Anshu Jain (r) und Jürgen Fitschen  | Bildquelle: dpa

Führungswechsel bei der Deutschen Bank Die Lebenslüge der Deutschen Bank

Stand: 08.06.2015 01:39 Uhr

Ärger mit der Justiz, den Aufsehern und den Aktionären - es gibt viele Gründe für den Rückzug der Deutsche-Bank-Chefs. Der wichtigste aber: Jain und Fitschen glaubten, sie könnten nach der Krise weitermachen wie zuvor. Ein Fehlschluss.  

Von Heinz-Roger Dohms, tagesschau.de

Mehrheit ist Mehrheit. Heißt es in der Politik. Die Welt der Wirtschaft funktioniert nach anderen Regeln. Als der Vorstand der Deutschen Bank bei der Hauptversammlung vor zwei Wochen von 61 Prozent der Aktionäre entlastet wurden - da war das nicht etwa ein Vertrauensbeweis. Sondern das glatte Gegenteil. Denn hängen blieb, dass sich 39 Prozent des Kapitals gegen die Führung ausgesprochen hatten. Spätestens seit diesem Tag galten die beiden Co-Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen als angezählt. Dass sie nun das Handtuch werfen, ist daher nur noch leidlich überraschend.  

John Cryan | Bildquelle: REUTERS
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Wird neuer Chef der Deutschen Bank: John Cryan

Es war ja auch einiges zusammengekommen in den vergangenen Monaten. Erstens: die milliardenschwere Rekordstrafe wegen der Manipulation des Zinssatzes Libor. Die Mauscheleien als solche liegen zwar Jahre zurück. Sie fanden aber genau in jener Abteilung statt, die Jain unterstand, bevor er an die Spitze der Bank rückte. Zweitens: das Deutsche-Bank-Verfahren vor dem Münchener Landgericht, bei dem Fitschen sich wegen versuchten Prozessbetrugs verantworten muss. Gut möglich, dass der Manager letztlich freigesprochen wird. Eine Belastung stellte der Fall aber so oder so dar. Und drittens: der im Verkauf der Postbank gipfelnde Strategiewechsel. Er sollte zum Befreiungsschlag werden. Stattdessen ist die Aktie seit dem Tag, an dem die Neuausrichtung verkündet wurde, nochmals um rund zehn Prozent gefallen.

Gründe für den Rückzug gab es also genug. Die eigentliche Ursache allerdings ist nicht in den vergangenen Monaten zu suchen. Sondern in der "Weiter so"-Politik, die Jain und Fitschen dem Geldhaus verordneten, gleich nachdem sie von Vorgänger Josef Ackermann die Geschäfte übernahmen.

Politiker und Anleger reagieren positiv auf Führungswechsel
tagesschau 20:00 Uhr, 08.06.2015, Uli Meerkamm, HR

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Die Lebenslüge der Deutschen Bank

Rückblick: In den Frankfurter Doppeltürmen schleppt man seit der Finanzkrise eine Art Lebenslüge mit sich herum. Sie lautet, dass die Deutsche Bank - anders als die restliche Branche - ebenjene Krise gut überstanden habe. Der Selbstbetrug begann mit der falschen Behauptung, die Bank habe in den schwierigen Jahren keine Staatshilfen beansprucht. Und sie gipfelte in der Einschätzung Ackermanns, er hinterlasse seinen Nachfolgern ein gut bestelltes Haus.

Das Haus, das Jain und Fitschen Mitte 2012 erbten, war eines, dessen Fassade vielleicht noch schimmern mochte, dessen Gemäuer indes längst morsch waren. Das neue Führungsduo sparte sich jedoch die Renovierung. Sondern beließ es bei einem bloßen Anstrich: Das einst von Ackermann verkündete, obszön anmutende Renditeziel von 25 Prozent wurde auf 15 Prozent korrigiert. Zudem rief das neue Führungsduo einen "Kulturwandel" aus. Ansonsten änderte sich wenig.

Notenbanker? Dann doch lieber einen Investmentbanker

Wie es stattdessen auch gegangen wäre, zeigt zum Beispiel die Schweizer UBS, der wichtigste Rivale der Deutschen Bank in Kontinentaleuropa. Die Eidgenossen fuhren ihre riskanten Investmentgeschäfte nach der Krise drastisch herunter. Stattdessen konzentrieren sie sich nun auf die Verwaltung großer Vermögen, ein zwar langweiliges, aber stetiges Geschäft. Bezeichnend: Das Sagen bei der UBS hat seit 2012 der frühere Bundesbankchef Axel Weber - ein ehemaliger Notenbanker also. Weber war damals auch als Ackermann-Nachfolger bei der Deutschen Bank im Gespräch. Doch die entschied sich für Jain - einen ehemaligen Investmentbanker.    

Das Kalkül des Duos Jain/ Fitschen ging ungefähr so: Wenn sich Wettbewerber wie die UBS oder die in London ansässige Royal Bank of Scotland aus dem Investmentbanking zurückziehen, dann wird es sich für die Deutsche Bank früher oder später auszahlen, wenn sie selbst daran festhält. Das klang durchaus plausibel. Allerdings unterschätzten Jain und Fitschen kolossal, mit welcher Rigidität die Aufsichtsbehörden den Investmentbankern inzwischen das Leben schwermachen.

Ein Beispiel: Die Deutsche Bank war vor der Krise darauf spezialisiert, ihre Geschäfte mit möglichst wenig eigenem Kapital zu betreiben. Durch diesen Trick ließen sich die Gewinne "hebeln". Inzwischen verlangen die Aufseher aber deutlich mehr Kapital - was die Profite mindert und im Übrigen dazu führte, dass die Deutsche Bank ihre Aktionäre zuletzt gleich zweimal um frisches Geld anpumpen mussten.

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Deutlicher kann man seine Ziele nicht verfehlen

"Strategie 2015+" - so waren die Ziele überschrieben, die Anshu Jain und Jürgen Fitschen bei ihrer ersten gemeinsamen Pressekonferenz verkündeten. Die Renditevorgabe lautete: mindestens 12 Prozent. Es sind geworden: 3,1 Prozent. Die Gewinnvorgabe für das Massenkundengeschäft lautete: 3,0 Milliarden Euro. Es sind geworden: 1,4 Milliarden Euro. Die Kostenvorgabe lautete: weniger als 65 Prozent in Relation zum Ertrag. Es sind geworden: 84 Prozent. Deutlicher kann man seine Ziele kaum verfehlen.

Während Jains Rücktritt schon zum 30. Juni gilt, will Jürgen Fitschen noch ein Jahr im Amt bleiben - und sozusagen den Nachfolger einarbeiten, einen Briten namens John Cryan. Er war früher mal Finanzchef einer UBS-Sparte, verantwortete später das Europageschäft des Singapurer Staatsfonds Temasek und gehört seit 2013 bereits dem Aufsichtsrat der Deutschen Bank an. Ansonsten weiß man von ihm eigentlich nur eins - er übernimmt kein gut bestelltes Haus.

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