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Ermittlungen zur Abgasaffäre Audi - Keimzelle des Betrugs?

Stand: 03.02.2017 18:02 Uhr

Viele Hinweise deuten darauf hin, dass auch Audi tief in den VW-Abgasskandal verstrickt ist. Tatsächlich könnte eine Audi-Funktion aus der Zeit der Jahrtausendwende die "Mutter des Betrugs" sein.

Von Christine Adelhardt, Han Park, Stephan Wels, Christian Baars und Peter Hornung, NDR

Seit Monaten versuchen Ermittler, Licht in das Dunkel der Diesel-Affäre zu bringen - und allmählich wird das Bild klarer, vor allem dank der Aussagen einiger Kronzeugen. Beschuldigte VW-Manager haben gegenüber den US-Behörden ausgepackt. Sie wollen offensichtlich reinen Tisch machen und hoffen, mit einer geringen Strafe davonzukommen.

Nach Recherchen von NDR, WDR und SZ verdichten sich die Hinweise, dass die VW-Tochter Audi eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Betrugssoftware eingenommen hat. Bereits im März 1999 sollen sich dort Techniker den Kopf darüber zerbrochen haben, wie ihr frischer Sechszylinder-Diesel-Motor die neue EU-Abgasnorm erfüllen könne. Sie entwickelten damals eine "Akustikfunktion" - eine Software, die den Motor steuert und dafür sorgen sollte, dass der Diesel leiser klingt. Dafür stieß er aber mehr Dreck aus.

Die "Mutter des Betrugs"

Diese Funktion gilt mittlerweile als "Mutter des Betrugs". Denn die Techniker kamen offenbar auf die Idee, die Software so anzupassen, dass sie erkennt, ob das Auto gerade getestet wird oder auf der Straße unterwegs ist - die Geburt der illegalen Abschalteinrichtung. Ein Hinweis auf die frühzeitige Verwicklung von Audi in den Betrug geht aus einem Auftrag an Bosch im Jahr 2002 hervor. Damals sollen Audi-Techniker von dem Zulieferer Anpassungen an der Software gefordert haben. Offenbar wurde die Funktion in den folgenden Jahren immer weiter entwickelt und später auch in VW-Motoren eingesetzt.

Pikant ist die Verwicklung von Audi auch, weil Ex-VW-Vorstandschef Martin Winterkorn in dieser Zeit das Tochterunternehmen geleitet hatte. Die US-Ermittler haben den Verdacht, dass er als Audi-Chef über Probleme bei der Zulassung des Diesel-Motors für den US-Markt informiert worden war. Wusste er damit möglicherweise auch von der Betrugssoftware? Winterkorn bestreitet es und behauptet, erst 2015 davon erfahren zu haben.

Interne Vermerke und Aussagen legen jedenfalls nahe, dass Audi sich jahrelang mit VW abgestimmt hat, mit welchen Software-Tricks die Motoren die Grenzwerte bei Abgastests einhalten sollten. Dass dies nach US-Recht verboten war, ist mittlerweile eindeutig geklärt. VW hat es auch eingeräumt.

Offenbar war es den Beteiligten bei VW und Audi schon in der Vergangenheit klar, dass ihre Softwarelösung gegen Gesetze verstößt. Immer wieder sollen sich Manager und Techniker in Wolfsburg und Ingolstadt Gedanken über die Gefahren bei der Fahrzeugzulassung für den US-Markt gemacht haben.

"Das ist zu heiß"

Im Sommer 2011 sollen etwa Audi-Ingenieure darauf gedrängt haben, die Betrugssoftware zu optimieren. Sie sollte anhand der Bewegung am Lenkrad erkennen, ob das Fahrzeug auf der Straße fährt oder auf Abgase getestet wird. Mit dieser betrügerischen Idee soll sich ein Audi-Mitarbeiter an die Kollegen von VW gewandt haben. Der zuständige VW-Entwickler hatte aber offenbar Bedenken. "Das ist zu heiß", soll er gesagt haben. Man könne die Softwarefunktion im Zweifelsfall nicht erklären, falls sie von Wettbewerbern entdeckt werden sollte. Eingebaut wurde sie später dennoch. Zwei Jahre später wiederum soll ein Audi-Manager die Sorge geäußert haben, das unerlaubte Vorgehen könne auffliegen. In Mails und Präsentationen soll das Risiko der Entdeckung ausdrücklich erwähnt worden sein.

Es gibt also zahlreiche Hinweise darauf, dass Audi tief in den Diesel-Betrug verstrickt ist. Das Unternehmen hat im September 2015 selbst Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet.

Die zuständige Staatsanwalt München II hat jedoch bislang kein Ermittlungsverfahren eröffnet. Auf Anfrage teilte die Behörde mit, es werde weiter geprüft.

Wie tief ist Bosch verstrickt?

Offen ist auch noch die Frage, inwieweit Bosch als Lieferant der Software in den Skandal verstrickt ist. Erst vor wenigen Tagen hat das Stuttgarter Unternehmen einem Millionen-Vergleich in den USA zugestimmt - ohne jedoch eine Schuld am Diesel-Skandal einzuräumen.

Doch die bisherigen Ermittlungen deuten daraufhin, dass wie bei Audi den Beteiligten bei Bosch klar gewesen sei, dass sie eine Software zum Betrügen liefern sollten. Mitarbeiter sollen später Dokumente gelöscht haben, die auf die verbotene Funktion hinweisen. Und mehrmals sollen die Software-Entwickler gewarnt haben, dass die Anforderungen aus Wolfsburg und Ingolstadt gegen Gesetze verstoßen würden. Trotzdem hat Bosch geliefert. Noch nicht geklärt ist, ob die Betrugssoftware an die Kunden im deaktivierten Zustand ausgeliefert wurde, oder ob Bosch selbst die Software "scharf" geschaltet hat.

In diesem Fall ermittelt die zuständige Staatsanwaltschaft in Stuttgart - allerdings bislang gegen Unbekannt.

Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 04. Februar 2017 um 08:40 Uhr.

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