Herzoperation | Bildquelle: picture alliance / Bernd Wüstne

Interessenskonflikt verschwiegen "Meister der Meister" mit Aktienoptionen

Stand: 28.02.2018 18:00 Uhr

Eberhard Grube ist ein führender Herzspezialist. Laut NDR, WDR und "SZ" verschwieg er wertvolle Aktienoptionen eines Auftraggebers. Kein Einzelfall unter Ärzten, sagen Fachleute.

Von Markus Grill (NDR/WDR) und Philipp Eckstein (NDR)

Im vergangenen Jahr ließ sich Eberhard Grube auf einem Kardiologenkongress in Korea als "Master of the Masters" feiern, als "Meister der Meister". Ein US-Herzspezialist pries ihn als "einen der wahren Pioniere der interventionellen Kardiologie", ein anderer rühmte ihn "als einen der einflussreichsten interventionellen Kardiologen der letzten Jahrzehnte".

Das Lob ist kaum übertrieben. Grube wirkte an mehr als 100 wissenschaftlichen Studien mit und baute mehrfach neue Medizinprodukte als erster ein. Er unterrichtet bis heute an der Uni Bonn und berät die Bundesärztekammer bei der Entwicklung von Leitlinien.

Grube ist ein Meinungsführer wie aus dem Bilderbuch. Auf einen wie ihn hören andere Ärzte. So jemand ist auch für die Medizinprodukteindustrie interessant.

Enge Zusammenarbeit mit Biosensors

Eberhard Grube (Screenshot)
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Eberhard Grube ist "Head of Center of Innovative Interventions in Cardiology" am Herzzentrum Bonn. (Screenshot der Website des Herzzentrums)

Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" zeigen nun, dass Grube offenbar eng mit dem Medizinproduktehersteller Biosensors verbunden war, dessen Produkte er in Studien testete. Nach Unterlagen der Steuerkanzlei Appleby, die Teil der "Paradise Papers" sind, erhielt Grube in den Jahren 2001 und 2002 jeweils 100.000 Biosensors-Aktienoptionen. Der Wert dieser Aktien betrug laut Firmenunterlagen damals knapp eine Million Dollar.

Gewöhnliche Menschen konnten diese Aktien damals nicht kaufen, weil Biosensors erst 2005 an die Börse ging.

Die Frage, ob er die Aktien bezahlt hatte oder einfach als Gegenleistung für seine Tätigkeit erhielt, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Grube selbst gibt dazu auf Anfrage keine Antwort.

Warum bekam er die Aktienoptionen?

Warum gewährt ein Medizinproduktehersteller aus Singapur einem deutschen Arzt überhaupt so großzügig Aktienoptionen? Die Antwort auf diese Frage findet sich unter Umständen am Herzzentrum Siegburg, wo Grube von 1987 bis 2009 Chefarzt der Abteilung Kardiologie war. Dort testete er an seinen Patienten Stents von Biosensors, das sind kleine Metallröhrchen, die mithilfe eines Herzkatheders in die Blutbahn eingeführt werden und Engstellen im Herzkranzgefäß offen halten sollen.

Am 27. Mai 2005 verschickte Biosensors in Deutschland eine Pressemitteilung mit ersten Ergebnissen aus Grubes Studie. Darin heißt es: "Professor Grube erklärte, dass der BioMatrix (der Stent der Firma, Anm. d. Red.) sicher und wirksam bleibt und dass das neue Produkt das Auftreten einer Restenose (Wiederverschluss, Anm. d. Red.) bei über 97 Prozent der untersuchten Patienten verhinderte."

Das Geschäft mit den Stents

Stents sind für Kliniken ein gutes Geschäft. Der Einsatz ist gut planbar, Patienten können meist schon am Tag nach dem Eingriff das Krankenhaus wieder verlassen. Merkwürdig ist allerdings der Boom der Stents ausgerechnet in Deutschland. Während im EU-Durchschnitt pro 100.000 Einwohner 191 Stents im Jahr eingebaut werden, sind es in Deutschland 624. In keinem Land der Welt werden nach Angaben der OECD mehr Stents eingebaut als in Deutschland.

Die Kliniken bekommen für den Einbau eines einzigen Stents 3182 Euro von den Krankenkassen. Wenn der Eingriff schwierig ist, sogar 4135 Euro. Im vergangenen Jahr wurden in deutschen Kliniken mehr als 500.000 Stents eingesetzt.

Stents in vielen Artikeln gelobt

Grube selbst veröffentlichte damals mehrere Fachartikel, die vor allem den Nutzen von Stents betonen - ohne aber an selber Stelle seine Verbindungen zu Biosensors offenzulegen.

So veröffentlichte er 2005 im US-Fachblatt "Circulation" einen Artikel über den Einsatz von Stents. Sechs Co-Autoren dieses Artikels gaben Interessenkonflikte an - Grube nicht. Die Frage, warum Grube in diesem wie auch in anderen Fälle seine Verbindungen zu Biosensors verschwieg, beantwortet er auf Anfrage nicht. Kategorisch erklärt er: "Interessenskonflikte bestanden zu keiner Zeit."

"Viele Ärzte unterliegen einem Irrtum"

David Klemperer, Mitglied im Fachausschuss Transparenz und Unabhängigkeit in der Medizin der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, sagt: Aktien von einem Unternehmen zu haben und gleichzeitig die Produkte dieses Unternehmens zu bewerten, sei ein besonders krasser Fall von Interessenkonflikten. "Aber bis heute unterliegen viele Ärzte dem großen Irrtum, durch Interessenskonflikte nicht beeinflussbar zu sein."

Und Gerd Antes - Direktor des deutschen Cochrane-Zentrums, das die Qualität mediznischer Studien prüft - fordert, das Verschweigen von Interessenkonflikten "auf jeden Fall" zu ahnden. Doch wer soll "vergessliche Ärzte" sanktionieren? Die Uni? Der Staat? "Hier muss noch viel passieren, um Fremdeinflüsse in den Griff zu bekommen", sagt Antes.  

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 01. März 2018 um 06:20 Uhr.

Korrespondent

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Markus Grill, NDR/WDR

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