Wall Street New York
marktbericht

Zinshoffnungen beflügeln Zuversicht an der Wall Street

Stand: 12.06.2023 22:25 Uhr

Getragen von der Hoffnung auf eine Zinspause der Notenbank haben die US-Aktienindizes zum Wochenstart zugelegt. Vor allem an der Tech-Börse Nasdaq ging es bergauf.

Die US-Anleger haben vor den morgen anstehenden Inflationszahlen sowie Zinsentscheiden mehrerer Notenbanken in dieser Woche den Aufwärtstrend an der Wall Street weiter vorangetrieben. Zuvor hatten sich schon die europäischen Märkte verbessert, wo die Anleger ebenfalls auf eine Zinspause der Notenbank Federal Reserve (Fed) gesetzt und sich mit Aktie eingedeckt hatten.

Der Start in die "Woche der Notenbanken" ist damit geglückt. Neben der Fed am Mittwoch entscheiden die EZB am Donnerstag und die Bank of Japan am Freitag über ihre Zinspolitik.

Unter der Führung der besonders zinssensitiven Technologiebörse Nasdaq ging es flächendeckend bergauf. Die Nasdaq baute im Verlauf ihre Gewinne stetig aus und schloss am Ende bei 13.461 Punkten um 1,5 Prozent höher. Auch der Auswahlindex Nasdaq 100 gewann deutlich knapp 1,8 Prozent.

Der Dow-Jones-Index der Standardwerte legte gut 0,5 und der breiter gefasste S&P 500 knapp 1,0 Prozent zu auf 34.066 beziehungsweise 4338 Punkte zu.

Börsianer rechnen damit, dass sich die Inflation im Mai leicht abgekühlt hat und die US-Notenbank Fed die Zinssätze am Mittwoch in der Spanne von 5,0 bis 5,25 Prozent belässt. Das wäre die erste Pause beim Zinserhöhungszyklus der Fed seit Januar 2022.

"Die Fed bewegt sich weiter auf dem schmalen Grat zwischen einer zu starken Straffung, die die Wirtschaft in eine Rezession treibt, und einer zu geringen Straffung, die die Inflation auf einem hohen Niveau hält", sagte Expertin Melissa Brown vom Finanzmarktdienstleister Qontigo.

Die Aussicht auf ein baldiges Ende des Straffungszyklus der Fed sowie überraschend starke Quartalszahlen haben die Indizes in den vergangen Wochen immer wieder angetrieben.

Beim Softwarekonzern Oracle konnten sich die Anteilseigner bereits vor den nachbörslich erwarteten Quartalszahlen über ein Kursplus von 5,99 Prozent auf 116,43 Dollar freuen. Damit geht die Rekordjagd der Aktien weiter.

Der selbst im Branchenvergleich starke Lauf könnte anhalten, falls die Resultate weiter ein stärkeres Cloud-Wachstum belegten als bei den Konkurrenten Amazon und Microsoft, schrieb JPMorgan-Analyst Mark Murphy. Murphy bekräftigte sein "Overweight"-Votum - mit der Kurszielanhebung auf 109 Dollar liegt er indes noch unter der aktuellen Bewertung.

Nach Börsenschluss zeigte sich dann, dass die Anleger richtig gelegen hatten. Denn florierende Cloud-Services haben Oracle im vergangenen Geschäftsquartal zu mehr Gewinn und Umsatz verholfen. In den drei Monaten bis Ende Mai stiegen die Erlöse gegenüber dem Vorjahreswert um 17 Prozent auf 13,8 Milliarden Dollar.

Die Cloud-Umsätze wuchsen dabei um 54 Prozent auf 4,4 Milliarden Dollar. Sie profitierten zuletzt zusätzlich vom Hype rund um Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz. Unterm Strich verdiente Oracle 3,3 Milliarden Dollar (3,1 Milliarden Euro), vier Prozent mehr als vor einem Jahr. Die Quartalszahlen übertrafen die Markterwartungen. Die Aktie stieg nachbörslich zeitweise um über vier Prozent.

Dagegen büßten die Titel der selbst börsennotierten Technologiebörse Nasdaq Inc.kräftig um 12,3 Prozent ein. Der Börsenbetreiber kündigte an, für 10,5 Milliarden Dollar in bar und eigenen Aktien den Software-Anbieter Adenza zu schlucken. Adenza bietet unter seinen Marken Calypso und AxiomSL Programme für Unternehmen am Finanzmarkt an, mit denen diese Risiken managen und die Einhaltung rechtlicher Vorschriften gewährleisten können. Verkäufer ist die Software-Beteiligungsgesellschaft Thoma Bravo.

