Ein verwaister Serviceschalter der Fluggesellschaft Ryanair in Dublin. | Bildquelle: REUTERS

Flugausfälle bei Billigfliegern Zu wenig, zu knapp, zu kurz

Stand: 21.07.2018 04:29 Uhr

Rund 1100 Flüge hat Ryanair allein im Juni gestrichen - bei anderen Billigfliegern sieht es ähnlich aus. Viele Kunden ärgern sich über lange Wartezeiten und schlechte Betreuung. Wo hakt es bei den Airlines?

Von Jan-Peter Bartels, HR

Der Cursor blinkt, die Seite lädt. "Einer unserer Hotline-Mitarbeiter wird in Kürze für Sie da sein. Ihre aktuelle Wartezeit beträgt etwa 112 Minuten. Vielen Dank für Ihre Geduld. Ryanair." Ist Zeit ein wertvolles Gut, sind Billigflieger in diesen Tagen teuer: Verspätungen und Flugausfälle häufen sich mitten in der Urlaubszeit. Es hakt überall: am Airport, im Flieger, beim Kundenservice.

Die Botschaften der Kunden in den Social-Media-Kanälen von Ryanair und Eurowings sind deutlich: "#Servicewüste", "totaler Alptraum!", "Kundenservice geht anders" - solche Nachrichten gibt es viele. Rund 1100 Flüge hat Ryanair allein im Juni dieses Jahres gestrichen. Zum Vergleich: 41 ausgefallene Flüge waren es im Juni 2017. Für kommende Woche sagten die Iren weitere 600 Flüge ab.

So geht es auch anderen Anbietern: Easyjet nennt für Juni 1263 Annullierungen. Eurowings spricht auf tagesschau.de-Anfrage von 2736 Flügen, die im ersten Halbjahr ausfielen. "Das ist ein Chaos-Sommer, den wir gerade erleben. Stornierte Flüge, unpünktliche Flüge - die Lage ist dramatisch. Das Image der Fluggesellschaften ist arg angekratzt, oftmals werden die Fluggäste völlig unzureichend informiert", sagt ARD-Luftfahrtexperte Michael Immel. Viele Kunden fragen erstaunt: Warum haben die Airlines das nicht im Griff?

Ryanair-Chef Michael O‘Leary | Bildquelle: REUTERS
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Ryanair-Chef O'Leary macht andere für das Chaos verantwortlich.

Langwierige Übernahme von Air-Berlin-Maschinen

Ryanair-Chef Michael O‘Leary schiebt die Schuld anderen zu, nämlich vor allem der Flugsicherung. Er spricht von einer "Personalkrise bei der Flugverkehrskontrolle" vor allem in Deutschland und Großbritannien, die Regierungen müssten eingreifen. Einen Personalmangel bei den Fluglotsen sieht auch die Gewerkschaft, aber daran sei Ryanair nicht ganz unschuldig: Die Billigflieger hätten jahrelang versucht, die Kosten der Flugsicherung zu drücken. Jetzt würden sie das Ergebnis ernten, sagt Jan Janocha von der Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF):

"Ryanair stempelt hier die Fluglotsen zum Sündenbock und macht es sich damit sehr einfach. Aber wer sagt schon gerne, dass beispielsweise die eigene Personalplanung eng gestrickt und Arbeitsbedingungen schlecht sind - und damit Teil des Problems?"

Schlechtes Wetter und Fluglotsenmangel? Auch für ARD-Luftfahrtexperten Immel ist das allenfalls ein Teil des Problems: "Etliche Verspätungen sind auch auf die Probleme der Fluggesellschaften zurückzuführen, die seit der Air-Berlin-Pleite kräftig Kapazitäten aufbauen. Aber die Integration von neuen Mitarbeitern läuft nicht immer so rund wie anfangs gedacht."

Integrationsschwierigkeiten - allerdings bei Flugzeugen - nennt Eurowings auf Anfrage neben dem Fluglotsen-Personalmangel als eines der Hauptprobleme: Es habe viel länger gedauert, die 70 übernommenen Air-Berlin-Maschinen auf Eurowings umzumelden als gedacht, die technische Dokumentation sei "sehr lückenhaft" gewesen. Nun aber habe man die knappen Flugzeug-Reserven erhöhen können und damit auch "die Performance im Juli bereits spürbar verbessert".

Domino-Effekt durch die enge Taktung der Flüge

Wetter, Personalprobleme, Wachstumsschmerzen: Es ist ein Mix von Problemen, der die Branche plagt. Zudem sind Maschinen von Billigfliegern wie Eurowings und Ryanair stark durchgetaktet. Sie fliegen mehrere Ziele am Tag ab, die wie auf einer Perlenkette aufgereiht sind. Kleine Verspätungen können dabei schnell einen Domino-Effekt auslösen: Die Verzögerung vergrößert sich von Ziel zu Ziel immer mehr.

Die Situation belastet nicht nur die Kunden, auch die Crews: "Wir sind alle genervt. Es gibt häufig Änderungen, Personalplanungen werden in letzter Minute umgeworfen. Das System ist instabil, es ist angespannt für alle, das habe ich lange nicht mehr so erlebt," sagt Christoph Drescher von der Flugbegleiter-Organisation UFO.

Die Lufthansa-Tochter Eurowings | Bildquelle: dpa
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Die enge Taktung bei den Billigfliegern kann schnell zu großen Verzögerungen führen.

Janis Schmitt von der Pilotengewerkschaft VC Cockpit ergänzt, teils sei auch das Personal zu knapp, um alle Maschinen in die Luft zu bekommen: "Hätten die Airlines personell mehr Puffer gehabt, dann wären die Auswirkungen nicht so spürbar geworden. Die kalkulieren halt extrem knapp. Das merkt man beispielsweise auch an den Konditionen für Piloten bei Ryanair und Eurowings, die sind alles andere als marktüblich."

Streit über die Arbeitskonditionen vergrößert nun das Problem bei Ryanair: Die 600 Flüge in der kommenden Woche fallen nicht wegen der Flugsicherung oder schlechtem Wetters aus, sondern weil die Flugbegleiter streiken. Die Auswirkungen bekommen die Kunden zu spüren. Sie werden wohl auch in der kommenden Woche ihren Frust in den Social-Media-Kanälen der Billigflieger abladen - und ihren billigen Flug mit langer Wartezeit bezahlen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. Juli 2018 um 12:00 Uhr.

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