Fragen und Antworten

Zwei Flugzeuge von Air Berlin. | Bildquelle: dpa

FAQ zu Air Berlin Pleite - und begehrt. Warum?

Stand: 30.08.2017 18:47 Uhr

Mehr als eine Milliarde Euro Schulden hat die Fluggesellschaft Air Berlin angehäuft. Kein einziges Flugzeug der Flotte gehört dem Unternehmen. Trotzdem gibt es viele Interessenten für die insolvente Airline. Warum? Jan-Peter Bartels beantwortet die wichtigsten Fragen.

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Wie viele Flugzeuge besitzt Air Berlin?

Kein einziges. Air Berlin selbst spricht von insgesamt 148 Flugzeugen. In der Bilanz heißt es aber: "Der Buchwert von Flugzeugen und Triebwerken betrug zum Geschäftsjahresende 2016 0,00 Mio EUR." Air Berlin besitzt also keine eigenen Maschinen, sondern mietet sie.

Andere Airlines könnten Air Berlin also keine Maschinen abkaufen, sondern nur Leasingverträge übernehmen. Diese funktionieren ähnlich wie das Leasing beim Auto. Air Berlin muss aber als Mieter selbst für Reparaturen und Wartung aufkommen. Ein teurer Posten in der Bilanz: zwischen 60 und 88 Millionen Euro pro Quartal.

Auch das Leasing selbst hat seinen Preis: 169 Millionen Euro zahlte Air Berlin dafür in den ersten drei Monaten dieses Jahres - weit mehr als die Airline im gleichen Zeitraum für ihr Personal ausgab (132 Millionen Euro).

Ist Flugzeug-Leasing ungewöhnlich?

Nein. Das machen viele in der Branche. Fluggesellschaften leasen oder pachten beispielsweise Maschinen, wenn die Ticket-Nachfrage plötzlich steigt oder eine Maschine ausfällt. Dabei kann es sich um eine Miete für einen einzelnen Flug handeln oder um einen Vertrag, der über Jahre läuft.

Es gibt das sogenannte Dry Lease (dt: "Trocken-Miete") und das sogenannte Wet Lease ("Nass-Miete"). Beim Dry Lease handelt es sich um die Miete eines Flugzeugs ohne Besatzung, beim Wet Lease ist die Crew inklusive.

Dass eine Fluggesellschaft - wie im Fall von Air Berlin - kein einziges eigenes Flugzeug besitzt, gilt aber als ungewöhnlich, schließlich können die Maschinen im Falle finanzieller Schwierigkeiten als Sicherheit dienen. Lufthansa beispielsweise betreibt eigenen Angaben zufolge insgesamt 674 Maschinen, von denen mehr als 85 Prozent der Airline auch gehören.

Wie werden die geleasten Flugzeuge aktuell genutzt?

Die Maschinen sind für verschiedene Airlines unterwegs. Die meisten fliegen für Air Berlin selbst, darunter 35 für die konzerneigene Ferienflieger-Marke Niki. Zudem heben Flugzeuge von Air Berlin für die Lufthansa ab, fliegen also für die Konkurrenz. Grund dafür ist ein Wet Lease-Abkommen aus dem Jahr 2016: Air Berlin hat 38 Maschinen inklusive Crew an Lufthansa weitervermietet. Dadurch spart Air Berlin Kosten, denn die Airline hat mehr Maschinen als sie eigentlich braucht.

Diese Maschinen fliegen nun für die Lufthansa-Töchter Eurowings und Austrian Airlines. Dafür wurden sie umlackiert, auch die Flugbegleiter werden entsprechende Uniformen tragen. Für Fluggäste lässt sich aber erkennen, dass sie in einer Air Berlin-Maschine sitzen: Auf den Flugzeugen steht außen unter dem Eurowings-Logo "operated by airberlin".

In vielen Berichten ist von "Rosinen-Pickerei" die Rede. Was sind die Rosinen bei Air Berlin?

Der Ferienflieger Niki gilt als profitabel und wird von Insidern als "Juwel des Unternehmens" bezeichnet. Niki ist für Sonne und Strand zuständig und steuert hauptsächlich Flughäfen rund um das Mittelmeer an. Air Berlin hat zudem eine Flotte von 17 Langstreckenfliegern. Die Airbus 330-200 sind aktuell vor allem auf Strecken unterwegs, welche die Lufthansa nicht so häufig bedient.

Als wertvoll gelten auch die Start- und Landerechte (Slots). Diese hat Air Berlin im vergangenen Jahr in seiner Bilanz mit 80,3 Millionen Euro bewertet. "Wenn Air Berlin aufgeteilt wird, gibt es aber nicht nur Filet-Stücke", meint ARD-Luftfahrtexperte Michael Immel. "Mal schauen, wer sich für die Dortmunder Luftverkehrsgesellschaft Walter interessiert." Die LGW gehört erst seit kurzem zu Air Berlin. Das Dortmunder Unternehmen ist auf Zubringerflüge von und zu Regionalflughäfen spezialisiert und hat eine Flotte von 20 Turboprop-Maschinen.

