Ein Flugzeug des Unternehmens Ryanair

Ryanair reagiert auf Ermittlungen Leiharbeit statt Scheinselbstständigkeit

Stand: 15.09.2016 15:43 Uhr

Dass Ryanair einen großen Teil seiner Piloten als Selbstständige über Personalvermittler anheuern lässt, hat deutsche Staatsanwälte auf den Plan gerufen. Nach Informationen von WDR, NDR und SZ setzt der irische Billigflieger jetzt auf Leiharbeit - und stößt damit auf Widerstand.

Von Thomas Kramer und Georg Wellmann, WDR

Für die vielen nicht festangestellten Ryanair-Piloten dürfte es eine Überraschung gewesen sein, als vergangene Woche ein hochrangiger Vertreter der Billigflugllinie mehrere deutsche Basen besuchte und den freien Vertragspiloten mitteilte, allen würde schon bald eine Festanstellung angeboten. Allerdings nicht bei Ryanair selbst, sondern bei Personalvermittlungsfirmen.

Eine größere Rolle soll dabei offenbar eine neue Firma mit Sitz in Dublin spielen: die Firma "BlueSky Resources Ltd.", die laut Handelsregister erst am 24. August dieses Jahres gegründet wurde. In einem BlueSky-Mustervertrag für Ryanair-Piloten, der WDR, NDR und "SZ" vorliegt, werden die Details genannt.

Die Festanstellung für Piloten ist darin erstmal auf fünf Jahre befristet - mit Verlängerungsoption. Der Vertrag kann aber gekündigt werden, wenn Ryanair bei BlueSky wieder abspringt. Die fünf Jahre Laufzeit sind bemerkenswert, denn nach deutschem Recht wäre eine sogenannte Arbeitnehmerüberlassung an Ryanair eigentlich nur für maximal 18 Monate zulässig. Der Anstellungsvertrag soll laut Vertragstext aber irischem Recht unterliegen - möglicherweise eine Hintertür.

Sozialabgaben in Deutschland, Steuern in Irland

In einem Informationsschreiben zum Vertrag heißt es, die Piloten sollen in Deutschland nur ihre Sozialabgaben zahlen, die Steuern sollen in Irland beglichen werden, wo die Steuersätze erheblich geringer sind als hierzulande. BlueSky schreibt ausdrücklich: Diese Konstruktion stünde im Einklang mit deutschen Steuerbehörden.

Ryanair wollte sich zur Vertragskonstruktion nicht äußern. Schriftlich teilte Pressechef Robin Kiely mit: "Wir kommentieren keine Spekulationen, die vertrauliche Vertragsabsprachen mit unseren Mitarbeitern oder Contracterpiloten betreffen." Eine Anfrage an Blue Sky Resources blieb gänzlich unbeantwortet.

Das neue Beschäftigungsmodell alarmiert die Pilotenvereinigung Cockpit (VC). In einem internen Schreiben warnte sie inzwischen Piloten davor, die neuen Verträge ohne vorherige rechtliche Prüfung zu unterschreiben; sie stünden womöglich nicht in Einklang mit europäischem Recht. Das lasse man gerade prüfen.

Piloten-Gewerkschaft kritisiert "Contractermodell"

Die deutsche Pilotengewerkschaft kritisiert seit Langem, ein großer Teil der Ryanair-Piloten würde als "Scheinselbstständige" arbeiten, oftmals zu sehr viel schlechteren Konditionen als ihre festangestellten Kollegen. Sie bekämen kein Grundgehalt, verdienten nur Geld, wenn sie fliegen und müssten unbezahlt Überstunden machen.

Dieses sogenannte "Contractermodell", heißt es bei VC, diene vor allem dem Zweck, Risiken einseitig zu Lasten der Piloten zu verteilen, während es Billigfliegern wie Ryanair ein hohes Maß an Flexibilität ermögliche, außerdem Steuern und Sozialabgaben spare. Solche Modelle setzten die ganze Branche unter Druck. Immer mehr Airlines bedienen sich inzwischen atypischer Beschäftigungsverhältnisse.

Ryanair-Chef Michael O'Leary auf einer Pressekonferenz. | Bildquelle: AFP
galerie

Ryanair-Chef Michael O'Leary auf einer Pressekonferenz.

Die Gewerkschafter bezweifeln, dass die neuen Verträge Verbesserungen für die Piloten bringen. Vielmehr vermuten sie dahinter eine Reaktion des Unternehmens auf die anhaltenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Koblenz gegen Piloten und Personaldienstleister von Ryanair wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung und des Sozialversicherungsbetrugs.

Ermittlungsverfahren gegen Piloten

Im Juli hatten Ermittlerteams vom Zoll deutschlandweit Privatwohnungen von Ryanair-Piloten durchsucht und Befragungen an deutschen Flugbasen des Billigfliegers durchgeführt. Derzeit wird gegen 100 beschuldigte Piloten und Verantwortliche von zwei Dienstleistungsgesellschaften ermittelt.

Nach Recherchen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" stehen hinter der neugegründeten Firma BlueSky Resources, übrigens langjährige Geschäftspartner von Ryanair. Unter der Firmenadresse in Dublin residiert nämlich auch das Unternehmen "Crewlink Ireland Ltd.", das seit Jahren offizieller Trainings- und Rekrutierungspartner von Ryanair ist.

Verquickungen verschiedener Firmen

Crewlink ist Spezialist für die Rekrutierung, Schulung und Einstellung von Kabinencrews für den irischen Billigflieger. Dazu unterhält Crewlink für Ryanair ein eigenes Training Center am Flughafen in Hahn. Offenbar sollen über diese Geschäftspartner jetzt auch Piloten rekrutiert werden. Die beiden Eigentümer von Crewlink agieren nämlich als Direktoren bei BlueSky Resources.

Ryanairs langjähriger Partner bei der Rekrutierung von Piloten, die Firma Brookfield Aviation, spielt bei den neuen Plänen womöglich keine große Rolle mehr. So berichten Piloten, bei dem Informationsgespräch vergangene Woche habe man ihnen erzählt, bis Dezember sollten alle Brookfield-Verträge auslaufen. Auch solche, die noch eine weit längere Laufzeit hätten. Eine entsprechende Anfrage an Brookfield blieb allerdings unbeantwortet.

Gewerkschafter sehen in einer möglichen Abkehr von Brookfield eine Strategie, diese für Ryanair offenbar geschäftsbelastende Beziehung schrittweise zurückzufahren. Erst Anfang des Jahres hatten deutsch-britische Zoll-Ermittlerteams die Geschäftsräume von Brookfield in einem Vorort von London durchsucht.

Neues Beschäftigungsmodell bei Ryanair
A. Braun, WDR
15.09.2016 16:00 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es fälschlicherweise, dass gegen Ryanair ermittelt wird. Dies ist nicht der Fall, ermittelt wird gegen Personaldienstleister , über die Ryanair Piloten anheuert, und die betroffenen Vertragspiloten, die für Ryanair fliegen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. September 2016 um 23:47 Uhr

Darstellung: