Mario Draghi beim EZB-Zentralrat | Bildquelle: REUTERS

Zinspolitik der EZB Kein Land in Sicht für Sparer

Stand: 19.06.2018 16:34 Uhr

Schlechte Nachrichten für Sparer: Nach der angekündigten Wende in der Geldpolitik sagt EZB-Präsident Draghi, Zinsen auf Ersparnisse werde es nicht vor 2020 geben - wenn überhaupt.

Von Klaus-Rainer Jackisch, HR, zzt. Sintra

Nur wenige Tage nach dem Ratstreffen im lettischen Riga, das ein Ende der lockeren Geldpolitik in Europa eingeleitet hat, tritt die Europäische Zentralbank (EZB) wieder auf die Bremse. Präsident Mario Draghi erteilte Hoffnungen auf bald steigende Zinsen eine klare Absage.

Auf einem hochkarätig besetzten Treffen von Notenbankern und Wissenschaftlern im portugiesischen Sintra bestätigte Draghi die bereits in Riga gemachte Aussage, die Leitzinsen würden bis zum Sommer 2019 bei null Prozent bleiben. Gleichzeitig machte er deutlich, dass die Rückkehr zu einer normalen Zinsentwicklung auch danach noch Jahre dauern werde. Und auch nur dann, wenn alles nach Plan laufe.

Klaus-Rainer Jackisch, HR, zum Forum der Europäischen Zentralbank
tagesschau24 15:00 Uhr, 19.06.2018

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Priorität hat Ende der Strafzinsen

Zunächst strebe die EZB ein Ende der Strafzinsen für Banken an. Diese müssen derzeit 0,4 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie dort Geld parken. In normalen Zeiten erhalten Banken Zinsen von der Notenbank für dort hinterlegtes Geld. Viele Institute geben diese Kosten direkt oder indirekt an ihre Kunden weiter. Nach dem Ende der Strafzinsen sei der Weg frei, auch den Leitzins anzupassen, der für die Zinsen auf Ersparnisse maßgebend ist.

Draghi machte aber deutlich, dass dieser Prozess nur sehr langsam vonstatten gehen werde. Auch wenn sich der Präsident auf keinen Zeitpunkt festlegen wollte, bedeutet dies faktisch, dass Verbraucher frühestens 2020 mit leicht anziehenden Zinsen auf ihre Ersparnisse rechnen können. Doch auch das ist nicht garantiert. Denn der EZB-Präsident ließ keinen Zweifel daran, dass die Währungshüter ihren neuen Kurs auch wieder revidieren oder stoppen werden, sollte es notwendig sein.

EZB-Gebäude | Bildquelle: AFP
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Die EZB hat zwar eine lockerere Zinspolitik angekündigt - Sparer werden davon in absehbarer Zeit aber nicht profitieren.

Aufschwung in der Eurozone schon vorbei

Ursache für die extrem zögerliche Haltung der EZB ist die sich wieder eintrübende Konjunktur in der Eurozone. Der Aufschwung ist schon wieder vorbei. "Die Erholung im vierten Quartal des vergangenen Jahres war zwar die stärkste seit einem Jahrzehnt", sagte Draghi. Doch der gesamte Aufschwung habe nur 20 Quartale gedauert. Die durchschnittliche Länge eines Aufschwungs seit Mitte der 1970er-Jahre betrage in Europa aber 31 Quartale und falle auch viel stärker aus. Auch die EZB sei "überrascht von dieser unerwarteten Entwicklung". Ursache für den aktuellen Rückgang sei unter anderem der strenge Winter.

Hauptgrund seien aber drei fundamentale Gründe, die sich derzeit negativ auf die Weltwirtschaft und damit auch auf die Lage in Europa auswirken: Zum einen der sich zuspitzende weltweite Handelsstreit, ausgelöst durch die USA. Bereits in Riga hatte Draghi in ungewöhnlich undiplomatischer Form US-Präsident Donald Trump für diese Entwicklung verantwortlich gemacht. Zum anderen der deutlich gestiegene Ölpreis, der die Wirtschaft belaste - auch eine Folge der einseitigen Kündigung des Iran-Abkommens durch die USA. Der dritte Sorgenfaktor sind die großen Schwankungen an den Finanzmärkten, die sich auf die Realwirtschaft auswirken, so der EZB-Präsident: "Die Geldpolitik im Euroraum wird geduldig, hartnäckig und umsichtig bleiben."

"Schlecht gerüstet für die nächste Rezession"

Bereits gestern Abend hatte der US-Top-Ökonom Lawrence H. Summers zur Eröffnung der Konferenz ein extrem düsteres Bild der Weltwirtschaft gemalt. Die Geldpolitik der Notenbanken übertünche den wahren Zustand der Ökonomie. Eigentlich müssten die Zinsen auch in anderen Regionen, etwa den USA, weiterhin viel niedriger sein, um die realen Verhältnisse widerzuspiegeln. Gleichzeitig warnte Lawrence: "Die Welt ist sehr schlecht für die nächste Rezession gerüstet." Notenbanken und Politiker müssten deshalb alles daran setzen, diese zu vermeiden.

Lawrence deutete damit an, die Notenbanken hätten ihr Pulver verschossen und kaum noch genug Werkzeuge, um eine schwere Krise mit den normalen Methoden zu meistern. Diese Entwicklung werde auch noch Jahre andauern, sagte der Wissenschaftler, auch unter Draghis Nachfolger, dessen Amtszeit im Herbst 2019 endet.

Auf dem hochkarätig besetzten Treffen in Sintra, etwa 30 Kilometer westlich von Lissabon, debattieren rund 150 Notenbanker, Wissenschaftler und Experten drei Tage über die Zukunft der Geldpolitik. Es ist die fünfte Konferenz der EZB dieser Art. Neben Gastgeber Draghi werden die Notenbankchefs der USA, Japans und Australiens erwartet. Für den neuen Chef der amerikanischen Federal Reserve, Jerome H. Powell, wird der Auftritt in Sintra der erste in Europa sein.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 19. Juni 2018 um 15:30 Uhr in der Wirtschaft.

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