IKB-Bank Zentrale in Düsseldorf | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Zehn Jahre nach IKB-Crash "Stupid Germans in Düsseldorf"

Stand: 29.07.2017 12:24 Uhr

Am 30. Juli 2007 brach die Düsseldorfer IKB zusammen – der Beginn der Finanzkrise in Deutschland. Warum wackelten hierzulande bereits die Banken, als der Lehman-Crash noch mehr als ein Jahr entfernt war?

Von Heinz-Roger Dohms, tagesschau.de

Als die Nachricht kam, ahnte noch niemand ihre Folgen. Am 30. Juli 2007, einem ungewöhnlich kühlen Sommertag, gab die damals weithin unbekannte Düsseldorfer Industriekreditbank (IKB) eine sogenannte Ad-Hoc-Meldung heraus.

Stefan Ortseifen
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Stefan Ortseifen war bis 2007 IKB-Vorstandschef und wurde 2010 wegen der Manipulation von Börsenkursen zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe und 100.000 Euro Strafe verurteilt.

Der Inhalt las sich schwammig. Von einem Hauptaktionär war die Rede, der "in Liquiditätslinien eintreten" werde. Und von einem Vorstandschef, der "im Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat aus seinem Amt" ausgeschieden sei. Heute weiß man: Es war der Tag, an dem die Finanzkrise nach Deutschland kam.

Die meisten Menschen verbinden den großen Crash eigentlich mit einem anderen Datum, nämlich mit dem 15. September 2008, dem Tag des Lehman-Bebens. Tatsächlich war es aber schon in den Monaten zuvor wieder und wieder zu heftigsten Erschütterungen in der weltweiten Finanzbranche gekommen - genau genommen seit Anfang 2007. Da nämlich machten die ersten Nachrichten von einem mysteriösen Preisverfall am US-Immobilienmarkt die Runde.

Das Phänomen hatte bald einen Namen: Von der "Subprime"-Krise war jetzt überall die Rede, in Anlehnung an einen Jargonbegriff für amerikanische Häuslebauer mit minderer Bonität. Zunächst glaubte man noch an ein lokales Problem. Doch dann tauchten die faulen Subprime-Kredite plötzlich überall auf, in den Wertpapierbeständen zweier New Yorker Hedge-Fonds, in den Büchern der britischen Großbank HSBC, in einem Investmentfonds der französischen BNP Paribas. Im Laufe des Sommer 2007 erfuhr das Publikum schließlich: Auch deutsche Banken saßen auf Subprime-Papieren. Wobei - was heißt eigentlich "auch"? Gerade die deutschen Banken!

Wie kamen kalifornische Kredite in deutsche Bankbilanzen?

Anfangs rätselten selbst die Experten, wie die Darlehen irgendwelcher kalifornischer Hypothekenschuldner in die Bestände eines Düsseldorfer Geldinstituts gelangen konnten. Im Laufe des Sommers wurde dann aber immer offensichtlicher, wie die Finanzströme funktionierten: Im Glauben an stetig steigende Immobilienpreise waren amerikanische Banken dazu übergegangen, auch solche Kunden mit Hypothekenkrediten auszustatten, die sich eigentlich keine eigenes Haus leisten konnten. Den überwiegenden Teil dieser Kredite hielten diese Banken jedoch nicht auf den eigenen Büchern - sondern sie reichten sie weiter, zum Beispiel an Investmentbanken wie Goldman Sachs oder eben Lehman Brothers.

Auch die Wall-Street-Institute wollten die Subprime-Kredite aber nicht behalten. Stattdessen verwandelten sie die Darlehen - es handelte sich um eine Art Finanz-Alchemie - in neuartige Wertpapiere, die sie mit kryptischen Kürzeln wie ABS, MBS oder CDO versahen. Diese Papiere wiederum verkauften sie an Investmentmanager und Banker überall auf der Welt, vor allem aber nach Deutschland. Nicht ohne Grund ist in "Boomerang", einem der wichtigsten Bücher zur Finanzkrise, von den "Stupid Germans in Düsseldorf" die Rede. Damit waren unter anderem jene IKB-Banker gemeint, die angeblich auch dann noch Subprime-Papiere kauften, als der Preisrutsch auf dem amerikanischen Häusermarkt längst begonnen hatte.

Lehman Brothers Bank in New York
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Einst stand Lehman Brothers für Ruhm und Erfolg.

Es war nicht nur Dummheit. Es war auch Gier.

Das Narrativ vom dummen deutschen Banker, der ohne es zu ahnen die amerikanische Immobilienblase finanzierte, ist nicht verkehrt. Doch natürlich gab es auch tieferliegende Gründe für das Desaster. Die traditionellen Überschüsse in der deutschen Leistungsbilanz führten dazu, dass viele Banken auf mehr Geld saßen, als sie hierzulande investieren konnten. Also wurde es im Ausland angelegt, nicht nur in den USA, sondern beispielsweise auch in Irland, wo bald darauf ebenfalls die Häuserblase platzte.

Darüber hinaus regierte bei manchen Instituten auch schlicht die schiere Gier. Ein gutes Beispiel waren ausgerechnet die staatlichen Landesbanken, die sich in den frühen Nullerjahren regelrecht mit billigem Kapital vollsogen, um es dann in die vermeintlich lukrativen ABS-, MBS- oder CDO-Papiere zu investieren. Den Tricksereien waren dabei kaum Grenzen gesetzt. So gründeten etliche deutsche Banken spezielle ausländische "Zweckgesellschaften", mit denen sie auch außerhalb ihrer eigentlichen Bilanz munter zocken konnten. Eine dieser Gesellschaften war die "Rhineland Funding", die die IKB zum Einsturz brachte.

Das IKB-Debakel war nur der Anfang. Wenige Wochen später erwischte es die in Leipzig ansässige SachsenLB (deren Zweckgesellschaften trugen die Namen "Ormond Quay Funding" und "Georges Quay Funding"). Bald darauf gerieten schon die nächsten Landesbanken in Schwierigkeiten, allen voran die WestLB in Düsseldorf,  aber auch die HSH Nordbank, die BayernLB und die baden-württembergische LBBW. Das alles geschah wohlgemerkt noch vor der Lehman-Pleite. Die wurde dann zum großen Brandbeschleuniger - natürlich auch für die deutschen Banken. Selbst private Großbanken wie die Hypo Real Estate (HRE) oder die Commerzbank fingen nun Feuer.

Die Kosten sind unklar

Wie viel Geld das Bankendebakel die deutschen Steuerzahler letztlich gekostet hat, ist schwer zu beziffern. Das Rettungsfonds Soffin, den die Politik nach dem HRE-Crash aufsetzte, hatte ein unfassbares Volumen von 480 Milliarden Euro - fast doppelt so viel wie der damalige Bundeshauhalt. Allerdings wurde das Geld teilweise gar nicht erst abgerufen. Zudem handelte es sich wesentlich um sogenannte Garantien. Das heißt: Die Banken besorgten sich das Geld, das sie benötigten, am Kapitalmarkt, allerdings bürgte der Staat für etwaige Verluste. Die meisten dieser Garantien wurden im Laufe der Jahre wieder abgelöst. Der Bonner Finanzprofessor Martin Hellwig bezifferte die direkten Kosten für den deutschen Steuerzahler 2013 auf rund 70 Milliarden Euro. Eine Summe, die seitdem durch die HSH-Nordbank-Krise zwar noch ein Stück gestiegen sein dürfte, im Großen und Ganzen aber realistisch erscheint.

Wichtig: Nicht alle Verluste kamen vom Subprime-Markt. Die Hypo Real Estate zum Beispiel verlor einen hohen einstelligen Milliardenbetrag mit griechischen Staatsanleihen. Bei der HSH (befürchteter Gesamtschaden: rund 20 Milliarden Euro) machen den größten Teil faule Schiffskredite aus. Und die mittlerweile abgewickelte WestLB (offizieller Gesamtschaden: 18 Milliarden Euro) war schon vor der Subprime-Krise eine durch und durch marode Bank.

Die IKB, deren Rettung bis zu zehn Milliarden Euro verschlungen haben dürfte, gibt es übrigens immer noch. Sie wurde noch zu Krisenzeiten an eine amerikanische Investmentgesellschaft namens Lone Star verscherbelt. Die hoffte damals, vom einem raschen Weiterverkauf zu profitieren. Stattdessen ist sie die IKB bis heute nicht losgeworden.

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