Die Skyline von Shanghais Finanzdistrikt | Bildquelle: AFP

Immobilienboom in China Kaufen - egal, was es kostet

Stand: 21.11.2016 12:02 Uhr

"Egal, wie die Wohnung aussieht - ich kauf sie!" Solche Szenen sind in den Büros von Chinas Immobilienmaklern an der Tagesordnung. In den Metropolen sind die Wohnungspreise massiv gestiegen. Experten warnen vor einer Immobilienblase.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Im Zentrum von Shanghai: Es wuselt und wimmelt, und fast überall wird gebaut. Alte Häuser werden entkernt und modernisiert oder ganz abgerissen und doppelt so hoch wieder aufgebaut. Es ist das große Ziel der meisten Chinesen, hier in Shanghai oder in einer der anderen Metropolen eine Wohnung zu besitzen. Man komme gar nicht darum herum, Immobilien zu kaufen, meint der Angestellte Lü Kang. "In den Köpfen der meisten Chinesen ist man erst dann erfolgreich, wenn man dort, wo man lebt, auch Immobilien besitzt. Denn dann kann man dort bleiben, einen festen Arbeitsplatz finden und eine Familie gründen."

Genau das macht Lü Kang gerade vor. Er ist 34 Jahre alt, verheiratet und hat eine eineinhalb Jahre alte Tochter. Als Manager bei einem französischen Luxusartikelhersteller verdient Lü Kang rund 4800 Euro brutto im Monat, damit sei er in Shanghai ein Vertreter der oberen Mittelklasse, sagt er selbst von sich.

Anfang des Jahres haben er und seine Frau eine 100-Quadratmeter-Wohnung gekauft. "Wir haben umgerechnet rund eine Million Euro gezahlt. Angezahlt haben wir etwa 30 Prozent - mit allen Gebühren und Steuern waren das zu Beginn 320.000 Euro in Cash." Kein größeres Problem sei das gewesen, meint Lü Kang. Schließlich habe er vor einigen Jahren für viel weniger Geld bereits zwei Wohnungen gekauft und diese nun mit einem dicken Gewinn wieder abgestoßen.

Preise für Wohnraum massiv gestiegen

Zu Beginn des Jahres sind die Preise für Wohnraum wahnsinnig gestiegen, erklärt der Shanghaier Immobilienmarkler Zhu Yu. "Im Februar und März spielten sich in meinem Büro richtige Kämpfe ab. Einige Interessenten fragten einfach: 'Was ist noch zu haben? Hier ist die Anzahlung.' Manche wollten die Wohnung gar nicht sehen."

Noch viel mehr als in Deutschland wird Immobilienkauf in China als Investment gesehen. Die Zinsen sind niedrig, die Börse gilt als unseriös, und so bleibt den Menschen kaum etwas anderes übrig, als ihr Geld in Wohnraum zu stecken. Wenn sie es sich leisten können: In Metropolen wie Shanghai, Nanjing, Shenzhen und Peking sind die Preise im Jahresvergleich zuletzt um rund 30 Prozent gestiegen.

In den vergangenen Wochen haben die Behörden in vielen Teilen Chinas bestimmte Regeln in Kraft gesetzt, die den Preisanstieg bremsen sollen. So müssen Käufer vielerorts inzwischen mehr anzahlen als früher, in anderen Städten können Auswärtige nicht mehr beliebig viele Wohnungen kaufen. Maßnahmen wie diese haben den Preisanstieg zuletzt etwas abgebremst, teilte das Nationale Statistikbüro am Freitag mit.

Experten warnen vor Immobilien-Blase

Trotzdem: China sitze auf einer gefährlichen, riesigen Immobilienblase, warnen einige Experten. Andere weisen darauf hin, dass die hohen Preise oft gerechtfertigt seien. Denn zumindest in den großen Städten werde Wohnraum nun einmal gebraucht. Und selbst wenn die Blase platze, würden die Preise in China danach wieder anziehen. Der 34-jährige Familienvater Lü Kang jedenfalls gibt sich absolut unbesorgt und unkritisch: "Ich finde: Jeder der es sich leisten kann, sollte kaufen. Ob der Wert einer Wohnung steigt und die Preise weiter zulegen - darüber muss man sich hier nun wirlich keine Sorgen machen."

Chinas Immobilienmarkt spielt verrückt und (fast) niemanden stört es
S. Wurzel, ARD Shanghai
21.11.2016 10:49 Uhr

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