Eine Säule mit Audi-Ringen  | Bildquelle: picture alliance / dpa

Vertrauliches VW-Papier zu Audi Zehn Seiten, die es in sich haben

Stand: 13.11.2016 15:15 Uhr

Audi-Chef Stadler gerät unter Druck, und zwar durch einen vertrauliches Dokument des VW-Konzerns, das NDR, WDR und SZ vorliegt. Demnach wurden Abgaswerte von Audi-Pkw auf dem Prüfstand mit speziellen "Warmlaufpumpen" künstlich gesenkt.

Von Katja Riedel, WDR, und Peter Hornung, NDR

Es sind zehn Seiten, die es in sich haben. Unter dem Titel "Rechtliche Bewertung Warmlaufprogramme" beschreiben VW-Juristen, wie bei der Konzerntochter Audi jahrelang Abgaswerte manipuliert wurden, und zwar bei Modellen mit leistungsstarken Dreilitermotoren und mit hochkomplexen Automatikgetrieben.

Das brisante Papier entstand wohl erst Anfang dieser Woche in der VW-Rechtsabteilung als Reaktion auf einen Bericht der "Bild am Sonntag" vom vergangenen Wochenende. Große Audis mit nur einem Getriebe seien betroffen, hieß es zunächst, CO2-Werte manipuliert. Schon das ist ein Skandal.

Doch was die VW-Juristen nun feststellten, vergrößert den Skandal noch. Betroffen sind wohl nicht nur Fahrzeuge mit dem achtstufigen Automatikgetriebe AL 551, sondern auch solche mit dem siebenstufigen DL 501, das sich in Modellen wie dem A5, A6 und A7 befindet. Und es geht nicht nur um falsche Werte beim Klimakiller Kohlendioxid, sondern auch bei den gesundheitsschädlichen Stickoxiden.

Audi A8 | Bildquelle: dpa
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Von den Manipulationen sind zahlreiche Modelle von Audi betroffen.

Manipulation auch bei Stickoxiden

Die Softwaremanipulationen firmierten unter der recht unverdächtigen Bezeichnung "Warmlaufprogramme". Im Volkswagen-Papier werden zwei Fälle geschildert: In Fall eins wurde bei US-Dieseln - anders als in europäischen Modellen - die Betriebstemperatur des Katalysators so erhöht, dass nur bei Prüfungen der Schadstoffausstoß künstlich sinkt. "Damit greift ein wesentlicher Aspekt der EU-Verteidigung in USA nicht durch", heißt es dazu lapidar im VW-Papier. Sprich: Es gibt keine Entschuldigung, es handelt sich womöglich ein weiteres Mal um eine illegale Abschalteinrichtung, mit verheerenden juristischen Folgen für Audi in den USA.

Fall zwei betrifft die Aufheizung des empfindlichen Automatikgetriebes nicht nur bei Benzinern, sondern, so stellt sich jetzt heraus, auch bei Dieselfahrzeugen in Europa und den USA. Die Folge: Bei Benzinern werden nur die CO2-Werte auf dem Prüfstand manipuliert, bei Dieseln zusätzlich auch die Stickoxidwerte.

Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) wurde dem Papier zufolge im Groben zwar schon vor zwei Monaten informiert. Das wichtigste Detail der Mogelei nannte man offenbar aber nicht: Dass nämlich die Autos den Prüfstand erkennen, wenn das Lenkrad nicht oder nur kaum bewegt wird.

Fehlendes Vertrauen bei Audi-Kunden

Ständig kommen neue Wahrheiten ans Licht: Da fragten sich seine Mandanten, warum sie ihre Autos noch nachbessern sollten, sagt Rechtsanwalt Ralf Stoll, der zahlreiche deutsche Audi-Besitzer vertritt: "Es wird wieder und wieder meinen Mandanten versprochen: Alles wird gut. Und nach und nach kommen dann immer mehr Details und neue Manipulationen heraus. Vertrauen gewinnt man dadurch mit Sicherheit nicht."

Audi hat offenbar noch am vergangenen Samstag das KBA ausführlicher informiert, hektisch und nur Stunden vor dem Zeitungsbericht mit neuen Vorwürfen. Entschuldigungen haben die VW-Juristen auch schon parat: CO2 sei ja dem Gesetz nach kein Schadstoff und die künstliche Senkung des Stickoxidausstoßes auch nicht gesetzeswidrig. Schließlich habe man nicht an der Abgasreinigung manipuliert, sondern am Getriebe. "Nicht auszuschließen, dass Regulatoren anderen Standpunkt einnehmen", heißt es jedoch in dem vertraulichen VW-Dokument. Offenbar glaubt man bei VW selbst nicht an seine Rechtfertigungsversuche. Ohnehin tappt man bei vielem noch im Dunkeln. Der Sachverhalt sei durch Audi noch "nicht vollumfänglich" ermittelt, stellen die Konzern-Juristen fest. Ihre Bewertung sei deshalb "nur vorläufig".

Kein Dementi von Audi

"Aufgrund der laufenden Gespräche mit den Behörden in den USA" könne sich Audi lediglich zu der Situation in Europa äußern, so ein Unternehmenssprecher. In Deutschland sei man wegen der Automatikgetriebe in Gesprächen mit dem KBA. Diese könnten "bei Prüfstandsmessungen zu verfälschten und nicht reproduzierbaren Ergebnissen führen", so Audi weiter. Den Inhalt des vertraulichen Papiers dementierte der Sprecher nicht.

Volkswagen: "Audi hat Behörden nicht unter Zeitdruck informiert"

Volkswagen dementiert inzwischen, dass die Tochter Audi am Samstag vor einer Woche das Kraftfahrt-Bundesamt dringend über neue Erkenntnisse in der Abgas-Affäre habe informieren müssen. Ein VW-Sprecher erklärte dazu, dieses Treffen habe nicht - wie berichtet - am 5. November 2016, sondern ein Jahr zuvor stattgefunden. Das diesjährige Datum findet sich aber in dem vertraulichen Zehn-Seiten-Papier, zu dessen Inhalten NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" Volkswagen und Audi befragt hatten.

Audi äußerte sich am Freitag generell zu dem Papier und den darin beschriebenen Vorgängen. Zum 5. November 2016 äußerten sich weder VW noch Audi. Auf die Frage, warum man nicht gleich auf die Anfragen hin dieses Datum korrigiert habe, erklärte der VW-Sprecher heute: Volkswagen unterliege bei der Abgas-Affäre einer strengen Geheimhaltungspflicht der US-Behörden, die diesen Vorgängen nachgingen. Halte sich VW nicht daran, dann drohten hohe Strafen.

(13.11.2016)

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 11. November 2016 ab 18:30 Uhr im "Echo des Tages".

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