Der Schriftzug "Steinhoff Möbel" an einem Gebäude in Westerstede | Bildquelle: dpa

Skandal beim Möbelgiganten Neue Vorwürfe belasten Steinhoff

Stand: 28.02.2018 07:15 Uhr

Im Dezember brachten offenbar manipulierte Zahlen den Möbelkonzern Steinhoff in Bedrängnis. Interne Unterlagen, die NDR und SZ vorliegen, zeigen nun: Die Tricksereien haben ein viel größeres Ausmaß.

Von Nils Naber, Jan Lukas Strozyk und Benedikt Strunz, NDR

Führende Mitarbeiter des Möbelkonzerns Steinhoff haben offenbar wesentlich länger Unternehmensbilanzen manipuliert als bislang bekannt. Das geht aus internen E-Mails hervor, die NDR und "Süddeutsche Zeitung" auswerten konnten. Demnach unterhielten sich zwei deutsche Manager mit dem damaligen Vorstandsvorsitzenden von Steinhoff, Markus Jooste, bereits im Jahr 2014 ausführlich darüber, wie sie die Bilanzen des Konzerns in einem besseren Licht erscheinen lassen können.

Die E-Mails legen außerdem den Verdacht nahe, dass auch frühere Jahresabschlüsse von Manipulationen betroffen sein könnten, und dass weitere Steinhoff-Berater von den Vorgängen wussten.

Wer wusste von Bilanzbetrug?

Die E-Mails stammen aus dem Jahr 2014, neben Jooste sind ein ehemaliger und ein amtierender Steinhoff-Manager aus Norddeutschland beteiligt. Die Konversation beginnt damit, dass einer der Manager Jooste seinen Vorschlag für die Konzernbilanz 2014 zusendet.

Jooste antwortet darauf: "Ich habe jetzt alle Zahlen der Gruppe geprüft und brauche ein paar zusätzliche Einträge, um die abschließende Konsolidierung auszubalancieren. Wir haben uns entschlossen, in den Büchern [einer Tochtergesellschaft] eine Wertminderung vorzunehmen, damit es für alle Investoren gut aussieht".

An anderer Stelle bittet Jooste einen Manager darum, bei einer Unternehmenstochter "eine zusätzliche Einnahme von 100 Mio. Euro (…) anfallen zu lassen", um so den Gewinn "unseren Plänen/Prognosen" anzupassen. Ein ehemaliger Steinhoff-Manager erklärt Jooste an anderer Stelle: "Du wirst dich an die Bilanzen erinnern, die wir in den vergangenen Jahren nach oben gedrückt haben". Zu den Einwänden eines Kollegen erklärt er: "Ich kann [Name eines Kollegen]s Sorge nachvollziehen, wie das alles wieder ausgemerzt werden soll."

Markus Jooste
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Ex-Steinhoff-CEO Markus Jooste gilt als abgetaucht.

Wie weit reicht mögliche Bilanzfälschung zurück?

Über mehrere Seiten entspinnt sich daraufhin eine Diskussion, wie genau man bestimmte Bilanzpositionen des Milliardenkonzerns darstellen soll, auch mit dem Ziel Investoren und die Bilanzprüfer von Deloitte zu befriedigen. Mutmaßlich sind auch zurückliegende Bilanzen von Manipulationen betroffen.

So erklärt Jooste zur Bilanz für das Jahr 2014: "Wenn wir jetzt aufhören, ist meine Sorge, dass der Rest dann schwieriger ist." Zudem müsse es darum gehen, eine "starke Basis (…) zum Bereinigen der Vergangenheit" zu schaffen. Ein bis heute aktiver deutscher Steinhoff-Manager erklärt an anderer Stelle: "Ich habe noch Gewinne von 82 Millionen Euro aus 2011/2012 in meinen Büchern (…) und habe keine Dokumentation, keine Sicherheiten bislang." Markus Jooste sagt ihm darauf hin zu, Teile eines anderweitig erzielten Gewinnes umzuleiten, um die Löcher zu stopfen.

NDR und SZ kooperierten bei der Recherche mit dem südafrikanischen Finanz-Portal Moneyweb. Steinhoff äußerte sich auf eine gemeinsame Anfrage nicht und verwies auf eine noch nicht abgeschlossene externe Untersuchung. Jooste und die beiden deutschen Geschäftsmänner beantworteten keine Fragen.

Der Jahresabschluss von 2014, bis heute auf der Website von Steinhoff zu finden, liest sich, als befände sich das Unternehmen in bester Verfassung: Der operative Gewinn stieg um 29 Prozent, das Vorsteuerergebnis um 26 Prozent, am Ende wurde der Bericht abgesegnet von Deloitte. Auch die Wirtschaftsprüfer wollten sich nicht äußern.

Das Büro von Steinhoff in Südafrika
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Das Büro von Steinhoff in Südafrika

Milliarden-Konzern gerät ins Schlingern

Der Steinhoff-Konzern wurde in den 1960er-Jahren in Westerstede in Niedersachsen gegründet. Seither standen die Zeichen für das Unternehmen, das bis zuletzt als zweitgrößter Möbelhändler Europas nach Ikea gehandelt wurde, auf Expansion. Die Firma, zu der Möbelmarken wie Poco gehören, gründete Firmenzentralen in den Niederlanden und in Südafrika.

Im vergangenen Jahr war Steinhoff an der Börse 24 Milliarden Euro wert, ein globaler Konzern für den mehr als 100.000 Menschen auf der ganzen Welt arbeiten. Umso schockierter reagierten Anleger, als Markus Jooste im vergangenen Dezember Fehler bei der Bilanzerstellung einräumte: Über Nacht fiel der Börsenkurs um mehr als 90 Prozent. Der Konzern zog daraufhin seine Jahresabschlüsse für die Jahre 2015 bis 2017 zurück und kündigte eine umfassende Untersuchung an. Kurz darauf zeigte die Gruppe ihren ehemaligen Chef Jooste bei der südafrikanischen Polizei an. Er ist seither aus der Öffentlichkeit abgetaucht.

Konzern taucht in "Panama- und Paradise-Papers" auf

Unter der Ägide von Jooste, der den Konzern 1998 an die Börse brachte, verfolgte Steinhoff eine aggressive Expansionspolitik, die auch von zahlreichen deutschen Banken mit Krediten gestützt wurde. Unterlagen, die NDR und SZ einsehen konnten, zeigen, dass sich das Unternehmen seither zu einem Mischwarenkonzern gewandelt hat.

Anteile an einer südafrikanischen Bank gehörten zuletzt ebenso zu der Gruppe wie ein Autovermieter. Und auch kuriose Geschäftsbeziehungen ging die Gruppe offenbar ein: In den "Paradise Papers" taucht eine Briefkastengesellschaft mit Sitz auf der Isle of Man auf, mit ihr hatte der Konzern sich an einem Hafenlogistik-Unternehmen in Mosambik und einem Obst- und Gemüsetransporteur in Hongkong beteiligt.

Auch in den "Panama Papers" tauchen Steinhoff-Töchter auf, offenbar im Zusammenhang mit Immobiliengeschäften. Eine Konsolidierung oder organisatorische Zusammenführung von Unternehmensteilen fand oftmals nicht statt: Kurz vor dem Börsencrash bestand die Steinhoff-Gruppe offenbar aus mehr als 2000 einzelnen Unternehmen.

Südafrikanische Angestellte zittern um Pensionen

Bis heute hat der mutmaßliche Bilanzskandal Börsenwerte mehr als zehn Milliarden Euro vernichtet. Besonders hart trifft das Beamte in ganz Südafrika, deren Pensionskassen Rücklagen in Steinhoff-Aktien investiert hatten. Ein Fonds für öffentlich Angestellte allein verlor rund 1,2 Milliarden Euro.

Tahir Maepa, Vorsitzender der südafrikanischen Gewerkschaft PSA, die zahlreiche Geschädigte vertritt, sprach im Interview mit dem NDR von einem "Desaster". "Wir haben es hier mit hochgebildeten, qualifizierten Personen zu tun, die ein Multi-Milliarden-Unternehmen betreiben. Wie kann da niemand bemerkt haben, dass etwas schief läuft?", so Maepa. Er und seine Kollegen wollen den Fall nun aufarbeiten und bemühen sich, die Rentenansprüche irgendwie doch noch zu sichern.

Ermittlungen gegen Steinhoff weiten sich aus

In Deutschland weiteten sich die Ermittlungen in der Causa Steinhoff zuletzt aus. Wie NDR und SZ in der vergangenen Woche berichteten, hat die BaFin eine förmliche Untersuchung wegen des Verdachts der Markmanipulation eingeleitet. Sie arbeitet dabei mit südafrikanischen Behörden zusammen, wie Moneyweb berichtet.

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt zurzeit gegen mehrere Manager und ehemalige Manager der Steinhoff-Gruppe unter anderem wegen des Verdachts der unrichtigen Darstellung von Bilanzen, der Urkundenfälschung und der Steuerhinterziehung.

Bilanzskandal bei Steinhoff weitet sich aus
Benedikt Strunz, NDR
28.02.2018 07:08 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Panorama 3 am 27. Februar 2018 um 21:15 Uhr. Am 28. Februar 2018 berichtete NDR Info um 07:50 Uhr und um 09:50 Uhr.

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