Saida Mousseh Mohammed Hassan und die Kadaver einiger ihrer Tiere.  | Bildquelle: dpa

G20 und Afrika "Investitionen, Investitionen, Investitionen"

Stand: 06.07.2017 11:45 Uhr

Hilfe für Afrika - bei den G20 steht sie groß auf der Agenda. Doch viele Programme für den Kontinent sind gescheitert, zu unterschiedlich sind die Probleme. Afrikanische Ökonomen empfehlen einen ganz neuen Ansatz und nennen China als Vorbild.

Von Sabine Bohland, ARD-Studio Nairobi

"Wir versprechen Jobs, Sicherheit, Kampf gegen Korruption und Nahrung für alle!" Was sich liest wie eine potenzielle Afrika-Agenda des G20-Gipfels in Hamburg sind die täglichen Schlagzeilen in kenianischen Zeitungen. Denn in Kenia ist gerade Wahlkampf. Der G-20-Gipfel spielt dabei allerdings keine Rolle.

Kenia zählt zu den besser entwickelten und demokratischeren Staaten auf dem afrikanischen Kontinent. Die Hauptstadt Nairobi boomt, überall entstehen Büro- und Wohntürme, auch neue Straßen werden in der notorisch verstopften Metropole gebaut.

Arbeitslosigkeit, Dürre, Terror

Aber in Kenia sind viele Probleme sichtbar, die stellvertretend für den ganzen Kontinent stehen: Korruption bis in die höchsten Ebenen, Schätzungen zufolge etwa 40 Prozent Arbeitslose, Dürren durch Klimawandel, ein Terrorproblem durch die Al-Shabaab-Miliz aus dem benachbarten Somalia, hohes Bevölkerungswachstum, schlechte Infrastruktur.

Straßenarbeiten in Lagos (Nigeria) | Bildquelle: AFP
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Straßenarbeiten in Lagos/Nigeria

Kenia ist wie ein Mikrokosmos des gesamten Kontinents. Aber Afrika ist nicht gleich Afrika. Griechenland hat ja auch andere Probleme als Großbritannien, und Thailand nicht die gleichen wie Nordkorea. Deshalb wird es für die G20-Länder schwierig werden, einen "Marshallplan für Afrika", "Compact with Africa" oder eine andere Formel für den ganzen Kontinent umzusetzen. Zumal Kriege, Hunger und Terror die angestrebten Wirtschaftspartnerschaften - vorsichtig gesagt - nicht gerade befördern. Aber um die Krisenländer soll es in Hamburg ja auch nicht in erster Linie gehen.

Vielmehr um die Länder, die weitgehend friedlich sind, also potentielle Wirtschaftsstandorte wären. Anfang Juni hat Deutschland bei der G20-Afrika-Konferenz Investitionspartnerschaften mit Tunesien, Ghana und Elfenbeinküste beschlossen, aus deutscher Sicht "reformbereite Länder". Auch dort herrscht erschreckend hohe Arbeitslosigkeit. Daher kommen viele sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge nach Europa. Ob sich junge Menschen durch solche "Partnerschaften" davon abhalten lassen, nach Europa zu fliehen, bezweifeln viele.

"Man muss ehrgeizig sein"

Es gibt aber auch Afrikaner, die sich bewusst für eine Karriere in ihrem jeweiligen Heimatland entscheiden. Der ehemalige Banker Axel Emmanuel ist einer von ihnen. Vor zwei Jahren gab er seine Karriere auf, um eine Schokoladenmanufaktur zu gründen. Schließlich ist Elfenbeinküste der größte Kakaoproduzent der Welt. Geld wird aber nur mit dem Export des Rohstoffes gemacht, nicht mit der Verarbeitung. Emmanuel sieht die Verantwortung für eine prosperierende Wirtschaft bei jedem einzelnen. "Man muss ehrgeizig sein", sagt er, "wenn wir Afrikaner den Kontinent mit unseren Ideen verändern wollen. Aber wenn wir uns mit verschränkten Armen hinsetzen, dann wird nie was passieren."

Der Jungunternehmer kritisiert auch, dass sich nach wie vor viele Afrikaner auf die Kolonialzeit berufen, wenn sie mangelnde Entwicklung auf dem Kontinent erklären wollen:  "Das müssen wir hinter uns lassen und uns endlich davon emanzipieren. Dieses ewige Jammern schadet uns nur."

China hilft - ohne Fragen zu stellen

Das G-20-Land China investiert schon seit langem in Afrika - ohne lange Fragen nach Meinungsfreiheit oder Menschenrechten zu stellen. Vielen Afrikanern ist das lieber als die belehrende Haltung Europas. 

"Europäer haben Afrika gegenüber immer noch diesen patriarchalischen Ansatz", sagt der kenianische Wirtschaftsexperte James Shikwati, "Afrika ist für sie wie ein Kind, das man erziehen muss. Die Chinesen machen das anders. Sie sehen in Afrikanern Menschen, mit denen sie Geschäfte machen können. Europäer wollen uns immer helfen." Das hat aber bislang nicht zum gewünschten Erfolg geführt, eigentlich in keinem afrikanischen Land.

Genauso wenig wie sich die einzelnen Staaten zu einem "Afrika" verallgemeinern lassen, genauso wenig gibt es ein Patentrezept, was für den Kontinent am besten wäre. Für Akinwumi Adesina, den Direktor der afrikanischen Entwicklungsbank, steht fest: "Was Afrika braucht, sind Investitionen, Investitionen, Investitionen."

Im Beisein von Kenias Präsident wurde ein riesiges Infrarsturkturprojekt eröffnet. | Bildquelle: AP
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Eine Eisenbahntrasse verbindet in Kenia nun die Städte Mombasa und Nairobi - China hat das Projekt mitfinanziert.

Eigeninitiative statt Entwicklungshilfe

James Shikwati, der kenianische Ökonom, forderte schon vor mehr als zehn Jahren einen sofortigen Stop jeglicher Entwicklungshilfe - und stattdessen mehr Eigeninitiative der Afrikaner selbst. Eine Position, mit der er längst nicht mehr alleine da steht. Afrika solle als Kontinent der Chancen wahrgenommen werden, fordert Shikwati. Zumindest in dieser Hinsicht deckt sich seine Sicht mit dem, was auf der Agenda der G20-Länder steht.

Aber welcher Weg ist nun der richtige für "Afrika"? Für das kriegsgebeutelte Somalia, in dem die Vereinten Nationen viel Geld ausgeben, aber noch immer kein Frieden herrscht? Für das bitterarme Gambia, das Anfang des Jahres durch einen friedlichen Machtwechsel von sich reden machte? Für den weltgrößten Kakaoproduzenten Elfenbeinküste, der mit fallenden Rohstoffpreisen kämpft? Für Sierra Leone, das noch immer versucht, sich von der Ebola-Epidemie zu erholen?

Entwicklungshilfe? Wirtschaftspartnerschaft? Schulen bauen oder Kredite für Straßen vergeben? Rohstoffe aufkaufen oder lieber in Ausbildung investieren, damit die sogenannte Wertschöpfung vor Ort stattfinden kann? Vielleicht nichts davon, vielleicht von allem etwas. Sicher ist nur eines: Die Menschen in Afrika möchten ernst genommen werden. Von Europa oder China, vor allem aber von ihren eigenen Regierungen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 06. Juli 2017 um 11:00 Uhr.

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