Uniklinik der RWTH Aachen | Bildquelle: dpa

Tests für Autoindustrie "Schindluder" nicht vorhergesehen

Stand: 02.02.2018 15:30 Uhr

Tests an Probanden für ein sogenanntes Forschungsinstitut der Autoindustrie - diese Nachricht löste einen Skandal aus. Die verantwortlichen Wissenschaftler aus Aachen wehren sich nun. Sie fühlen sich getäuscht.

Ein durch Versuche mit dem Reizgas Stickoxid an Menschen in die Kritik geratenes Institut der Uniklinik RWTH Aachen sieht sich von der Autoindustrie hinters Licht geführt.

Thomas Kraus, Uniklinik Aachen | Bildquelle: REUTERS
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Kraus sagt, sein Institut habe wissenschaftlich korrekt gearbeitet.

Die von Volkswagen, Daimler, BMW und Bosch ins Leben gerufene Organisation EUGT habe den Eindruck eines seriösen Forschungsförderers gemacht, der in seiner Satzung hehre Ziele verfolge, sagte Institutsleiter Thomas Kraus. Es sei für die Wissenschaftler damals nicht ersichtlich gewesen, dass die Studie für unlautere Zwecke verwendet werden sollte.

EUGT habe die experimentellen Untersuchungen zwar gefördert, aber keine Bedingungen daran geknüpft, betonte Kraus. Vielmehr habe die Organisation alle Voraussetzungen der Wissenschaftler für eine Industrieförderung akzeptiert - unter anderem Unabhängigkeit bei Studienzuschnitt und -durchführung und Nennung des Förderers. Die Forscher hätten wissenschaftlich sauber, "höchstwertig" und korrekt gehandelt.

Zunächst ging es um Belastung am Arbeitsplatz

Bei der Studie waren 25 gesunde Probanden für drei Stunden einer definierten Stickoxid-Konzentration unterhalb des Grenzwerts ausgesetzt. Anschließend wurde laut Klinikum mit hochempfindlichen Geräten geprüft, ob es zu biologischen Effekten kam. Anlass der Studie war nach Angaben des Instituts die Debatte über Stickoxid-Grenzwerte am Arbeitsplatz. Die EUGT förderte das Projekt demnach mit 220.000 Euro.

Es sei nicht absehbar gewesen, dass der mittlerweile aufgelöste Lobby-Verein einen Zusammenhang zwischen ihrer Studie und gesundheitlichen Folgen durch Dieselschadstoffen herstellen würde. "Wir hatten zum damaligen Zeitpunkt überhaupt nicht den Eindruck, dass EUGT damit Schindluder treiben würde", erklärte der Institutsleiter.

Wissenschaftler der RWTH Aachen auf dem Weg zur Pressekonferenz. | Bildquelle: REUTERS
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Kein leichter Gang: Wissenschaftler der RWTH Aachen auf dem Weg zur Pressekonferenz.

Zu spät kritisch geworden

Erst als er später festgestellt habe, wie sich der Forschungsverein im Dieselskandal verhalten habe, sei er kritischer geworden, räumte Kraus ein. Auch von den Abgastests mit Affen in den USA habe er damals nichts gewusst.

Günther Schmalzing, Vorsitzender der Ethik-Kommission an der Medizinischen Fakultät der RWTH Aachen, sagte, man habe sich damals " mit der Frage des Geldgebers nicht arg auseinander gesetzt". Kraus kündigte an, man wolle künftig genauer hinschauen, wie Drittmittelgeber Forschungsergebnisse verwendeten".

Distanzierung im Turbo-Modus

Die Versuche an Menschen und Affen hatten in der Politik massive Kritik an der Automobilindustrie ausgelöst. Die verantwortlichen Unternehmen distanzierten sich von den Versuchen. Daimler stellte den Mitarbeiter frei, der den Konzern im EUGT-Vorstand vertrat. VW beurlaubte seinen Cheflobbyisten und BMW befreite einen Mitarbeiter von seinen aktuellen Aufgaben.

Die drei Autobauer hatten den Forschungsverein EUGT 2007 gegründet. Ziel war es, die Gesundheitsfolgen von Schadstoffen wie dem von Dieselmotoren ausgestoßenen Stickoxid zu erforschen.

Der Lobbyverein wollte 2014 offenbar nachweisen, dass Dieselabgase weit weniger gefährlich sind als von der Weltgesundheitsorganisation WHO festgestellt. Ein Jahr zuvor hatte sich Bosch aus der EUGT zurückgezogen. 2017 wurde die Vereinigung aufgelöst.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 02. Februar 2018 um 15:45 Uhr.

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