Eurozeichen vor der EZB-Zentrale in Frankfurt | Bildquelle: picture alliance / dpa

Niedrigzinspolitik der EZB Neue Chance oder kalte Enteignung?

Stand: 05.06.2014 13:48 Uhr

Die EZB hat den Leitzins noch weiter gesenkt. Viele Experten warnen daher vor einer "Enteignung der Sparer". Die müssten nun für die Euro-Rettung zahlen. Doch es gibt auch Fachleute, die den EZB-Kurs als Chance sehen.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

"Niedrigzinsen enteignen Sparer!" Mit drastischen Worten warnen die Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken, des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft sowie des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) in einem gemeinsamen Appell davor, dass die EZB die Zinsen noch weiter senkt. Dadurch würden große Lücken in die Altersvorsorge künftiger Rentner gerissen, meinen die Präsidenten.

"Gerade die Menschen in Deutschland legen ihr Geld traditionell sicher an und leiden daher besonders unter den Niedrigzinsen", betont DSGV-Präsident Georg Fahrenschon. Allein den deutschen Sparern entgingen jedes Jahr Milliarden Euro an Zinseinnahmen.

EZB-Präsident Mario Draghi | Bildquelle: AP
galerie

Sein Kurs ist hoch umstritten: EZB-Präsident Mario Draghi

Ökonomen kritisieren zudem, dass insbesondere die Masse der Kleinsparer von den Niedrigzinsen betroffen sei, weil sie das Geld auf Girokonten und Sparbüchern einzahle. Wer genug Geld habe, könne in Aktien oder Immobilien investieren - und so sogar vom niedrigen Zinsniveau profitieren. Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI), spricht gegenüber tagesschau.de angesichts dieser Entwicklung von einer indirekten Steuer auf Erspartes. Dies treffe insbesondere dann zu, wenn möglicherweise Negativzinsen von Banken an die Sparer weitergegeben würden.

Hintergrund ist, dass die EZB erstmals einen Strafzins für Bankeinlagen erhebt. Die Idee dahinter ist, dass die Banken bei einem negativen Zinssatz das Geld lieber an Unternehmen verleiht. Straubhaar beklagt daher ein "Diktat der Notenbanken". Der freie Kreditverkehr werde dadurch verzerrt, im schlimmsten Fall nahezu ausgehebelt. "Das ist die große Crux, wenn die EZB noch vorschreiben will, was mit dem Geld passieren soll" - also wenn es beispielsweise an mittelständische Unternehmen weitergegeben werden muss.

Eine neue "solide Ära"

Der massiven Kritik widerspricht Thomas Fricke. "Vor lauter Schimpfen über niedrige Sparrenditen scheinen Ursache und Wirkung durcheinander zu geraten", sagt der Wirtschaftsjournalist gegenüber tagesschau.de. Es existiere generell kein Anspruch auf Zinsen. Zudem sei es nicht so, dass es nur in der Euro-Zone derzeit niedrige Zinsen gebe. "Das ist fast weltweit so", betont Fricke. Dies sei "auch typisch für die Zeit nach dem Platzen einer Finanzblase". Die Politik der EZB sei angesichts der Erfahrungen aus der Weltwirtschaftskrise der 1930er- und der Krise in Japan der 1990er-Jahre der richtige Weg, um den Schuldenabbau nicht noch zu behindern.

Leider werde den Sparern nun die Rechnung für die Spekulationen der vergangenen Jahre präsentiert, meint Fricke. Viel zu lange sei die Illusion vermittelt worden, man könne "mit mutigem Geldanlegen sechs oder acht Prozent Renditen erzielen und die Rente finanzieren". Das könne auf Dauer nicht aufgehen, wenn die tatsächliche Wirtschaftsleistung nur um drei Prozent wachse. Da müsse man nun realistischer werden.

Der ehemalige Redakteur der "Financial Times Deutschland" und heutige Leiter des Internetportals "Wirtschaftswunder" sieht daher Chancen durch die niedrigen Zinsen, spricht von einem möglichen Zeitenwandel hin zu einer soliden Ära. Die Renditen auf Finanzanlagen seien lange so attraktiv gewesen, dass Investoren ihr Geld "lieber in das x-te Derivat steckten, als es einem Mittelständler oder Start-up zu geben". Dieser Hang zur virtuellen Anlage habe "uns im Laufe der Zeit eine Dominanz der Finanzwirtschaft beschert, die es etwa zu Wirtschaftswunder-Zeiten nicht gab. Die Banken müssten sich nun wieder darauf konzentrieren, "denen Geld zu geben, die in die Zukunft investieren und Wohlstand sichern - statt Hochfrequenzhandel ohne erkennbaren Nutzen zu betreiben".

"Private Altersvorsorge wird wichtiger"

Jürgen Stark | Bildquelle: picture alliance / dpa
galerie

Jürgen Stark war früher bei der EZB.

Mit historischen Vergleichen zum Wirtschaftswunder kann der Ökonom Jürgen Stark wenig anfangen: Die Situation sei insbesondere in Europa eine andere als nach dem Zweiten Weltkrieg, sagt der ehemalige Chefvolkswirt der EZB gegenüber tagesschau.de. "Das wirtschaftliche Wachstum ist geringer als damals und Europa hat sein demographisches Problem mit einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung zu bewältigen."

"Die private Altersvorsorge erhält zunehmendes Gewicht". Daher müssten vorausplanende Anleger "die reale Entwertung ihrer Ersparnisse durch zusätzliche Rücklagen kompensieren, wenn sie ihren Lebensstandard im Alter sichern wollen". Die Folge seien Konsumverzicht und niedrigeres Wachstum.

Geld unter das Kopfkissen?

Was sollen die Sparer also konkret tun? Ihre Rücklagen auflösen und konsumieren, weil das Geld sonst an Wert verliert - oder noch mehr fürs Alter zurücklegen? Der Ökonom Stark meint: "Generell gelten derzeit zwei Grundsätze: 1. breite Streuung und 2. Sicherheit vor Rendite." HWWI-Chef Straubhaar betont, es gebe für die meisten Deutschen keine Alternative zum Vorsorgesparen für das Alter. Jetzt müsse man eben eher noch mehr zurücklegen. Wenn es tatsächlich Negativzinsen geben sollte, müsse der Sparer sein Geld als Notmaßnahme von der Bank holen - und eine Etage tiefer ins Schließfach legen.

Thomas Fricke hält das für Panikmache. Es sei "Quatsch", dass die Sparer enteignet würden. Seiner Ansicht nach handelt es sich bei den niedrigen Zinsen um ein "vorübergehendes Phänomen" in "einer sehr außergewöhnlichen Situation"; um eine Folge der "katastrophalen Erfahrungen" der vergangenen Jahre. "Wir müssen diese schwierige Phase überwinden", meint Fricke, um nicht "als Folge der Finanzkrise in eine große Depression zu rutschen". Die Lage werde sich aber wieder normalisieren. "Und dann werden die Notenbanken die Zinsen wieder anheben, und es wird auch wieder höhere Zinsen für die Sparer geben."

Harte Zeiten für Sparer
ARD-Morgenmagazin, 05.06.2014, Martin Schmidt, SWR

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Darstellung: