Frankfurt: Skyline auf Banken | Bildquelle: picture alliance / dpa

Banken-TÜV der EZB Einmal prüfen - nie mehr retten?

Stand: 23.02.2014 01:23 Uhr

130 Banken, mehr als 1000 Bilanzprüfer, Hunderte Millionen Euro Kosten: In dieser Woche hat der große Banken-TÜV der EZB begonnen. Manche Details des Mammutprojekts muten irrwitzig an. Ist der Aufwand gerechtfertigt?

Von Heinz-Roger Dohms und Meike Schreiber für tagesschau.de

Die herrschaftliche Zentrale der Bayerischen Landesbank hat im Laufe der Jahre viele Besucher kommen und auch wieder gehen sehen: Mittelständler und Manager, Minister und Millionäre, Macher und Mogule. Verglichen damit handelte es sich bei jenen Gästen, die Anfang dieser Woche in München Einzug hielten, um einen eher farblosen Haufen: Bilanzprüfer, deren Zahl von zunächst zwei Dutzend in den nächsten Wochen auf rund 40 anwachsen soll. Insgesamt sollen sie vier Monate in der Bank bleiben - und dabei keinen Stein auf dem anderen lassen.

Welche Erblasten lagern noch in den Banken?

BayernLB-Zentrale in München | Bildquelle: dpa
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Bei der BayernLB in München rückten diese Woche die ersten Prüfer an.

"Asset Quality Review" nennt sich das Ganze. Oder, eingängiger formuliert: Banken-TÜV. Nicht nur die BayernLB ist betroffen, sondern 24 Banken in Deutschland und rund 130 in der gesamten Eurozone. Es ist ein beispielloses Unterfangen. Und entsprechend unbescheiden fällt das Ziel aus: Der europaweite TÜV soll nämlich dafür sorgen, dass der Kontinent im Jahr sechs nach der Lehman-Pleite endlich die Finanzkrise abschüttelt.

Der Hintergrund: Für eine nachhaltige Erholung braucht die Wirtschaft leistungsstarke Banken. Doch ob Europas Geldhäuser wirklich gesund sind - daran bestehen unter Politikern und Notenbankern erhebliche Zweifel. Noch immer vergeben speziell die Institute in Spanien, Portugal oder Griechenland zu wenige Kredite an die heimische Wirtschaft. Und noch immer gibt es zahlreiche Banken, die ohne staatliche Unterstützung nicht überleben könnten.

Ändern soll dies die sogenannte Bankenunion. Von diesem Herbst an sind in letzter Instanz nicht mehr die nationalen Aufsichtsbehörden für die Kontrolle der Großbanken zuständig, sondern die Europäische Zentralbank. Der Auftrag durch die Politik ist klar umrissen: Die EZB soll die Geschäftsbanken durch eine scharfe und zentrale Aufsicht sicherer machen. Der Sinn des Banken-TÜVs besteht darin, mögliche Erblasten zu entdecken, bevor die Zentralbank die Kontrolle übernimmt.

Zur Not werden Banken einfach abgewickelt

Sind die Kredite in den Bilanzen richtig bewertet? Welche womöglich wackligen Staatsanleihen schlummern noch in den Portfolien? Hat die Bank genug Kapital, um einen konjunkturellen Abschwung zu verkraften oder gar einem Börsencrash standzuhalten? Um solche Fragen geht es. Fällt ein Institut durch den Test, muss es sich frisches Eigenkapital besorgen - bei Investoren oder beim Staat.

Und wenn dies nicht gelingt? "Wir müssen einige Banken auf ordentlichem Weg abwickeln, es hilft nicht unbedingt, sie nur miteinander zu fusionieren", sagte Danièle Nouy, die frisch installierte Chefin der EZB-Bankenaufsicht, jüngst in einem Interview. Wie realistisch dieses Szenario ist, zeigen Schätzungen von Bankenanalysten. Demnach könnte der Banken-TÜV europaweit eine Kapitallücke von bis zu 200 Milliarden Euro aufdecken. Eine gigantische Zahl.

In den Banken ist die Stimmung entsprechend nervös - auch wenn die Institute nach außen beteuern, gut gerüstet zu sein für die Übung. Für einen Riesen wie die Deutsche Bank mag das auch stimmen und vielleicht sogar für die lange Zeit kriselnde Commerzbank, deren Lage sich zuletzt etwas besserte. Doch was ist mit den Problemfällen? Zum Beispiel mit der in der Finanzkrise schon einmal mit Steuermilliarden geretteten HSH Nordbank? Deren Bilanz ist vollbeladen mit faulen Schiffskrediten.

