Indische Pendler klammern sich an einen überfüllten Zug | Bildquelle: AFP

Indien unter Modi "Nur die Wirtschaft ist wichtig"

Stand: 29.05.2017 11:42 Uhr

Der indische Premierminister Modi ist zu Besuch in Berlin. Bereits vorab warb er um deutsche Investoren. Die indische Wirtschaft wächst, sein Land biete "immense Möglichkeiten". Doch sehen das indische Unternehmer auch so?

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

Mohammad Usman ist ein gemütlicher Mann Anfang 50, weißes Leinenhemd, ordentlicher Bauchansatz. Er ist der Besitzer von Tunday Kebab, der wohl bekanntesten Braterei in der Stadt Lucknow im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Bis vor kurzem kamen viele Gäste, weil sie sein Beef, also Rindfleisch, so gerne aßen. Aber jetzt gibt es kein Beef mehr. Dafür aber Vegetarisches. Denn das Geschäft sei fast um die Hälfte eingebrochen, erzählt Usman. "Ein Grund ist die derzeitige Sommerhitze. Aber der Hauptgrund ist die Tatsache, dass es kein Rind- oder Büffelfleisch mehr gibt."

Seit März ist in Uttar Pradesh die Bharatiya Janata Party (BJP) des indischen Premierministers Narendra Modi an der Macht. Die Partei knüpfte sich dort als Erstes die muslimischen Schlachtereien vor und schloss Hunderte, angeblich wegen fehlender Lizenzen.

Aber klar ist auch: Die BJP will, dass sich Minderheiten in Indien der Hindu-Mehrheit unterordnen. Und das bedeutet: Rindfleisch und das Schlachten der für Hindus heiligen Kuh sind tabu. BJP-Politiker fordern sogar die Todesstrafe für diejenigen, die die heiligen Tiere töten. Hetze gegen Minderheiten oder Andersdenkende gehört ohnehin zum guten Ton der Partei Modis. Der neue BJP-Regierungschef in Uttar Pradesh sagte einst, sollten Muslime einen Hindu umbringen, müssten dafür viele Muslime sterben.

Modi will reformieren und digitalisieren

Sanjay Malhotra blickt zufrieden durch seine Werkshallen. Er stellt Autoteile wie etwa Armaturen her. Die meisten Waren exportiert Malhotra. Aber seit Modi an der Macht ist, hofft er, endlich auch den riesigen indischen Markt erobern zu können. "Es wird alles besser hier", freut er sich sich Malhotra. "Bisher war der Markt sehr klein. Im vergangenen Jahr sind wir aber auf dem indischen Markt um 50 Prozent gewachsen, und für dieses Jahr peilen wir weitere 50 Prozent an."

Sanjay Malhotra in seiner Fabrik für Autoteile | Bildquelle: Jürgen Webermann
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Sanjay Malhotra in seiner Fabrik für Autoteile

Die indische Wirtschaft wächst derzeit um etwa sieben Prozent, das war auch schon vor Modis Amtsantritt Ende Mai 2014 so. Aber Modi verbreitet Aufbruchsstimmung. Er wirbt im Ausland um Investoren. Er will Indien digitalisieren. Sein Sprachrrohr heißt Twitter, dort folgen ihm 30 Millionen Nutzer.

Modi drängt auf Wirtschaftsreformen, er hat erstmals eine einheitliche Mehrwertsteuer für Indien durchgesetzt. Und er hat ein riesiges Geldexperiment gewagt. Im November erklärte Modi über Nacht 80 Prozent des Bargelds für ungültig. Wochenlang stand das Land, in dem fast alle Geschäfte in bar abgewickelt werden, still, weil niemand auf diesen Schritt vorbereitet war.

Indien unter Premierminister Modi
Jürgen Webermann, ARD Neu-Delhi
29.05.2017 10:00 Uhr

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Sanjay Malhotra findet die Entscheidung trotzdem gut. Denn Modi wollte Schwarzgeldbesitzer treffen. Im notorisch korrupten Indien kommt so etwas gut an: "Ich glaube, die Reform hat auch deshalb funktioniert, weil sie alle gleich gemacht hat. Tagelöhner hatten auf einmal das gleiche Problem wie reiche Landbesitzer. Das hat den Leuten gefallen, nach dem Motto: Das geschieht denen mal Recht."

"Das Land wollte einen starken Mann"

Und so ließen die meisten Inder Modi gewähren. Und nicht nur das: Er triumphierte bei den Regionalwahlen in Uttar Pradesh. In dem Bundesstaat leben 200 Millionen Menschen. Einige vergleichen Modi bereits mit der legendären Premierministerin Indira Gandhi oder dem Staatsgründer Nehru. Deren Kongresspartei, einst die dominante Kraft in Indien, steckt in einer tiefen Krise.

Interview mit Rajeew Gowda von der Kongresspartei | Bildquelle: Jürgen Webermann
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Rajeew Gowda von der Kongresspartei im Interview

Rajeev Gowda ist Parlamentsabgeordneter der Kongresspartei. "Modi kam einfach zu einer Zeit, in der das Land einen Populisten, einen starken Mann wollte", sagt er. Aber die Realität werde die Regierung noch einholen. Indien brauche ein stärkeres Wachstum, mehr Jobs als bisher und sozialen Frieden. "Minderheiten wie Muslime sind unter Druck, ihnen soll vorgeschrieben werden, was sie essen dürfen und so weiter. Das ist eine Talibanisierung Indiens. Das macht uns wütend."

Der Kebab-König von Lucknow, Mohammad Usman, sagt, er habe trotz der Fleischverbote keine Angst vor der BJP. Am Ende regiere Gott die Welt und nicht Modi.

Unternehmer Sanjay Malhotra zieht dagegen eine klare rote Linie. Zwar ist Modi für ihn der richtige Mann zur richtigen Zeit. Aber die Regierung habe den Auftrag, das Land und seine Leute zu entwickeln. "Wenn sie das vernachlässigt, wenn sie sich zu sehr radikalen Ideen, sei es von rechts oder links zuwendet, dann wird sie ihre Macht verlieren", glaubt Malhotra. "Es geht uns hier um wirtschaftliche Entwicklung, und der Rest ist unwichtig."

 

Über dieses Thema berichteten am 29. Mai 2017 tagesschau24 um 11:30 und 12:30 Uhr sowie NDR Info um 11:41 Uhr jeweils in der Wirtschaft.

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