Europaflaggen wehen neben der Zentrale der Europäischen Zentralbank | Bildquelle: picture alliance / dpa

Fed-Entscheidung Zinswende auch in Europa?

Stand: 14.12.2016 20:37 Uhr

Etwas höhere Leitzinsen in den USA - welche Auswirkungen hat das für Europa? Was heißt dies für Sparer und Häuslebauer hierzulande? Und welche Rolle spielte Trump bei der Entscheidung?

Von Heinz-Roger Dohms, tagesschau.de  

Warum ist die heutige Fed-Entscheidung so wichtig?

Weil sie ein Signal ist, dass sich die Zeit der ultraniedrigen Zinsen zumindest in den USA ihrem Ende zu nähern scheint. Seit dem Tiefstand 2015 hat die Fed ihren Leitzins, zu dem sich Banken kurzfristig Geld bei ihr leihen können, bereits zwei Mal auf momentan 0,25 bis 0,5 Prozent erhöht. Nun hob die Fed den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte an. Er liegt damit nun zwischen 0,5 und 0,75 Prozent.

Ist das dann schon eine richtige Wende?

Es ist, wenn man so will, eine Wende auf weiterhin extrem niedrigen Niveau. Man darf nicht vergessen: Früher lag der US-Leitzins gerne mal bei fünf, sechs oder sogar noch mehr Prozent. Andererseits definiert sich das Zinsniveau nicht nur über die kurzfristigen Zinsen, die von der Fed festgelegt werden, sondern mindestens genauso stark über die langfristigen Zinsen, die sich an den Kapitalmärkten bilden. Als wichtigster Indikator hierfür gilt die Rendite auf zehnjährige US-Staatsanleihen - das ist, mit anderen Worten, der Zins, den das US-Finanzministerium Anlegern momentan bieten muss, wenn diese dem amerikanischen Staat für zehn Jahre frisches Geld leihen sollen. Dieser Zins lag im Juli bei nicht mal mehr 1,4 Prozent. Jetzt sind es schon mehr als 2,4 Prozent. "Angesichts dieses Anstiegs könnte man schon fast von einer Zinswende sprechen", sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING-Diba.

Gebäude der Federal Reserve der USA | Bildquelle: AFP
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Hier fällt die Entscheidung über das Zinsniveau: die Notenbank der USA

Wie kommt es, dass die langfristigen Zinsen so viel stärker steigen als die kurzfristigen?

Beim langfristigen Zins handelt es sich, vereinfacht gesagt, um eine Ableitung der erwarteten Inflation. Denn: Wenn ein Anleger für eine zehnjährige Anleihe einen Zinskupon von 2,4 Prozent bekommt, dann hat er bei einer durchschnittlichen Inflation von 2,0 Prozent letzten Ende auch nicht mehr raus, als wenn der Kupon nur bei 1,4 Prozent liegt, die Inflation aber auch nur bei 1,0 Prozent.

Das heißt, die Zinsen sind vor allem deshalb gestiegen, weil die Anleger mit höherer Inflation rechnen?

Ja. Die US-Wirtschaft könnte in diesem Jahr um nur zwei Prozent gewachsen sein, zudem liegt die offizielle Arbeitslosigkeit in Amerika bei nicht mehr mal fünf Prozent. In solch einem Umfeld könnte es Unternehmen gelingen, für ihre Produkte höhere Preise durchzusetzen - und damit die Inflation anzutreiben. Hinzu kommt der Trump-Effekt: Viele Anleger rechnen damit, dass der künftige US-Präsident die Wirtschaft weiter befeuern will, zum Beispiel durch ein großes Konjunkturprogramm. Auch solche Maßnahmen führen in aller Regel dazu, dass die Inflation zunimmt. Obendrauf kommt dann noch der höhere Ölpreis.

Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit ist niedrig - wäre es dann nicht an der Zeit, dass die Fed den Leitzins deutlich stärker hebt?

Doch. Gemessen an der Konjunktur ist der Leitzins sehr niedrig. Und tatsächlich sähen es viele Ökonomen und auch einige US-Notenbanker lieber, wenn die Fed ein bisschen entschlossener an der Zinsschraube drehen würde. Die große Frage allerdings ist, ob sie das gefahrlos tun könnte.

Warum?