Hartnäckig halten sich Gerüchte, dass auch ein deutsches Finanzinstitut beim TÜV durchfallen wird - und sei es aus Gründen der politischen Sensibilität. Denn wenn ausschließlich südeuropäische Institut scheitern, wäre das eine emotionale Belastung für das Projekt Bankenunion.

20 Prüfer, 2000 Arbeitstage, Millionenkosten

Neben der Furcht vor den Ergebnissen treibt die Banken auch die Kostenfrage um - denn genau wie beim Auto müssen auch die Banken selber für den TÜV bezahlen. Auf vier bis sieben Millionen. Euro schätzt zum Beispiel die BayernLB den Aufwand. Andere Institute nennen, gemessen an ihrer Größe, ähnliche Zahlen. Insgesamt dürfte die Prüfung allein die deutschen Banken 100 bis 200 Millionen Euro kosten, sagen Experten.

Unter der Bedingung, dass sein Name nicht genannt wird, erzählt der Finanzchef einer mittelgroßen deutschen Bank freimütig, wie es zu solch stattlichen Summen kommt: Weder die EZB noch die deutsche Finanzaufsicht BaFin verfügen über genügend eigene Kontrolleure für den "Asset Quality Review". Die müssen daher bei den großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften ausgeliehen werden. Weil es aber auch von denen nicht so viele gibt, "werden da teilweise richtige Mondpreise aufgerufen - und mitunter sogar bezahlt", erzählt der Manager.

Für sein eigenes Institut rechnet er damit, dass zunächst rund 15 und später bis zu 30 Prüfer anrücken werden. "Die sind dann gut 100 Tage hier, macht bei durchschnittlich 20 Prüfern 2000 Arbeitstage. Und da die vierstellige Tagessätze berechnen, ist man sofort im Millionenbereich."

Noch nicht eingerechnet sind in dieser Kalkulation die eigenen Mitarbeiter, die die Banken bereitstellen müssen, um die Prüfer zu unterstützen. Mancher in den betroffenen Banken hält das für irrwitzig? Verfechter der EZB-Politik halten dagegen: Wenn damit verhindert wird, dass die Banken demnächst wieder mit Milliardensummen gerettet werden, ist das eine lohnende Investition.

Doch reichen vier Monate für das Mammutprojekt? Und macht es die Banken wirklich sicherer? In Erinnerung ist der chaotischen Stresstest der europäischen Bankenaufsicht EBA 2010. Einige irische Banken, die die Prüfung überstanden, waren wenige Monate später faktisch pleite. "Ich bin skeptisch, ob auf diesem Wege Vertrauen wiederhergestellt wird", sagt Michael Göttgens, Bankenexperte beim renommierten Institut der Wirtschaftsprüfer.

Infobox

Das sind die deutschen Banken im EZB-Check:

- Deutsche Bank (Bilanzsumme 2012 Milliarden Euro, inklusive der Töchter Postbank und BHW)
- Commerzbank (636 Mrd. Euro)
- DZ Bank (407 Mrd. Euro, inklusive Schwäbisch Hall)
- LBBW (336 Mrd. Euro)
- BayernLB (287 Mrd. Euro, inklusive der Direktbank DKB)
- NordLB (226 Mrd. Euro)
- Helaba (199 Mrd. Euro)
- NRW.Bank (149 Mrd. Euro)
- HSH Nordbank (131 Mrd. Euro)
- Dekabank (130 Mrd. Euro)
- Landesbank Berlin (118 Mrd. Euro)
- Hypo Real Estate (97 Mrd. Euro)
- WGZ Bank (96 Mrd. Euro)
- Landwirtschaftliche Rentenbank (88 Mrd. Euro)
- L-Bank (71 Mrd. Euro)
- KfW Ipex-Bank (46 Mrd. Euro)
- Aareal Bank (46 Mrd. Euro)
- Hamburger Sparkasse Haspa (40 Mrd. Euro)
- Volkswagen Bank (39 Mrd. Euro)
- Apotheker- und Ärztebank (38 Mrd. Euro)
- Münchener Hyp (37 Mrd. Euro)
- Wüstenrot & Württembergische (37 Mrd. Euro)
- SEB AG (36 Mrd. Euro)
- IKB (32 Mrd. Euro)

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