Flüchtlinge vor der Arbeitsagentur für Arbeit in Hannover, Bild vom 04.08.2015 | Bildquelle: dpa

Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt Arbeitskräfte von übermorgen?

Stand: 25.02.2016 04:51 Uhr

100.000 Jobs will Ministerin Nahles für Flüchtlinge schaffen. Doch ein halbes Jahr nach Merkels "Wir schaffen das" sind die meisten Flüchtlinge noch immer ohne Arbeit, genaue Zahlen gibt es aber noch nicht. Klar ist, die Hürden für Flüchtlinge sind hoch.

Von Jan Koch, WDR

"Langeweile habe ich selten", erzählt Salah Hajji Mustafa. "Ich lebe in Köln, arbeite vormittags in Bonn und mache nachmittags einen Aufbaukurs in Leverkusen." Mustafa sitzt in seinem WG-Zimmer, mitten in Köln. Auf seinem PC beantwortet er E-Mails: Homeoffice. Vor anderthalb Jahren ist der Syrer über die Türkei und Bulgarien nach Deutschland geflüchtet. Jetzt hat der 30-Jährige nicht nur ein eigenes Zimmer, sondern auch einen Mini-Job bei einem Bonner Sozialträger, der in der Flüchtlingshilfe aktiv ist. Mustafas Aufgaben: vermitteln, übersetzen, telefonieren. Zwei Mal die Woche arbeitet er in Bonn vor Ort und wenn was anfällt auch von zu Hause. Über eine Kölner Flüchtlingsorganisation ist er an den Job bekommen. Sein Arbeitgeber ist zufrieden: "Er ist ein toller Kollege. Ohne ihn würde einiges schwieriger sein."

Vielen Syrern, die nach Deutschland gekommen sind, geht es anders. Nur neun Prozent aller Syrer, die in Deutschland leben, hatten Ende 2015 einen Job. Ende 2014 waren es noch 16 Prozent. Allerdings gelten diese Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) für alle Syrer, die in Deutschland registriert sind - egal ob Flüchtling oder nicht.

Genaue Zahlen im Sommer

Noch gibt es keine Zahlen, die genau beschreiben, wie viele Flüchtlinge Arbeit haben oder auf der Suche sind. "Erst neulich hat die Bundesagentur für Arbeit angefangen zu erfassen, ob es sich bei dem Arbeitslosen um einen Flüchtling handelt oder nicht", erklärt Frauke Wille, Pressesprecherin der Bundesagentur für Arbeit. Im Sommer sollen genaue Zahlen vorliegen. Solange wird geschätzt oder sich an anderen Zahlen orientiert.

Zum Beispiel an dieser: Mehr als die Hälfte aller Migranten, die in Deutschland leben, sind ohne Arbeit. Die Zahl der Migranten aus Kriegs- und Krisenländern wie Syrien, dem Irak oder Eritrea ist von Januar 2015 bis Januar 2016 bundesweit von 63.163 auf 101.326 gestiegen. 40 Prozent dieser Migranten sind arbeitslos. Auch viele Flüchtlinge werden betroffen sein. Allerdings erst, wenn sie offiziell registriert sind und bleiben dürfen, bekommen sie auch Hartz-IV. Mehr als 270.000 Migranten aus Kriegs- und Krisenländern haben im Oktober 2015 Leistungen erhalten. Gut 80.000 mehr als ein Jahr zuvor.

Auch Mustafa bekommt neben seinem Mini-Job Geld vom Amt. Vorher hat er in Köln bereits ein Praktikum bei einem Kölner Elektriker gemacht, nachher in einem Kölner Imbiss Falafel und Humus zubereitet. "Ich hatte Glück", meint Mustafa, der im Libanon Jura studierte. "Mit meinem Studium werde ich hier aber nichts anfangen können."

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) | Bildquelle: dpa
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100.000 Jobs für Flüchtlinge will Arbeitsministerin Nahles schaffen.

Gemeinsam mit acht anderen Flüchtlingen macht er deshalb bei Bayer in Leverkusen seit Anfang Februar einen sprachlichen Aufbaukurs. Jeden Nachmittag, nach seinem Job in Bonn. Jeder, der diesen Kurs macht, muss mehr können als 'Hallo' und 'Tschüss'. Denn im Anschluss an den viermonatigen Kurs gibt es ein einmonatiges Praktikum und vielleicht sogar eine Ausbildung.

Aus Salahs Vorgängerkurs haben fünf von 13 Bewerbern zwar keine klassische Ausbildung, können aber eine Einstiegsqualifizierung machen: Berufsschule, Praxis und am Ende des Monats ein festes Gehalt. "Entweder versuche ich es bei Bayer oder ich bewerbe mich bei meinem Arbeitgeber in Bonn für einen Teilzeitjob", erzählt Mustafa, der sich nicht mehr vorstellen kann, nach Syrien zurückzukehren.

Welche Qualifikationen haben die Flüchtlinge?

"Wir müssen generell über neue Aus- und Nachbildungswege nachdenken", erklärt Herbert Brücker, Volkswirt am IAB in Nürnberg. Ein Hauptproblem: Wie qualifiziert sind Flüchtlinge überhaupt? Aktuelle Zahlen des BAMF zeigen, dass 38,2 Prozent der 222.000 befragten Asylsuchenden über 18 Jahren einen gymnasialen oder universitären Abschluss haben. 29,6 Prozent waren nur auf einer Grundschule oder gar keiner Schule. Viele Flüchtlinge sind daher nur für Helfertätigkeiten geeignet. Trotzdem fordert der Arbeitgeberverband: "Hürden für den Einstieg in den Arbeitsmarkt - etwa im Bereich der Zeitarbeit - müssen abgebaut werden." Egal, wen man fragt, die größte Hürde ist die Sprache: ohne Deutsch geht es nicht"."

"Es muss aber auch schneller klar sein, ob ein Flüchtling bleiben darf oder nicht", betont Brücker vom IAB. "Solange ein Flüchtling kein Aufenthaltsrecht von zum Beispiel drei Jahren hat, wird niemand groß in ihn investieren." Daran soll sich aber ja nun aber laut Bundesregierung was ändern. Innerhalb weniger Wochen will man Entscheidungen fällen können.

Nahles macht Tempo

Bundearbeitsministerin Andrea Nahles will trotz alledem schnell handeln. Neben 100.000 neuen Jobs, die sie für Flüchtlinge schaffen will, fordert die SPD-Politikerin auch mehr Geld: mehr als 450 Millionen. Aber: "Einfach wird das nicht", sagte sie vor kurzem der "Zeit". "Im Finanzministerium ist der Ehrgeiz groß, die schwarze Null wieder zu erreichen. Klar ist doch: Wenn die Integration scheitert, wird es noch teurer." Eine Entscheidung gibt es bisher nicht.

Für Salah Hajji Mustafa spielt das im Moment keine Rolle: "Ich bin glücklich, so wie es gerade ist. Aber ein festes Gehalt, ein Leben auf eigenen Beinen ist wichtig. Das wäre schön."

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