Dass der Schweizer Pharmariese Novartis mit der Übernahme von Chinook Therapeutics seine Nieren-Pipeline stärken will, katapultierte die Aktien des US-Biotechfirma um über 58 Prozent auf 37,98 Dollar in die Höhe.

Novartis beziffert den Wert der Transaktion auf bis zu 3,5 Milliarden Dollar. Darin enthalten sei eine Zahlung über 40 Dollar in bar pro Chinook-Aktie (insgesamt 3,2 Milliarden Dollar) sowie eine eventuelle spätere Prämie von bis zu 4 Dollar in bar je Aktie bei Erreichen von bestimmten Entwicklungsergebnissen. Die Novartis-Titel legten in Zürich um knapp ein Prozent zu.

Der Wochenauftakt am deutschen Aktienmarkt ist für Investoren vielversprechend verlaufen. Im Zeichen neuer Zinshoffnungen erhöhten die Anleger ihren Risikoappetit und beendeten damit die Lethargie der vergangenen Tage. Der DAX hatte bereits am Morgen die runde Marke von 16.000 Punkten überwunden, in der Spitze ging es bis auf 16.126 Zähler aufwärts.

Am Ende stand ein Tagesgewinn von 0,93 Prozent auf 16.097 Punkte. Die Gewinne gingen dabei quer durch alle Branchen, es gab nur vereinzelt Kursverluste unter den 40 DAX-Aktien. Der MDAX, der Index der mittelgroßen Werte, stieg um 0,56 Prozent auf 27.305 Zähler.

Vor allem Hoffnungen auf eine Zinspause der US-Notenbank Federal Reserve an diesem Mittwoch gaben dem DAX Auftrieb. "Der Markt geht mehrheitlich davon aus, dass die Fed die Leitzinsen nicht erhöhen wird", sagte Analyst Konstantin Oldenburger vom Online-Broker CMC Markets.

Maßgeblichen Einfluss auf den Fed-Entscheid am Mittwoch werden Börsianern zufolge die am Dienstag erwarteten US-Inflationsdaten haben. "Die Inflation bewegt sich in Europa wirklich in die richtige Richtung und alle hoffen, dass sich dies morgen auch in den USA bestätigt", sagte Samy Chaar, Chefökonom bei Lombard Odier.

Auch wenn Experten und Marktbeobachter fest mit einer Zinspause rechnen: Es besteht ein Restrisiko, dass die Fed doch noch einen kleinen Zinsschritt unternimmt.

Update Wirtschaft vom 12.06.2023

tagesschau24, 12.06.2023 09:00 Uhr

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) wird am Donnerstag ihren Zinsentscheid bekanntgeben. Dabei wird mit einer weiteren Erhöhung um 25 Basispunkte auf dann 4,0 Prozent gerechnet. Entsprechend deutlich hatten sich führende Notenbanker, aber auch Bankchefin Christine Lagarde, im Vorfeld geäußert und dabei auf die noch immer zu hohe Inflation in der Eurozone von zuletzt 6,1 Prozent verwiesen.

Insgesamt ist die EZB im Zinszyklus noch hinter der Fed zurück, gibt sich nach anfängliche zögerlichem Kurs jetzt aber kämpferisch. Vor allem eine Verstetigung der Inflation soll verhindert werden. Der Wochenauftakt fällt ansonsten mit Blick auf Konjunkturdaten unspektakulär aus. Es werden keine entscheidenden Daten erwartet.

Der Euro präsentierte sich heute im Vorfeld des Zinsentscheids stabil und handelte zuletzt im US-Handel bei 1,0760 Dollar. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,0765 (Freitag: 1,0780) Dollar fest

"Ob der Dollar seine Gewinne der vergangenen Wochen verteidigen kann, dürfte stark daran hängen, wie deutlich die Fed die Tür für weitere Zinserhöhungen offen hält und natürlich auch daran, ob und falls ja wie deutlich die EZB am Donnerstag die Tür für weitere Zinserhöhungen schließt", schrieb Devisenanalystin Esther Reichelt von der Commerzbank.

Derweil erreichte die türkische Lira ein weiteres Rekordtief zum Dollar. Das Leistungsbilanzdefizit der Türkei vergrößerte sich im April unerwartet, was das neue Wirtschaftsteam des wiedergewählten Präsidenten Recep Tayyip Erdogan unter zusätzlichen Handlungsdruck setzt.