In gewisser Weise ist die amerikanische Notenbank zum Opfer jener Niedrigzinsspirale geworden, die sie nach der Finanzkrise selbst in Gang gesetzt hat. Die Leitzinsen sind momentan praktisch überall extrem tief. Und abgesehen von der Fed traut sich keine größere westliche Zentralbank, daran überhaupt etwas zu ändern. Die Folge: Weil das Zinsniveau momentan nur in den USA wirklich steigt, verschieben immer mehr globale Anleger ihr Geld nach Amerika, weil sie dort mit der höchsten Verzinsung rechnen können. Das aber führt wiederum dazu, dass der US-Dollar seit Wochen steigt, weil die ausländischen Investoren, schlicht gesagt, Dollar brauchen, um amerikanische Wertpapiere kaufen zu können. Setzt sich dieser Trend fort, könnte das irgendwann dazu führen, dass in Amerika hergestellte Waren auf den Weltmärkten zu teuer werden - die Fed also mit ihrer Zinspolitik die eigene Konjunktur abwürgt.

Hinzu kommt noch ein weiterer befürchteter Effekt: Wenn der Dollar stark steigt, dann hat das in der Vergangenheit häufig dazu geführt, dass Investoren ihre Geld geradezu panisch aus den Schwellenländern abzogen haben, um es in die USA zu transferieren. Eine neue Schwellenländerkrise ist aber so ziemlich das Allerletzte, was die Weltwirtschaft momentan gebrauchen kann.

US-Notenbankchefin Janet Yellen | Bildquelle: AP
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Das Verhältnis von Notenbankchefin Yellen zum künftigen Präsidenten Trump ist belastet - Beobachter rechnen mit ihrer baldigen Ablösung.

Was sind die Folgen der US-Zinswende für Deutschland?

In der Theorie lässt sich die Kausalkette relativ leicht herleiten: Wenn die Zinsen für amerikanische Staatsanleihen steigen, überlegen sich Investoren, die Bundesanleihen halten, ob sie diese nicht lieber veräußern, um stattdessen höher verzinsliche US-Papiere zu kaufen. Die Konsequenz ist, dass sich der deutsche Staat schwerer tut, Käufer für seine Bonds zu finden - er muss also auch höhere Zinsen bieten. Das wiederum führt dazu, dass sich die Banken sagen: Wenn ich vom deutschen Staat plötzliche ähnlich hohe Zinsen bekomme wie von deutschen Häuslebauern - warum soll ich mein Geld dann noch an Immobilienkäufer verleihen? Also steigen auch hier die Zinsen, und zwar so lange, bis die deutschen Zinsen für deutsche Staatsanleihen wieder ein gutes Stück über den Zinsen für deutsche Immobilienfinanzierungen liegen. 

Und?

Tatsächlich lässt sich dieser Effekt am Markt beobachten - allerdings lange nicht so stark, wie man das vielleicht vermuten würde. Die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen ist seit Sommer von minus 0,1 Prozent gerade mal auf gut 0,3 Prozent gestiegen. Und auch Häuslebauer, die genügend eigenes Geld mitbringen und einen sicheren Job haben, bekommen ihren Kredit immer noch für rund 1,5 Prozent. Das ist zwar etwas teurer als im Sommer, im historischen Vergleich aber weiterhin spottbillig.

Woran liegt das?

In erster Linie daran, dass die Inflationserwartungen in Europa viel niedriger sind als in den USA - und natürlich daran, dass die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrem soeben verlängerten Anleihekaufprogramm viele Staatsbonds einfach aufsaugt, egal zu welchem Zinssatz. Das führt übrigens zu dem eigentlichen absurden Zustand, dass sich der italienische Staat trotz der schweren Bankenkrise und vieler anderer Probleme momentan billiger verschulden kann als die US-Regierung. Und noch ein bemerkenswerter Fakt: Der Zinsunterschied zwischen deutschen und amerikanischen Staatsanleihen, berichtet Ökonom Brzeski, ist so groß wie zuletzt vor 27 Jahren.

Warum ist dann in manchen Berichten von einer "Horrorvision für Häuslebauer" die Rede?

Solche Schlagzeilen sind, gelinde gesagt, unseriös. Im Moment spricht sehr wenig für eine rasche Zinswende in Europa - zumal die EZB den Leitzins nach Meinung der meisten Ökonomen frühestens 2018 anheben dürfte.

Die Immobilienzinsen bleiben voraussichtlich erst mal niedrig - und die Lebensversicherung wirft weiterhin kaum etwas ab?

Genauso dürfte es sein.

Über dieses Thema berichteten u.a. tagesschau24 am 14. Dezember 2016 um 11:00 Uhr und die tagesschau um 12:00 Uhr.

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