Ein Landwirt fährt in Köln mit einer Egge am Traktor über sein Feld und zieht eine Staubwolke hinter sich her.  | Bildquelle: dpa

Kritik an Dürre-Nothilfen "... der Bauer ruft nach Steuergeld"

Stand: 02.08.2018 16:56 Uhr

Der Bauernverband fordert angesichts der zu erwartenden Ernteausfälle staatliche Hilfen. Agrarwissenschaftler sehen Dürre-Nothilfen jedoch kritisch. Einkommenstransfers würden die Probleme nicht lösen.

Von Günter Marks, tagesschau.de

"Der Regen fällt, die Sonne brennt, der Bauer ruft nach Steuergeld", schreibt der Blogger "Bauer Willi" in einem Gastkommentar auf topagrar.com. Die Online-Seite des gleichnamigen monatlichen Magazins für Bauern und Landwirte in Deutschland wird in Fachkreisen viel gelesen. Bauer Willi - alias Willi Kremer-Schillings, promovierter Agrarwissenschaftler aus der Region Neuss am Niederrhein - provoziert. Er ist gegen staatliche Dürre-Hilfen für Landwirte. Erstens würden damit nur die Probleme verschoben. Und zweitens würden alle Landwirte bestraft, die in guten Zeiten Vorsorge getroffen hätten, schreibt er.

Der Deutsche Bauernverband sieht das anders. Wiederholt forderte der Spitzenverband der deutschen Land- und Forstwirtschaft angesichts der anhaltenden Trockenheit und der erwarteten massiven Ernteausfälle vom Bund Unterstützungen in Höhe von einer Milliarde Euro.

Mitarbeiter einer Agrargenossenschaft auf einem Weizenfeld | Bildquelle: dpa
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Landwirte in Deutschland erhalten jährlich Agrarhilfen von der EU. Das Geld macht mitunter einen großen Posten in ihrer Planung aus.

Agrarhilfen als Geschäftsfeld

Der Agrarwissenschaftler Norbert Hirschauer von der Universität Halle-Wittenberg sieht Nothilfen kritisch, die als Einkommenstransfers gewährt werden. "Bevor man aber diesbezüglich politische Maßnahmen ergreift, sollte man grundsätzlich fragen, was das Problem ist, das man beheben möchte? Sind die Landwirte zu arm, um selber vorzusorgen? Dann müssten wir ihnen noch mehr Geld geben, als sie bisher schon an Subventionen erhalten. Das sehe ich aber nicht so, und es wäre allenfalls sinnvoll, wenn sie die Subventionen auch tatsächlich als 'Notgroschen' für schlechte Jahre vorhalten und so Existenznöte vermeiden würden", sagt Hirschauer im Gespräch mit tagesschau.de.

Landwirte in Deutschland erhalten jährlich Agrarhilfen von der EU. Das Geld macht mitunter einen großen Posten in ihrer Planung aus. Bemessen werden diese Subventionen nach der bewirtschafteten Fläche. Laut Hirschauer erhalten Bauern in Deutschland im Durchschnitt ungefähr 250 Euro pro Jahr und Hektar als leistungslose Transferzahlung. "Das ist, wenn Sie so wollen, ein weiteres 'Geschäftsfeld' für die Landwirte", so der Agrarwissenschaftler. "Nach offizieller agrarpolitischer Sicht ist das Geld für die 'Einkommens- und Risikoabsicherung' gedacht."

Mehrere Möglichkeiten für Landwirte

Genutzt wird das Geld jedoch oft für andere Zwecke. Hirschauer sagt, dass Landwirte verschiedene Möglichkeiten haben, Erfolgsschwankungen zu reduzieren. Innerbetrieblich können sie trockenheitsresistentere Pflanzenkulturen einsetzen und ihre Produktpalette diversifizieren, also verschiedene Pflanzenkulturen anbauen. Dazu kommen Einkünfte, die oft mit der Landwirtschaft nichts zu tun haben - zum Beispiel Windenergieerzeugung.

Eine besonders wichtige Maßnahme ist Hirschauer zufolge die Bildung eigener Liquiditätsreserven für schlechte Jahre. Und schließlich gebe es außerbetrieblich Versicherungen sowie auch staatliche Krisenhilfen, die letztlich wie Versicherungen wirkten, für die kein Beitrag gezahlt werden musste. "Alle diese Maßnahmen sind eng verbunden", sagt Hirschauer. "Wenn man mehr von dem einen macht oder hat, braucht man weniger von dem anderen."

Sommer werden heißer und trockener

Franz Wiesler, Präsident des Verbandes Deutscher Landwirtschaftlicher Untersuchungs- und Forschungsanstalten (LUFA) in Speyer, sieht kurzfristig wenige Möglichkeiten für Landwirte, sich gegen eine Dürre zu wappnen. Mittel- und langfristig gebe es jedoch eine Vielzahl. Die intensive Landwirtschaft strebe in der Regel danach, ihre Erträge zu maximieren. "Deshalb rechnen die Bauern selten mit solchen Wetter-Ausschlägen wie zurzeit." Aber was im Rahmen des Klimawandels auf die Landwirtschaft zukomme, sei nicht überraschend - zum Beispiel dass die Sommer heißer und trockener werden, so Wiesler.

