Ein Flugzeug der Airline Air Berlin | Bildquelle: dpa

Insolvente Airline Air-Berlin-Poker im vollen Gange

Stand: 24.08.2017 16:58 Uhr

Condor, Easy Jet, Ryanair, Wöhrl - sie alle buhlen Medienberichten zufolge um die insolvente Fluglinie Air Berlin, in Teilen oder als Ganzes. Die Lufthansa ist bereits vorgeprescht und hat ein konkretes Angebot vorgelegt. Air-Berlin-Personalvertreter sind besorgt.

Die Verhandlungen über eine Zerschlagung der insolventen Fluglinie Air Berlin nehmen Fahrt auf: Die Lufthansa hatte bereits am Mittwoch als erster potenzieller Käufer eine Absichtserklärung zur Übernahme eines großen Teils der Airline abgegeben. Wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Insider berichtet, soll es dabei um einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag für bis zu 90 der insgesamt 140 Flugzeuge gehen.

Doch die größte deutsche Fluggesellschaft ist bei weitem nicht der einzige Interessent: Konkurrenz bekommt die Lufthansa nun offenbar auch von Condor. Nach Informationen von Reuters und der dpa soll der Ferienflieger ein Angebot für Air-Berlin-Flugzeuge "in deutlicher zweistelliger Zahl" vorbereiten. Wie genau das Angebot ausgestaltet sein soll, ist nicht bekannt. Da die Air-Berlin-Maschinen geleast sind, könnte es sich dabei um die Übernahme von Leasingverträgen handeln. Ein Sprecher des Thomas-Cook-Konzerns, zu dem Condor gehört, wollte die Berichte nicht kommentieren, bekräftigte jedoch, Condor stehe bereit, eine aktive Rolle zu spielen.

Als Dritter im Bunde soll Medienberichten zufolge auch Easy Jet eine Übernahme von Teilen aus der Insolvenzmasse anpeilen.

Wöhrl und Ryanair wollen bieten

Bei den Verhandlungen soll es zudem bald Gespräche mit dem Nürnberger Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl geben. Man sei für nächste Woche zu "Sondierungsgesprächen" nach Berlin eingeladen, teilte seine Intro-Verwaltungsgesellschaft mit. Gesprächspartner und konkrete Termine nannte Wöhrl aber nicht. Der Unternehmer hatte bereits zuvor angekündigt, die insolvente Fluggesellschaft als Ganzes kaufen zu wollen. Nun sprach er von einer erfreulichen Trendwende und kündigte ein qualifiziertes Angebot an.

Hans Rudolf Wöhrl | Bildquelle: dpa
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Der Nürnberger Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl will ebenfalls bald mit Air Berlin verhandeln.

Auch Ryanair wolle für die gesamte Air Berlin bieten, benötige allerdings zunächst weitere Informationen über deren wirtschaftliche Lage, bestätigte Unternehmenssprecher Robin Kiely.

Das Interesse von Condor und Lufthansa dürfte sich dagegen bei der Mittelstrecke wohl vor allem auf die nicht insolvente Air-Berlin-Tochter Niki aus Österreich konzentrieren - die Lufthansa hatte für sie bereits ein konkretes Angebot abgegeben.

Eurowings wappnet sich

Die Lufthansa hatte sich durch ihre Zusammenarbeit mit Air Berlin, von der sie 38 Flugzeuge samt Crews schon für ihre Billigtochter Eurowings geleast hat, und frühzeitige Gespräche mit der taumelnden Air Berlin einen Zeitvorsprung verschafft. Eurowings schrieb daher unter dem Motto "Heben Sie mit uns ab!" schon Stellen für rund 200 Piloten und etwa 400 Flugbegleiter aus. Hintergrund sei das bestehende Wachstum der Lufthansa-Tochter, aber auch das Schicksal von Air Berlin spiele hier eine Rolle, sagte ein Brancheninsider.

Der Generalbevollmächtigte der Air Berlin, Frank Kebekus, machte inzwischen klar, dass er einen schnellen Verkauf anstrebt. "Es besteht die Gefahr, dass unser Geschäft wegbricht, falls der Verkauf zu lange dauert", sagte Kebekus der "Wirtschaftswoche". Die kurzfristigen Buchungen seien um sechs bis sieben Prozent zurückgegangen, bei Flügen in ein paar Monaten seien die Kunden zurückhaltender.

Kunden, die ihre Bonusmeilen beim Vielfliegerprogramm Topbonus noch nicht eingelöst haben, gehen nach Kebekus' Angaben leer aus. "Das Programm wurde gestoppt." Bei Topbonus zeichne sich ebenfalls eine Insolvenz ab. Auch wer für eine Verspätung entschädigt werden will, hat demnach schlechte Karten. Air Berlin könne diese nicht auszahlen, Passagiere müssten ihre Ansprüche als Insolvenzforderung anmelden.

Offener Brief der Personalvertretung

Unterdessen warfen Air-Berlin-Mitarbeiter der Bundesregierung vor, offenbar die Lufthansa zu bevorzugen und dabei Vorschriften zum Schutz der Arbeitnehmer umgehen zu wollen. In einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries, der WDR und NDR vorliegt, schreibt die Personalvertretung "Kabine", bei der Abwicklung der Airline entstehe der Eindruck, dass hier "einseitig deutsche Wirtschaftsinteressen verfolgt und unterstützt werden". Hingegen finde der Erhalt und Transfer von bestehenden Arbeitsverhältnissen "unter Beachtung der gesetzlichen und tariflichen Regeln" offenbar keine Beachtung.

"Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Übernahme der Air Berlin durch die Lufthansa lange vorbereitet war; und dies mit dem Wohlwollen der Bundesregierung", heißt es in dem Schreiben weiter.

Die Personalvertretung beklagt zudem die fehlende Initiative der Politik, "die aufnehmenden Unternehmen in die Pflicht zu nehmen, die bestehenden Arbeitsbedingungen beizubehalten".

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 24. August 2017 um 15:30 Uhr in der Wirtschaft.

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