EZB-Chef Mario Draghi | Bildquelle: dpa

EZB-Chef Draghi in Berlin Der mit dem umstrittenen Kurs

Stand: 28.09.2016 12:29 Uhr

EZB-Präsident Draghi steht wegen seiner Finanzpolitik immer wieder in der Kritik. Auch aus Deutschland kommt Gegenwind. Doch der Italiener hat gelernt, in schwierigen Zeiten Kurs zu halten. Heute besucht er den Europaausschuss des Bundestages.

Von Andreas Meyer-Feist, ARD-Studio Brüssel

Wenn er spricht, hören ihm alle zu. Einige sehen in ihm den mächtigsten Mann Europas, andere sogar den "letzten Europäer" - die meisten wohl aber zumindest den Chefarchitekten auf der Euro-Baustelle. Er selbst gibt sich nach außen viel bescheidener: "Ich bin kein Architekt, oft genug nur ein einfacher Bürokrat."

So wirkt er auch oft, mit seinen glatt gekämmten Haaren und dem unspektakulären Auftreten. Aber der Schein trügt: Draghi kämpft gegen die Euro-Schuldenkrise nicht wie ein Bürokrat, der nur auf Herausforderungen reagiert. Er agiert viel energischer als sein manchmal zögerlicher Vorgänger Jean-Claude Trichet.

Kann der Italiener das?

Draghi kämpft mit ebenso kühnen wie umstrittenen Strategien, die meistens aber wirkungsvoll sind. Als er 2011 das Amt des Präsidenten der Europäischen Zentralbank übernahm, gab es Vorbehalte: Ein Italiener, da gehört die Inflation zum Euro bald dazu. Dieses Vorurteil hat er nicht bestätigt. Sein erklärtes Ziel konnten schließlich alle unterschreiben: Preisstabilität und Schutz für die europäischen Sparer.

Letzteres ist inzwischen fragwürdig geworden. Schulden machen lohnt sich mehr als Sparen. Das brachte ihm wieder viel Kritik aus Deutschland ein, nicht aber aus Euro-Staaten, die mit Schulden jetzt besser leben können als früher.

Schäuble kritisiert Draghi

Hoch umstritten ist Draghis ausgedehntes Kaufprogramm von Staatsanleihen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble lässt immer wieder durchblicken, dass er diesen Weg nicht unbedingt für den richten hält. Zuletzt bei einer Preisverleihung an Draghi. Schäuble war für die Laudatio vorgesehen. Die hielt er auch. Wenn er von Draghis Anleihenkäufen rechtzeitig gewusst hätte, "hätte ich mir das wahrscheinlich anders überlegt".    

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble
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Wolfgang Schäuble: Wenn er von Draghis Anleihenkäufen rechtzeitig gewusst hätte, "hätte ich mir das wahrscheinlich anders überlegt".   

Mit dem Finanzgebaren der Südländer ist Draghi von Grund auf vertraut. Als Präsident der italienischen Zentralbank steuerte er sein Institut geräuschlos durch die Krise. Der ehemalige Goldman-Sachs-Manager kennt die Psychologie der Finanzmärkte. Als EZB-Chef musste er aber von Anfang an den gesamten Euroraum im Blick halten und setzt bis heute auf radikale Maßnahmen: Der Leitzins wurde praktisch auf Null zurückgefahren, das wankende Bankensystem mit Zusatz-Billionen flüssig gehalten.

Damit die Wirtschaft in Gang kommt, zwang er die Institute, das Geld als billige Kredite weiterzugeben - und nicht sinnlos bei der EZB zu parken. Das freute die EU-Kommission und viele EU-Staaten. Der Höhepunkt: Draghis Kaufprogramm von Staatsanleihen.

Euro-Aus ist vorerst vom Tisch

Trotz aller Finanzprobleme in Griechenland, aber auch in Italien: Von einem Ende des Euro spricht niemand mehr. Das Wichtigste, um den Euro zu retten, müssten aber andere tun, sagt Draghi immer wieder. Mit strukturellen Reformen in den Euro-Ländern: "Es ist ein Appell an die europäischen Führer, diese Reformen auch durchzusetzen, um den Euro wettbewerbsfähiger und widerstandsfähiger zu machen."

Hier sieht er Deutschland als Vorbild, gerade in einem besonders kritischen Moment in der Geschichte der gesamten EU: "Es ist der Moment, in dem alle zusammenrücken sollten, um die gemeinsamen europäischen Interessen zu erkennen und auch durchzusetzen." Mit anderen Worten: Die Eurozone sollte nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch enger zusammenrücken.

Als Krisenmanager sieht sich Draghi inzwischen nicht mehr - inzwischen sieht er die Krise auch als große Chance. Die Euro-Krise könnte den Euroraum politisch enger zusammenwachsen lassen.  

Mr. Nullzinz: Draghi ist in Brüssel ein echtes Schwergewicht
A. Meyer-Feist, HR Brüssel
28.09.2016 11:55 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. September 2016 um 05:25 Uhr

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