Dass Air Berlin zerteilt wird, gilt unter Experten als ausgemacht. Zwar haben der Nürnberger Unternehmer Wöhrl und Ryanair-Boss O'Leary öffentlich mit dem Gedanken gespielt, Air Berlin komplett zu übernehmen. Viele Experten vermuten dahinter aber taktische Überlegungen. "Ryanair beispielsweise hat 100 Flugzeuge bei Boeing geordert, denen passen die Airbus-Maschinen von Air Berlin eigentlich nicht ins Portfolio", sagt Immel. Auf die öffentlichen Gedankenspiele folgte bei Ryanair auch nach wenigen Tagen der verbale Rückzug: Doch kein Interesse. "Vermutlich war das einfach eine PR-Nummer von Michael O'Leary, der will in die Schlagzeilen", glaubt Immel.

So könnte es auch bei anderen ausgehen: Denn nachdem es jahrelang nicht geklappt habe, Air Berlin als Ganzes in seiner aktuellen Form flott zu bekommen, werde niemand ernsthaft das Experiment ein weiteres Mal riskieren wollen. Die einzelnen Unternehmensteile dürften dagegen Abnehmer finden.

Warum sind die Slots so wertvoll?

Je mehr Slots eine Airline besitzt, umso mehr Flüge kann sie von einem Flughafen anbieten. Gleichzeitig sind diese Verbindungen für andere Fluggesellschaften blockiert. "Die Slots sind deswegen heißbegehrt", sagt ARD-Experte Immel. "Vor allem die Start- und Landerechte in Düsseldorf und in Berlin sind es, auf die jetzt etliche Airlines ein Auge geworfen haben.

Klar ist allen auch: Nur diejenige Fluggesellschaft, die Betriebsteile von Air Berlin übernimmt, erhält am Ende auch einige der begehrten Slots. Da muss also auch die Strategie dahinter stimmen." Das Unternehmen hält eigenen Angaben zufolge rund 50.000 Slots in Berlin-Tegel, 40.000 in Düsseldorf und 20.000 in Palma de Mallorca.

Was passiert mit den geplanten Flügen der Airline?

Vorerst ändert nichts. Dank der Zusage eines Übergangskredits durch den Bund kann die Airline sich zurzeit noch über Wasser halten. Alle Flüge von Niki und Air Berlin werden planmäßig durchgeführt. Bis etwa Mitte November soll das so bleiben: So lange sollen laut Bundeswirtschaftsministerin Zypries die 150 Millionen Euro Kredit der Bundesregierung reichen. In der Branche sehen viele diesen Zeitrahmen kritisch, so auch ARD-Luftfahrtexperte Immel: "Die Zeit drängt! Ich gehe davon aus, dass Air Berlin jetzt täglich mehr als fünf Millionen Euro verbrennt. Der Überbrückungskredit des Bundes dürfte also in 30 Tagen aufgebraucht sein."

Was könnte mit dem Personal der Airline passieren?

Vorerst bekommen die Arbeitnehmer ihr Gehalt von der Bundesagentur für Arbeit. Air Berlin hat eigenen Angaben zufolge aktuell etwa 8000 Mitarbeiter: 3700 in der Kabine, 1500 im Cockpit, 1000 in der Technik und 1800 in der Verwaltung. "Natürlich machen die Mitarbeiter sich Sorgen und Gedanken," sagt Nicoley Baublies von der Luftverkehrs-Gewerkschaft IGL. Denn das Schicksal der Arbeitnehmer werde sich erst klären, wenn entschieden ist, was aus der Airline wird.

Laut Baublies könnte eine Auffanggesellschaft eine mögliche Lösung für die Mitarbeiter sein. Denn die Arbeitnehmer seien teils noch zu Altverträgen von zugekauften Unternehmensteilen wie der LTU, Niki oder LGW angestellt. In diesen Verträgen seien die Aufgabenbereiche weit enger definiert als in neuen Air Berlin-Verträgen. Auch sei die Vergütung nicht einheitlich.

Dieser Tarif-Wirrwarr könne Investoren davon abhalten, Personal zu übernehmen. Hier könne eine Auffanggesellschaft mit einheitlichen und übersichtlichen Konditionen die Alternative sein. "Klar wird das auch lange Gesichter geben, denn bei einigen Mitarbeitern könnte das Gehaltseinbußen bedeuten. Aber dafür hätten endlich alle Klarheit, was als nächstes kommt", so Baublies.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 30. August 2017 um 19:41 Uhr.

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