordert. Vom früheren Glamour des Pilotenjobs ist fast nichts mehr übrig.

Von Frido Essen, Radio Bremen

Bernd Hamacher hat jahrzehntelang Luftfahrtingenieure und Berufspiloten ausgebildet. Der Professor und Fluglehrer beobachtet die Entwicklung auf dem Markt mit großer Sorge. Gerade durch die Etablierung der Billigflieger befinde sich der Pilotenberuf seit Jahren in einer Abwärtsspirale, sagt er. Das beginne heutzutage schon bei der Ausbildung. 2013 wurde der Markt liberalisiert. Seitdem können angehende Piloten in der gesamten EU eine einheitlich anerkannte Lizenz erwerben.

"Dadurch sind in der Folge in ganz Europa eine Reihe von Flugschulen entstanden, die Piloten ausbilden. Und jeder, der das Geld hat, die Ausbildung zu finanzieren, kommt da, wenn er nicht ganz doof ist, auch durch. Es ist eine Frage des Geldes mittlerweile, ob man die Ausbildung finanzieren kann oder nicht.", sagt Hamacher.

Bernd Hamacher | Bildquelle: Matthias Kind/RB
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Eine Pilotenlizenz zu bekommen ist eher eine Frage des Geldes, meint der jahrzehntelange Ausbilder Bernd Hamacher.

Pilotenlizenz zum Spottpreis

Und tatsächlich: Bei Vorstellungsgesprächen in Osteuropa, meist via Skype, bekommen Bewerber großzügige Angebote: die Verkehrspilotenlizenz, ATPL, zum Spottpreis von 35.000 Euro. In Deutschland kostet die Ausbildung mindestens das Doppelte. Selbstzweifel an der Eignung seien unnötig. Den Bewerbern wird gesagt, jeder bekomme nach der Ausbildung sofort einen Job bei einer großen Fluggesellschaft.

Die Wirklichkeit sieht anders aus, sagt James Phillips von der Pilotenvereinigung Cockpit: "Wir haben schätzungsweise zurzeit 1000 arbeitslose Piloten in Deutschland, 7000 europaweit. Und wir hören von Ryanair, dass sie ungefähr die Hälfte dieser Piloten nicht einstellen können, weil die ihre Forderungen nicht erfüllen."

Das Problem der Schuldenspirale

Für die wenigen, die auf dem von Billigfliegern dominierten europäischen Markt tatsächlich in ein Cockpit gelangen, dreht sich die Schuldenspirale häufig weiter. Denn statt Geld als Co-Pilot zu verdienen, zahlen viele bis zu 50.000 Euro für Praxisstunden auf einem Co-Piloten-Sitz, das sogenannte "pay to fly". Und bis zu 30.000 Euro für das sogenannte Typerating, die Einweisung auf einen bestimmten Flugzeugtypen, wie zum Beispiel eine Boeing 737 oder ein Airbus 320. "Schnell liegt man in der Größenordnung von 150.000 Euro oder Dollar Schulden, je nachdem, wie man das sieht", rechnet Hamacher vor.

Und Menschen, die unter solch einem enormen Druck stehen, bekommen dann die Mitverantwortung für einen Passagierjet. Häufig werden sie zum Spielball der Airline. Die Gefahr: Die Piloten, die es in Europa tatsächlich längerfristig in ein Cockpit schaffen, tun alles, um ihren Job nicht zu verlieren.

20-Stunden-Schichten im Billigflieger

Der ehemalige Berufspilot Markus Lüer schildert die Situation so: "Ich kenne persönlich tatsächlich Leute, die im Flugzeug übernachten - hab ich selber eine Weile auch gemacht. Sie versuchen dann Hotelübernachtungen zu sparen, sich die Spesen einzustreichen. Das heißt, die haben dann ihr Survival-Kit dabei: Schlafsack, Zahnbürste, kleines Doggy-Bag, von der Mama gemacht, damit sie was zu essen haben, und versuchen so, wirklich Mark auf Mark zu legen, um in diesem Job über die Runden zu kommen." Lüer beschriebt auch Situationen, in denen Crews dann lange Strecken am Stück arbeiten: "So kommt es dann zu Situationen, dass Crews nicht acht, neun, zehn Stunden arbeiten, sondern vierzehn, sechzehn, achtzehn oder sogar zwanzig - ich spreche da aus eigener Erfahrung, langjährig. Und dann pfeift man wirklich auf dem letzten Loch."

"Mit der Drohkulisse des Arbeitsplatzverlustes werden Arbeitnehmer-Grundrechte in Deutschland erfolgreich außer Kraft gesetzt. Man steht ständig in einer beobachteten Position und muss sicherstellen, dass der Laden läuft. Und jeder, der das nicht auf die Reihe bekommt, oder sich dem in irgendeiner Form widersetzt, steht im Fadenkreuz des Managements", sagt ein Angestellter aus dem mittleren Management einer großen deutschen Airline, der nicht namentlich genannt werden möchte.

Frido Essen, RB, zum ramponierten Image des Pilotenberufs
tagesschau24 15:30 Uhr, 15.05.2017

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Flug billiger als Taxi

Die Passagiere bekommen von all dem meist nichts mit. Dass das Taxi zum Flughafen teurer ist, als der anschließende Flug, ist für viele mittlerweile Anspruch und Selbstverständlichkeit.

Yves Jorens | Bildquelle: Matthias Kind/RB
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Die Sparmaßnahmen könnten Folgen haben, warnt Yves Jorens.

Die immer krasser werdende Low-Cost-Politik kann auf Dauer nicht ohne Folgen bleiben, befürchtet Professor Yves Jorens, der im Auftrag der EU-Kommission vor zwei Jahren mehr als 6000 Piloten nach ihren Arbeitsverhältnissen befragt hat. Er zitiert Piloten mit der Aussage: "Vielleicht sollte einmal ein Flugzeug abstürzen, damit man wirklich sieht, welche Probleme es gibt. Aber wir hoffen natürlich alle, wir sind professionell, wir wollen das nicht und all unseren Kollegen soll das auch nicht passieren. Aber ich schließe das ehrlich gesagt nicht aus."

Schlechte Aussichten für junge Piloten

Auch vor der Lufthansa machen die immer härter werdenden Bandagen in der Branche nicht halt. Das bekommt besonders der Nachwuchs zu spüren. 850 junge Piloten warten - teilweise bereits seit sechs Jahren - darauf, endlich die Chance zu bekommen, ihre ursprünglich auf zwei Jahre angesetzte Ausbildung beenden zu dürfen. Vom Job im Lufthansa-Cockpit, den sie sich erhofft hatten, ganz zu schweigen.

Eine junge Frau, der vor einigen Jahren vermutlich  noch eine große Zukunft im Lufthansa-Konzern sicher gewesen wäre, beschreibt: "... insofern stecken viele von uns in sehr ungewissen Lebenssituationen, wissen gar nicht, wie sie teilweise ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen. Durch die ständigen, sich immer weiter hinaus verzögernden Wartezeiten hat man eben eine sehr große Ungewissheit, was die eigene Lebensplanung anbelangt."

Immerhin: Nachdem der jahrelange Tarifstreit im Konzern nun endlich beendet ist, könnte sich auch für Lufthansa-Nachwuchspiloten in naher Zukunft wieder eine Perspektive auftun. Viele andere befinden sich in einem Albtraum aus Schulden, schlechter Bezahlung und unmöglichen Arbeitsbedingungen.

Über dieses Thema berichtete die "Story im Ersten" am 15. Mai 2017 um 23:15 Uhr.

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