Zu diesem Team gehört seit Freitag die frisch ernannten Chefin der türkischen Zentralbank, Hafize Gaye Erkan - eine ehemalige US-Bankerin. Erwartet wird am Markt eine Abkehr von der Niedrig-Zins-Politik, um die hohe Inflation zu bekämpfen. Zudem war die Lira lange Zeit durch den Verkauf von Dollar-Beständen künstlich stabil gehalten worden. Diese sind Beobachtern zufolge nahezu aufgebraucht.

Spekulationen über eine geringere Nachfrage setzten dem Ölpreis zu. Die Sorte Brent aus der Nordsee verbilligt sich deutlich um 4,0 Prozent. Wegen der zuletzt enttäuschenden Konjunkturdaten aus China hätten derzeit die Pessimisten die Oberhand, sagt ein Marktteilnehmer. Die geplanten Kürzungen der Fördermengen durch die großen Öl-Exportländer spielten derzeit nur eine untergeordnete Rolle.

Ein positiver Analystenkommentar hievte Adidas an die DAX-Spitze. Die Aktien des Sportartikel-Herstellers bauten am Nachmittag ihre Gewinne aus und stiegen um über fünf Prozent. Bernstein-Analystin Aneesha Sherman hat das Kursziel auf 190 von 155 Euro angehoben. In ihrer Studie weist sie darauf hin, dass der deutsche Sportbekleidungshersteller "seine Marke wieder auf Touren bringt", nachdem diese im Jahr 2022 gelitten habe.

Ein optimistischer Chef ermunterte Anleger zum Einstieg bei Rheinmetall, die Aktie stiegt über 3,5 Prozent. Vorstandschef Armin Papperger hatte dank glänzender Geschäftsaussichten in einem Interview einen Börsenwert von 17 Milliarden Euro als realistisch bezeichnet. Derzeit liegt die Marktkapitalisierung bei etwas mehr als zehn Milliarden Euro.

VW-Vorzüge gehörten zu den größten Gewinnern im DAX. Die Autobauer Volkswagen und Stellantis sowie der Bergbaukonzern Glencore unterstützen den Kauf von zwei Minen für Rohstoffe für Elektroauto-Batterien in Brasilien durch das Finanzunternehmen ACG. Die in London gelistete Börsenhülle (SPAC) will für eine Milliarde Dollar eine Nickelsulfid- und eine Kupfer-Mine kaufen.

Unterdessen soll der Aufsichtsrat von Volkswagen Insidern zufolge morgen über ein großes Sparprogramm über mehr als drei Milliarden Euro beraten.

Der Technologieinvestor Silver Lake tut sich auch zwei Tage vor Fristende weiter schwer mit seinem Übernahmeangebot für die Software AG. Insgesamt sei das Angebot von Silver Lakes Bietergesellschaft Mosel BidCo für insgesamt 25,25 Prozent der Aktien angenommen worden, hieß es am Nachmittag in einer Mitteilung. Darin sind angediente Aktien bis Montagmittag um 14 Uhr enthalten.

Die Großaktionärin, die Software-AG-Stiftung, hat bereits 25,1 Prozent der Anteile an Silver Lake verkauft, sie sind in dem Posten bereits enthalten. Die aktuelle Annahmefrist läuft bis Mitternacht an diesem Mittwoch, sie kann aber noch verlängert werden. Silver Lake hat sich für sein Angebot eine Mindestannahmeschwelle von 50 Prozent gesetzt und bietet 32 Euro je Aktie.

Es ist nicht unüblich, dass Profiinvestoren ihre Anteile erst spät andienen. Viele Investoren hatten sich allerdings auch unzufrieden mit dem Angebot von Silver Lake gezeigt, das von der Unternehmensführung unterstützt wird. Denn mit dem Finanzinvestor Bain Capital bietet ein Rivale über seine Beteiligungsgesellschaft Rocket Software mindestens 34 Euro je Papier - wenn Silver Lake und die Stiftung einschlagen sogar 36 Euro.

Im MDAX gehörten Aktien von ProSiebenSat.1 und Hensoldt nach positiven Analystenstudien zu den größten Kursgewinnern. Die Investmentbank Oddo BHF stufte ProSiebenSat.1 von "Neutral" auf "Outperform" hoch und hob das Kursziel von 10 auf 11 Euro an. Kepler Cheuvreux sprach für Hensoldt eine Kaufempfehlung aus.

