Oliver Schmidt spricht im "Center for Automotive Research’s Management Briefing Seminar" in Traverse City, Michigan.

Oliver Schmidt Der VW-Sündenbock

Stand: 06.12.2017 22:14 Uhr

Oliver Schmidt hat bei VW eine Bilderbuchkarriere hingelegt, war schon früh Chef des VW-Umweltbüros in den USA. Jetzt ist der 48-Jährige der einzige VW-Verantwortliche, der in den USA in Haft sitzt - stellvertretend für das gesamte System VW, wie einige Beobachter meinen.

Von Martin Ganslmeier, ARD-Studio Washington

Wer sich mit der Geschichte des VW-Managers Oliver Schmidt befasst, gewinnt den Eindruck, dass ihm die beiden großen Leidenschaften seines Lebens zum Verhängnis wurden: Volkswagen und Amerika. Schon als 18-Jähriger schraubte Schmidt seinen VW-Käfer auseinander. Er studierte Maschinenbau in Hannover, ging zu VW und machte in Wolfsburg schnell Karriere. Schließlich galt er nicht nur als brillanter Ingenieur, sondern auch als sehr loyal.

Mit nur 35 Jahren schickte ihn VW in die USA. Vor allem die Autostadt Detroit und das Urlaubsparadies Florida faszinierten ihn. Die Hochzeit mit seiner Frau feierte er in einem VW-Autohaus in Florida. 2012 wurde er Leiter des Entwicklungs- und Umweltbüros von VW in den USA.

Bis zur Aufdeckung des Diesel-Skandals hatte kein Amerikaner mehr mit Oliver Schmidt zu tun als Alberto Ayala, der stellvertretende Leiter der kalifornischen Umweltbehörde. Lange Zeit habe er geglaubt, dass Schmidt ehrlich bemüht war herauszufinden, warum die Diesel-Fahrzeuge von VW auf der Straße 30 mal mehr Stickoxid ausstießen als auf dem Laufband, sagt Ayala im ARD-Interview: "Er war jemand, den ich respektiert habe. Seine Kenntnisse über die Autoindustrie haben mich ebenso beeindruckt wie seine Haltung mir gegenüber und meinen Kollegen bei der Regulierungsbehörde."

Alberto Ayala | Bildquelle: picture alliance / Uli Deck/dpa
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"Stinksauer": Alberto Ayala, Vize der kalifornischen Umweltbehörde.

Schmidt wusste seit 2014 Bescheid

Aus den Anklage-Dokumenten geht hervor, dass Schmidt spätestens seit dem Frühjahr 2014 von der Betrugs-Software wusste - eineinhalb Jahre vor Bekanntwerden des Diesel-Skandals. Schmidts Aufgabe war es - salopp gesagt - die US-Umweltbehörden möglichst lange hinzuhalten. Auch nachdem Schmidt Anfang 2015 befördert und in Wolfsburg enger Mitarbeiter des ebenfalls angeklagten Entwicklungsvorstands Heinz-Jakob Neußer wurde, blieb er der Mann bei VW für die US-Umweltbehörden.

Doch allmählich verloren die Amerikaner die Geduld. Als sie schließlich die Zulassung für neue Diesel-Fahrzeuge verweigerten, fiel das Kartenhaus zusammen. Es war Schmidts Nachfolger, der den US-Behörden die Betrugs-Software gestand. Ayala fühlte sich persönlich verraten: "Ich bin echt ausgeflippt, als ich davon hörte. Ich hatte immer noch gehofft, dass es eine vernünftige Erklärung geben würde. Aber als ich den wahren Grund erfuhr, war ich stinksauer."

Tragischer Karrieretiefpunkt

Schmidt war damals schon zurück in Wolfsburg. Dass er dann doch in den USA verhaftet wurde, ist die tragische Folge seiner Amerika-Leidenschaft. Über einen Anwalt kontaktiere er vor einem Jahr die US-Behörden: Ob er wohl trotz des Dieselskandals über Weihnachten Urlaub in Florida machen könne. Die US-Ermittler konnten vermutlich ihr Glück kaum fassen, ließen Schmidt und seine Frau noch zwei Wochen Urlaub machen, bevor sie ihn kurz vor dem Rückflug auf dem Flughafen von Miami festnahmen.

Vom Bilderbuch-Ingenieur zum VW-Verschwörer
Martin Ganslmeier, ARD Washington zzt. Detroit
06.12.2017 15:24 Uhr

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Den kurzen Urlaub im geliebten Florida muss Oliver Schmidt nun möglicherweise mit sieben langen Jahren in US-Haft bezahlen. Schmidt büßt stellvertretend für VW, so die Einschätzung von Alberto Ayala. Denn seine ebenfalls angeklagten Vorgesetzten werden von Deutschland nicht ausgeliefert. "Er hat mir damals ins Gesicht gelogen, auch noch bei unserem letzten Gespräch. Deshalb habe ich schon noch gewisse Vorbehalte, aber ich respektiere ihn als Ingenieur und persönlich habe ich Mitleid mit ihm."

Das Urteil gegen Schmidt ist der tragische Tiefpunkt einer Karriere: Vom Bilderbuch-Ingenieur zum Verschwörer im Dieselskandal und nun Sündenbock für den Betrug des Volkswagen-Konzerns.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 07. Dezember 2017 um 06:03 Uhr.

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