Logo der Pharmafirma Roche | Bildquelle: dpa

"Kontraste"-Recherche Fragwürdige Geschäfte der Pharmakonzerne

Stand: 08.02.2018 02:15 Uhr

Roche hat ein neues Medikament gegen Multiple Sklerose entwickelt, das 33.000 Euro kostet. Für 3000 Euro gibt es ein vergleichbares Medikament. Deutsche Ärzte dürfen es MS-Patienten aber nicht mehr verordnen.

Von Chris Humbs und Ursel Sieber, RBB

"Ein Lichtblick bei MS" - so trommelt Pharmahersteller Roche unter Ärzten und Patienten für das neue Mittel gegen die Nervenkrankheit Multiple Sklerose (MS). Stolze 33.000 Euro verlangt Roche für eine Jahresdosis - pro Patient. Seit Anfang Februar ist das Medikament in Deutschland erhältlich.

Roche preist das neue Medikament als Innovation an. Es enthält den Wirkstoff "Ocrelizumab" - dessen Wirkung nach Meinung von MS-Ärzten einem anderen Wirkstoff ähnlich ist. Diese 20 Jahre alte Substanz heißt "Rituximab", stammt ursprünglich ebenfalls von Roche und wird Patienten mit MS schon seit vielen Jahren verordnet, mit großem Erfolg und ohne schwerwiegende Nebenwirkungen.

Mittel gegen die Nervenkrankheit Multiple Sklerose
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Statt 3000 Euro müssen die Krankenkassen künftig 33.000 Euro für das MS-Mittel zahlen.

Kosten: 33.000 statt 3000 Euro

In anderen Ländern, wie in Schweden, bekommen sogar 40 Prozent der Patienten diesen alten Wirkstoff. Nimmt man die in vielen Ländern übliche Dosis, so kostet eine Behandlung mit dem alten Wirkstoff nur rund 3000 Euro pro Jahr. Der Unterschied zu dem 33.000 Euro teuren neuen "Ocrelizumab" ist beachtlich.

Trotzdem sind die Ärzte in Deutschland nun gezwungen, ihre Patienten auf die Behandlung mit dem mehr als zehnfach teureren Medikament von Roche umzustellen. Die Geschichte klingt fast zu absurd, um wahr zu sein. Aber sie verweist auf Lücken bei der Preisregulierung von Medikamenten. Und sie zeigt, welche Wege Pharmafirmen beschreiten. Bei der Behandlung der Augenkrankheit Makuladegeneration verfielen Pharmafirmen vor ein paar Jahren auf eine ähnliche Idee.

Neues Medikament = neues Patent

Die Krux am aktuellen Fall ist: Auch der alte Wirkstoff Rituximab stammt von Roche. Entwickelt und zugelassen wurde er ursprünglich zur Behandlung von Krebspatienten. Spätestens seit Mitte 2000 war aber klar, dass dieser alte Wirkstoff auch bei MS wirksam sein würde. Doch dafür hat Roche nie eine formelle Zulassung bei der Behörde beantragt. So vielversprechend die Studiendaten für Rituximab auch waren - der alte Wirkstoff hatte offenbar einen entscheidenden Nachteil: Das Patent lief aus und damit das Preismonopol für den Hersteller.

Roche konzentrierte seine Aktivitäten stattdessen auf einen vergleichbar wirkenden Antikörper. Dafür gab es ein neues Patent. Und die Pharmafirma konnte den Preis nach oben setzen - auf stolze 33.000 Euro.

Infusionsbeutel | Bildquelle: imago stock&people
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Roche argumentiert, das neue Mittel sei besser verträglich.

Roche: "Ocrelizumb" ist besser verträglich

Die Firma Roche erklärt dazu in einer Stellungnahme gegenüber dem ARD-Politikmagazin Kontraste: Das neue Medikament sei bei beiden Formen der MS als erstes Medikament nachweislich wirksam. Man habe sich auf die Entwicklung von "Ocrelizumb" konzentriert, weil dieser Wirkstoff für eine Langzeitanwendung bei der MS wirksamer und verträglicher sei. Da es sich um einen "humanisierten Antikörper" handele, bestehe potenziell eine "bessere Verträglichkeit" mit dem menschlichen Immunsystem. Auch gebe es "weniger Infusionsreaktionen".

Unterschiede, die bei der alltäglichen Behandlung von Patienten kaum relevant sein dürften, meint jedenfalls der Münchner MS-Spezialist Professor Bernhard Hemmer: "Die Wirkung ist sehr vergleichbar. Beide Wirkstoffe führen dazu, dass bestimmte Zellen im Blut ausgeschaltet werden. Beide haben nachhaltige Effekte auf die Entzündungsaktivität im Gehirn." Auch der Unterschied bei Infusionsreaktionen dürfte klinisch von geringer Bedeutung sein, erklärten MS-Spezialisten gegenüber Kontraste.

Ärzte müssen neues Medikament verschreiben

Trotzdem werden Ärzte wie Hemmer ihre MS-Patienten bald mit dem neuen, viel teureren MS-Medikament behandeln müssen. Der Grund ist vor allem ein formaler: Da der Hersteller für das alte Mittel nie eine formelle Zulassung zur Behandlung von MS beantragt hatte, mussten die Ärzte ihre Patienten bisher im sogenannten "Off-Label-Use" behandeln. Damit ist aber jetzt Schluss: Da es seit gut zwei Wochen ein offiziell zugelassenes MS-Medikament gibt, dürfen die Krankenkassen nur das zugelassene erstatten. So will es das Gesetz - Kosten hin oder her.

Anders ist es in Schweden: Da wollen die Ärzte ihre Patienten weiterhin mit dem alten, bewährten Mittel behandeln. Der Staat erlaubt ihnen eine solche Entscheidung und stellt sich schützend vor sie - nicht vor die Interessen des Pharmaherstellers.

Malu Dreyer
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Auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer leidet unter MS.

Forderung: Staat sollte Studie durchführen

Auch in Deutschland müsste der Gesetzgeber aktiv werden, fordert Professor Friedemann Paul von der Charité in Berlin Er hat einen konkreten Vorschlag: Der Staat müsste eine Studie initiieren, die den alten Wirkstoff mit dem neuen vergleicht. Wenn sich die Gleichwertigkeit der beiden Wirkstoffe in einer mit Steuermitteln geförderten Studie bestätigt, sollten Ärzte und Krankenkassen die Erlaubnis erhalten, das alte, günstigere Medikament einzusetzen.

Eine solche Studie würde vielleicht zehn Millionen Euro kosten. Sparen könnten die Krankenkassen aber Milliarden.

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Über dieses Thema berichtete das Erste in "Kontraste" am 08. Februar 2018 um 21:45 Uhr.

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