Bahnreisende in Berlin | Bildquelle: dpa

Qualität und Pünktlichkeit Warum ist die Bahn woanders besser?

Stand: 22.03.2018 20:36 Uhr

Die Deutsche Bahn räumt selbst ein, dass es ihr an Qualität und Pünktlichkeit fehlt. Warum klappt das in der Schweiz, Japan oder China besser? Was kann Deutschland von diesen Ländern lernen?

Von Dominik Lauck, tagesschau.de

99 Prozent aller Züge kommen in Japan, China und Taiwan pünktlich an. Und als unpünktlich gilt dort bereits eine Verspätung von einer Minute. Obwohl die Deutsche Bahn Züge bis sechs Minuten Verspätung noch als pünktlich definiert, erreichen hierzulande noch nicht mal 79 Prozent aller Fernzüge ihren Zielbahnhof rechtzeitig. "Wir müssen bei Qualität und Pünktlichkeit nachlegen", gestand Bahnchef Richard Lutz.

Karl-Peter Naumann
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"Die Bahn pfeift aus dem letzten Loch", meint Karl-Peter Naumann.

Aber wie?

"Eine grundlegende Verbesserung wird politisch blockiert", glaubt Karl-Peter Naumann, Ehrenvorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn und zählt die Gründe auf: Die Bahn leide noch immer unter den Folgen des Spardiktats für den längst abgesagten Börsengang vor zehn Jahren.

Bürokratische Hürden im Planungsrecht würden die Investitionen zu einem elenden Geduldsspiel machen. Und veraltete Anlagen und Fahrzeuge seien nun mal störanfällig und müssten öfter repariert werden.

Zu wenig Lokomotiven und Wagen

Außerdem fehle es schlicht an Triebwagen und Lokomotiven. "Die Bahn pfeift im Fernverkehr aus dem letzten Loch", sagt Naumann. Sobald mehrere ICEs in Reparatur seien, käme es zu Zugausfällen.

Hinzu kämen hausgemachte Probleme bei der Deutschen Bahn, die viele Baustellen oft schlecht koordiniere und nicht ausreichend bei der Fahrplangestaltung berücksichtige. Arbeiten am Gleisbett und den Oberleitungen würden oft nicht zeitgleich, sondern kurz nacheinander ausgeführt. Die betroffenen Abschnitte müssten so zweimal gesperrt werden.

Fehlender politischer Wille?

"Wir brauchen eine politische Entschlossenheit für die Bahn", fordert der Bahnexperte der Grünen-Fraktion im Bundestag, Matthias Gastel. Die Politik habe die Infrastruktur sträflich vernachlässigt und in den vergangenen 25 Jahren auf die Straße statt auf die Schiene gesetzt.

Vorwürfe, die das Bundesverkehrsministerium so nicht stehen lassen möchte. Die Behörde von Andreas Scheuer verweist auf die Maßnahmen der vergangenen Legislaturperiode: 2017 wurden rund fünf Milliarden Euro in die Infrastruktur investiert - knapp neun Prozent mehr als im Vorjahr. Und in diesem Jahr soll es noch mehr werden. Die Problemfelder seien bekannt und würden angepackt, erklärte ein Sprecher. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD werden der Bahn erstmals deutliche Vorgaben gemacht.

Bahn fährt aus Tunnel | Bildquelle: AP
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In der Schweiz fahren die Züge dank des Taktfahrplans zu jeder Stunde gleich ab.

Musterland Schweiz

Die Schweiz gilt als Musterland in dem Bereich. Vor 36 Jahren wurde dort der Taktfahrplan eingeführt, der vorsieht, dass in den Bahnhöfen die Züge zu jeder Stunde gleich verkehren. So können sich Reisende Abfahrts- und Ankunftszeiten einfach merken und die Anschlussverbindungen sind aufeinander abgestimmt. Mit der 3-Minuten-Regel hat die Schweiz europaweit zudem die strengsten Pünktlichkeitsregeln - dennoch erreichen 89 Prozent der Züge pünktlich ihr Ziel.

In den Niederlanden, wo zudem alle Züge mit funktionierendem WLAN ausgestattet sind, erhalten Bahnkunden bereits ab 15 Minuten Verspätung eine Entschädigung. Sobald der Zug eine Stunde zu spät ankommt, gibt es den vollen Fahrpreis zurück. Die Folge: eine Pünktlichkeitsquote von über 91 Prozent.

Der neue Hochgeschwindigkeitszug "Fuxing" | Bildquelle: dpa
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Der chinesische Hochgeschwindigkeitszug "Fuxing" ist 350 km/h schnell.

Strenge Vorgaben für Zugverkehr in Asien

Noch strenger sind die Vorgaben in Asien: Die politische Führung in China setzt auf Hochgeschwindigkeitszüge. Der "Fuxing" rauscht mit 350 Kilometern pro Stunde von Peking nach Shanghai. "Wirtschaftlich macht das keinen Sinn, politisch ist es aber gewollt", erklärte Zhao Jiang, Bahnexperte an der Pekinger Jiaotong Universität.

In Japan beträgt die Toleranz der Abfahrtszeiten beim Schnellzug "Shinkansen" fünf Sekunden und die Halteposition am Bahnsteig einen Zentimeter. An den Endstationen steht eine Putzkolonne bereit, um die Waggons binnen sieben Minuten zu reinigen. "Die japanische Bahn ist deshalb die beste der Welt", glaubt Jürgen Hanefeld, ARD-Korrespondent in Tokio.

Schuldenlast erschwert Investitionen

Auch wenn die Investitionen in den Schienenverkehr in den vergangenen Jahren leicht gestiegen sind, Deutschland ist noch immer Schlusslicht in Europa. In Österreich oder der Schweiz wird pro Einwohner vier bis sechs Mal soviel Geld ausgegeben. Kein Wunder: Wegen der Zinszahlungen für die Schulden und die Abführung einer Dividende an den Bund bleiben der Deutschen Bahn in diesem Jahr von dem erwirtschafteten Gewinn in Höhe von 2,15 Milliarden Euro vor Steuern und Zinsen nur noch 300 Millionen Euro übrig. Zu wenig, um nötige Investitionen selbst zu zahlen.

Der Blick ins Archiv zeigt: Die Probleme bei der Bahn sind seit vielen Jahren die gleichen. Auch frühere Bahnchefs und Politiker versprachen Verbesserungen. Doch geändert hat sich wenig.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 22. März 2018 um 11:00 Uhr.

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