Proteste gegen Monsanto.

Aktivisten werfen Saatguthersteller "Ökozid" vor Monsanto auf der Anklagebank

Stand: 15.10.2016 08:03 Uhr

"Scheinprozess" oder ernstzunehmende Verhandlung? Für den Saatguthersteller Monsanto ist klar, was derzeit in Den Haag passiert. Aktivisten haben Juristen engagiert, um Monsanto "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" nachzuweisen.

Von Michael Heussen, WDR Köln, zzt. Den Haag

Der Ort ist mit Bedacht gewählt: Den Haag ist Sitz des Internationalen Gerichtshofs und des Internationalen Strafgerichtshofs. In der Stadt, in der sich sonst Kriegsverbrecher verantworten müssen, ist Monsanto wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" und wegen "Ökozids" angeklagt.

Allein diese Anklagepunkte lassen eigentlich nicht auf ein faires Verfahren hoffen. Monsanto hat daher auch die Einladung zu dem Tribunal abgelehnt und spricht in einem offenen Brief von einem "Scheinprozess, bei dem Kritiker, die gegen landwirtschaftlichen Fortschritt und gegen Monsanto sind, die Organisatoren, den Richter und die Jury spielen, und bei dem das Ergebnis von vornherein feststeht." Wenn man sich die Auswahl der Zeugen anschaut, dürfte diese Einschätzung zutreffen. Bauern, Imker und Gesundheitsexperten aus Nord- und Südamerika, Asien und Afrika berichten über die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Schäden, die durch das Unternehmen Monsanto, seine Produkte und seine Geschäftspraktiken entstanden sein sollen.

Logo Monsanto | Bildquelle: AFP
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Fortschritt oder Verbrechen? Während Monsanto in der Gentechnik einen Heilsbringer sieht, halten Aktivisten die Praxis für menschenvernichtend.

Konträre Ansichten

Die indische Umweltaktivistin Vandana Shiva etwa spricht von 300.000 indischen Bauern, die sich wegen Monsanto das Leben genommen haben. Das von Monsanto hergestellte Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat wird angeprangert, weil es krebserregend sein soll.

Monsanto dagegen stellt es auf das gleiche Gefährdungslevel wie heißes Wasser oder rohes Fleisch. Und natürlich geht es um genveränderte Lebensmittel. Für Monsanto sind das Heilsbringer, um die wachsende Erdbevölkerung mit immer leistungsfähigerem Saatgut zu ernähren. Kritiker sehen dagegen einen Schritt in Richtung Vernichtung der Menschheit.

Die Ansichten von Gegnern und Befürwortern der sogenannten Grünen Landwirtschaft stehen einander gegenüber. Das Argument des einen ist das Gegenargument des anderen. Für den Laien ist es fast unmöglich, den Überblick zu behalten. Umso spannender ist die Frage, ob es den fünf Richtern gelingt - immerhin handelt es sich um renommierte Juristen aus Argentinien, Mexiko, Kanada, Senegal und Belgien.

Bayer: Monsanto hat sich schlechten Ruf selbst zuzuschreiben

Quasi mit auf der Anklagebank sitzt auch der deutsche Bayer-Konzern, der vor einem Monat verkündet hat, Monsanto für 66 Milliarden US-Dollar übernehmen zu wollen, wenn die internationalen Kartellbehörden zustimmen. Ein Sprecher von Bayer hat es abgelehnt, das Tribunal zu kommentieren. Noch sei Monsanto nicht Teil des Bayer-Konzerns, deswegen werde man sich nicht äußern, so die offizielle Sprachregelung in Leverkusen. Bayer-Chef Werner Baumann hält sich selbst allerdings nicht daran: In einem Zeitungsinterview hat er Anfang der Woche erklärt, dass sich Monsanto seinen schlechten Ruf zum Teil selbst zuzuschreiben habe.

Bayer setze dagegen auf einen partnerschaftlichen Ansatz im Umgang mit Kunden und allen gesellschaftlichen Gruppen. Man habe nicht vor, genveränderte Pflanzen in Europa zu etablieren. Kritikern reicht diese Aussage nicht: Europas Gentechnikfreiheit dürfe nicht auf großzügigen Zusagen von privaten Unternehmen basieren, sagte der Agrarexperte der Grünen-Bundestagsfraktion, Harald Ebner. "Die können sich schließlich schnell ändern." Es brauche daher eine "handfeste gesetzliche Grundlage für Gentech-Verbote" ohne Hintertüren.

"Urteil" im Dezember

In Den Haag können die Leverkusener zumindest schon mal erahnen, welche Protestwelle auf sie zurollt, wenn die Übernahme glückt. Der Adressat der Proteste wird dann Bayer-Chef Baumann sein. Da dürfte es ihm nicht helfen, einfach nur den Namen Monsanto zu tilgen. Auf Fragen nach einer möglichen Umbenennung gibt er, wenn überhaupt, nur ausweichende Antworten. Aber ihm dürfte klar sein, dass mit der Marke Monsanto zumindest in Europa nicht viel Staat zu machen ist - vollkommen unabhängig davon, zu welchem Ergebnis das Tribunal in Den Haag kommt.

Das Urteil - rechtlich nicht bindend - soll im Dezember veröffentlicht werden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Oktober 2016 um 08:12 Uhr.

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