An Deutschlands größtem Flughafen in Frankfurt am Main hat die Luftwaffenübung "Air Defender 2023" bisher keine Folgen für Passagiere. Stand Montagvormittag gebe es keine "spürbaren Auswirkungen", was Verspätungen oder Flugausfälle anbelange, sagte eine Sprecherin der Betreibergesellschaft Fraport. "Der Betrieb läuft normal." Anders dagegen am Flughafen Hamburg: Dort kam es heute zu "zahlreichen Verspätungen" wegen gesperrter Lufträume über Nord- und Ostsee, wie der Betreiber mitteilte.

Der Spezialchemiekonzern Wacker Chemie baut seine Produktionskapazitäten für Halbleiter-Polysilizium im oberbayerischen Burghausen deutlich aus. Für eine neue Produktionslinie zur Reinigung von Polysilizium in Halbleiterqualität investiert Wacker mehr als 300 Millionen Euro und schafft mehr als 100 neue Arbeitsplätze, wie das Unternehmen mitteilte. Weitere neue Jobs sollen bei Partnerfirmen entstehen.

Die VW-Lkw-Holding Traton rechnet für die angedachte Abgasnorm Euro 7 mit Mehrkosten in Milliardenhöhe. Der Chef der Traton-Marke MAN, Alexander Vlaskamp, sprach in einem Interview von "enormen Kosten von grob geschätzt rund einer Milliarde Euro in der Gruppe für die Investition in eine auslaufende Technologie".

Thyssenkrupp macht Ernst mit dem Börsengang seiner Wasserstoff-Tochter Nucera. Die Platzierung der Aktien sei vor der Sommerpause geplant, sofern das Marktumfeld mitspielt, teilte der Stahl- und Industriekonzern mit. Thyssenkrupp rechnet mit einem Erlös von etwa 500 bis 600 Millionen Euro, der Konzern will langfristig die Mehrheit an seiner Tochter halten. Der Börsengang wird am Markt schon länger erwartet, die im MDAX notierte Aktie reagierte insgesamt verhalten.

Nach kritischen Aussagen in einer TV-Sendung zogen sich Anleger bei CTS Eventim zurück. Die Aktien des Ticket-Vermarkters waren mit einem Abschlag von knapp neun Prozent der größte Verlierer im MDAX. In der ZDF-Sendung "Magazin Royale" hatte Moderator Jan Böhmermann unter anderem die Marktmacht und Gebührenpolitik des Unternehmens kritisiert.

Im Beisein von Bundeskanzler Olaf Scholz hat der Autobauer Ford heute sein neues Kölner Werk für Elektroautos offiziell eröffnet. In der Domstadt hat der US-Konzern insgesamt zwei Milliarden Dollar bereitgestellt, um zwei E-Automodelle auf den Markt zu bringen und binnen sechs Jahren 1,2 Millionen Exemplare zu produzieren. Die Serienproduktion soll zum Jahresende starten.

In den vom Elektroautobauer Tesla angezettelten Preiskampf steigt nun auch der chinesische Hersteller Nio ein. Das Unternehmen werde ab dem 12. Juni die Preise für alle Modelle um umgerechnet knapp 4000 Euro (30.000 Yuan) senken, teilte Nio mit. Im Zuge der Kostensenkung werde der kostenlose Batterietausch gestrichen. Nio hatten den Service bislang bis zu viermal pro Monat angeboten.

In der Schweiz hat die Großbank UBS die Übernahme der angeschlagenen Rivalin Credit Suisse unter Dach und Fach gebracht. "Heute erreichen wir einen wichtigen Meilenstein", hieß es in einem in mehreren Zeitungen veröffentlichten offenen Brief der UBS. "Wir haben den rechtlichen Abschluss der Übernahme von Credit Suisse vollzogen." Mit dem Deal entsteht ein Bankenriese mit verwaltetem Vermögen von über fünf Billionen Dollar.

Nach der britischen Wettbewerbsbehörde unternimmt auch die US-Aufsichtbehörde FTC konkrete Schritte gegen die Mega-Übernahme des Videospiele-Machers Activision durch Microsoft. Die FTC werde vor Gericht eine Untersagung der 69 Milliarden Dollar schweren Übernahme beantragen, sagte eine mit dem Vorhaben vertraute Person am Montag. Microsoft würde mit dem Kauf wichtige Videospiele wie "Call of Duty", "Overwatch" oder "World of Warcraft" übernehmen.