Laut Wielser wird zurzeit intensiv an der Züchtung von trockenheitsresistenten oder trockenheitstoleranten Pflanzen gearbeitet. "Dort befinden wir uns jedoch noch in der Grundlagenforschung", so der Experte. Darüber hinaus spiele die Kulturartenwahl im Ackerbau eine wichtige Rolle. "Wenn Sie zum Beispiel Kulturen anbauen, die früh geerntet werden, dann entgehen sie solchen Trockenperioden, wie wir sie zurzeit erleben." Man könnte Wiesler zufolge auch die Pflanzen auf den Feldern weniger dicht pflanzen. "Das hätte den Vorteil, dass die Pflanzen weniger Wasser verdunsten." Darüber hinaus könnten neue Pflanzenarten Bedeutung gewinnen, die auch bei Trockenheit sehr gut gedeihen - zum Beispiel Hirse.

Eine andere Möglichkeit für Bauern, sich gegen Trockenheit zu wappnen, sei den Humus-Gehalt in den Böden zu erhöhen, so Wiesler. Denn das würde die Fähigkeit der Böden verbessern, Wasser zu speichern.

Dürreversicherungen funktionieren nicht - eigentlich

Wenn dennoch eine Notsituation eintritt, müssen Landwirte abgesichert sein. Ansparen sei dabei "eigentlich der wichtigste Mechanismus", sagt auch Martin Odening, Agrarwissenschaftler an der HU Berlin. "Die Glättung der Ertragsausfälle über einen längeren Zeitraum ist eigentlich der Hauptmechanismus, um Ernteausfällen zu begegnen", so Odening.

Auch Versicherungen könnten Ausfälle ausgleichen, sagt Odening. "Nur muss man wissen, dass Dürreversicherungen eigentlich nicht funktionieren - nicht nur nicht in Deutschland, sondern nirgends auf der Welt. Dürreversicherungen in der Landwirtschaft funktionieren nur, wenn sie massiv subventioniert werden."

Odening sagt, Trockenheitsschäden, wie sie zurzeit auftreten, seien sogenannte systemische Risiken, vor denen sich alle Versicherungen scheuen. Es gebe zwar von den Versicherern entsprechende Absicherungsangebote. Die seien den Landwirten jedoch schlicht zu teuer. Die USA subventionierten deshalb seit Jahrzehnten die Versicherungen für Landwirte. "Auch in der EU haben das einige Länder nachgemacht: Italien, Spanien, Frankreich. Deutschland ist eines der wenigen Länder, die keine Prämien für Ertragsversicherungen zahlt."

Auf einem Feld in Mecklenburg-Vorpommern wird Raps geerntet. | Bildquelle: dpa
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Rapsernte in Neubukow in Mecklenburg-Vorpommern. Die Dürre sorgt nach zwei schlechten Erntejahren für ein weiteres Jahr mit Einbußen.

Katastrophenereignis oder häufige Extremwetterlage?

"Risikomanagement kostet immer Geld", sagt Hirschauer von der Universität Halle-Wittenberg. Die Frage sei in diesem Jahr, ob die Dürre ein außerordentliches Katastrophenereignis sei, für das man "nach vernünftigem Ermessen" nicht gut vorsorgen könne. "Oder ist dieses Jahr ein Beispiel für inzwischen gehäuft auftretende Extremwetterlagen, die wir immer wieder zu erwarten haben?"

Hirschauer sieht die Gefahr, dass es in Zukunft häufiger solche Wetterlagen geben könnte. Deshalb spricht er sich zum einen für mehr Informationsvermittlung, Fortbildung und Beratung beim Risikomanagement aus. Zum anderen sollten aber die Landwirte dazu verpflichtet werden, mehr eigene Risikovorsorge mit dem Geld betreiben, das sie zurzeit schon vom Staat erhalten.

Was kann man machen?

Ähnlich äußert sich Odening. "Langfristig muss man überlegen, was man besser machen kann, wenn eine solche Situation in vielleicht 15 Jahren wiederkommt." In diese Diskussion müsse man Versicherer und Rückversicherer einbeziehen. "Wie können wir vielleicht auch Gelder aus der EU umwidmen, und wie könnte man Landwirte stärker in die Pflicht nehmen?", so Odening.

Kurzfristig lasse sich nun nichts ändern. "Die Kalamitäten sind da, und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner will Ende August entscheiden, ob Nothilfen gewährt werden", so Odening.

Das erkennt der Bauernverband auch an. Verbandspräsident Joachim Rukwied sagte zuletzt den Zeitungen der Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft, er zeige Verständnis dafür, dass die CDU-Politikerin Klöckner zunächst valide Daten brauche, um eine Entscheidung über Hilfen des Bundes zu treffen. Dabei sei dann aber "höchste Geschwindigkeit angesagt".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. August 2018 um 19:08 Uhr.

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Günter Marks, tagesschau.de

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