Menschen gehen in Erbil über einen Markt | Bildquelle: AFP

Serie: Folgen des niedrigen Ölpreises Über Erbil kreisen Pleitegeier

Stand: 12.03.2016 10:55 Uhr

Die autonomen Kurdengebiete im Norden des Iraks entwickelten sich nach dem Sturz Saddam Husseins prächtig. Doch inzwischen ist die Stabilität ins Wanken geraten. Daran schuld sind der Krieg gegen die Terrorgruppe IS und der niedrige Ölpreis.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo, zzt. in Erbil

Ein Springbrunnen, Bänke, tobende Kinder, ein Teehaus: Wir sind in Erbil im Norden des Iraks, der Hauptstadt der autonomen Region Irakisch-Kurdistan. Nach dem Sturz von Diktator Saddam Hussein 2003 entwickelte sich die Region rasant, während andere Teile des Landes im Chaos versanken. Der alte Basar im Zentrum wurde saniert, neue Shopping-Malls gebaut, in den Außenbezirken der Stadt wuchs eine Wohnanlage nach der anderen und gläserne Hochhäuser schossen in den Himmel.

Überall wurde Irakisch-Kurdistan als "der andere Irak" gefeiert, als Landstrich, in dem Stabilität und Sicherheit herrschten. Eine Region, in der Ausländer keine Terroranschläge fürchten mussten. Dies alles schlug sich in den Gehältern der Menschen nieder: Hatten 2003 Lehrer noch 50 Dollar bekommen, waren es zehn Jahre später 500 Dollar.

Keine Gehälter für Staatsangestellte

Noch vor zwei Jahren feierte sich die Millionenstadt - und wurde gefeiert: als "Boom-Town-Erbil" und "das neue Dubai". Und heute? Heute möchte der junge Geldwechsler, der im Zentrum von Erbil irakische Dinar für Dollars oder Euros verkauft, gar nicht erst über die wirtschaftliche Situation reden.

Über "Boom-Town Erbil" kreisen Pleitegeier, spotten manche Politiker. Sachlicher redet der stellvertretende Chef der autonomen Regierung von Irakisch-Kurdistan, Qubad Talabani: "Der globale Ölpreisverfall hat enorme Konsequenzen für unsere Wirtschaft. Unsere Rücklagen schrumpfen, wir haben ein Haushaltsdefizit und deshalb sind wir nicht in der Lage, unseren Gehaltsverpflichtungen nachzukommen."

Auf die Großfamilie angewiesen

Seit Oktober des vergangenen Jahres zahlt die Regionalregierung die Gehälter für Angestellte des öffentlichen Dienstes nur teilweise oder gar nicht mehr. Die privaten Rücklagen schrumpfen, wer Glück hat, dem hilft die Großfamilie. Aus Protest gegen den Lohnausfall legten Lehrer, zum Beispiel in der Provinz Sulemanya, die Arbeit nieder. Für Schüler fiel der Unterricht aus.

In Erbil ist es noch nicht so schlimm. Ein Restaurantbesitzer im Zentrum der Stadt äußerte Verständnis für jeden Beamten, der nicht mehr zur Arbeit geht: "Du hast ein Gehalt. Wenn du aber keines hast, arbeitest du auch nicht. Hier gibt es keine Beamtengehälter."

Ein junger Mann, der sich den Peschmerga angeschlossen hat, geht durch die Ruinen von Sindschar. (November 2015) | Bildquelle: REUTERS
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Die Peschmerga kämpfen im Norden des Irak gegen den IS - die Gefechte hinterlassen, wie hier in Sindschar, Trümmerlandschaften. (November 2015)

Teurer Krieg, niedriger Ölpreis

Der Ölpreis ist niedrig, die Staatsausgaben sind aber höher als gewöhnlich - wegen des Krieges. Das Land kämpft noch immer gegen die Terroristen des "Islamischen Staates".

Auch die Peschmerga, die Kämpfer von Irakisch-Kurdistan, sind an diesem Krieg beteiligt. Viele Iraker aus den anderen Landesteilen wissen das zu schätzen. Es sind die, die vor den Mörderbanden des IS in die relativ sichere Region flohen. "In einer Zeit, in der wir 1,8 Millionen Binnenflüchtlinge aufgenommen haben und in der wir auch noch versuchen, eine Regierung zu führen, in einer solchen Zeit macht der niedrige Ölpreis unsere Wirtschaft fertig", sagt Vize-Regierungschef Talabani.

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