Hängende Köpfe bei den Spielern von Manchester United gab es in letzter Zeit häufiger | Bildquelle: Action Images via Reuters

Fußball, Premier League Manchester United - Niedergang eines Topklubs

Stand: 14.12.2018 08:30 Uhr

Seit dem Abschied von Sir Alex Ferguson steckt Manchester United in der Krise. Der sportliche Absturz ist hausgemacht. Um Erfolg zurückzubringen, braucht es eine realistische Einschätzung der Lage - und einen Neustart.

Marco Schyns

Es ist eine Szene, die den Zustand von Manchester United in nahezu all seinen Facetten widerspiegelt. Als Valencias Carlos Soler im letzten Champions-League-Gruppenspiel einen Pass aus dem Mittelfeld in Richtung Michy Batshuayi spielt, versucht Uniteds Phil Jones die Kugel abzufangen und trifft den Ball dabei so, dass er aus 18 Metern ein Eigentor erzielt. Pleiten, Pech und Pannen. Dass United durch die 1:2-Pleite den Gruppensieg verspielt, obwohl er ihnen von den Young Boys Bern durch deren 2:1-Sieg gegen Juventus Turin auf dem Silbertablett serviert wurde, passt ins Bild.

Phil Jones (l.) und Trainer José Mourinho haben in dieser Saison nicht viel zu lachen. | Bildquelle: REUTERS
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Phil Jones (l.) und Trainer José Mourinho haben in dieser Saison nicht viel zu lachen.

In jenes Bild, das der englische Rekordmeister in dieser Saison abgibt und über weite Strecken in den vergangenen fünf Jahren abgegeben hat. Mittelmaß statt Titelkampf. Einer der größten Klubs der Welt liefert regelmäßig peinliche Vorstellungen ab - auf und neben dem Platz. Vom großen Manchester United unter Sir Alex Ferguson ist nicht mehr viel übrig.

Doch obwohl die letzte Meisterschaft fünf und der letzte Champions-League-Titel sogar schon zehn Jahre her sind, zählt Mark Odgen den Klub noch immer zu den Schwergewichten im Fußball. "United ist ein großer Klub. Liverpool hat seit 1990 keinen Premier-League-Titel mehr gewonnen, aber ihr Status als Topklub stand nie in Frage. Das Gleiche gilt für Manchester United", sagt der Fußball-Korrespondent von ESPN, der United seit vielen Jahren begleitet, gegenüber sportschau.de.

Marketing steht im Mittelpunkt

27 Jahre führte Ferguson die "Red Devils" als Teammanager. Der Schotte gewann 23 große Titel und baute den Klub zu einer internationalen Marke aus. Nur Real Madrid ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten wirtschaftlich ähnlich erfolgreich, der Jahresumsatz lag zum Ende der vergangenen Saison bei rund 675 Millionen Euro. Doch auch Ferguson und heftige Proteste der Fans konnten 2005 nicht verhindern, dass der Klub vom amerikanischen Investor Malcolm Glazer übernommen wurde. Seither wird United regelrecht "amerikanisiert".

Marketing steht im Mittelpunkt, die Gelddruckmaschine läuft auf Hochtouren. Das Rot-Gelbe Logo hat eine Anziehungskraft weit über Manchester hinaus. Ob in Asien, Amerika oder Australien - überall auf der Welt zählt United zu den bekanntesten und beliebtesten Fußballklubs. Wer sich ein Heimspiel im legendären „Old Trafford" ansieht, erlebt Fußball-Tourismus hautnah. Der „Megastore", ein riesiger Fanshop im Stadion, braucht an einem Spieltag bis zu 20 besetzte Kassen, um den Ansturm zu bewältigen.

All das gilt in gewisser Weise auch für andere europäische Spitzenteams - ob Real Madrid, den FC Barcelona oder auch den FC Bayern München. Der Unterschied aber wurde nach Fergusons Abschied im Sommer 2013 immer deutlicher. Es fehlt die Person, die den Fokus auf das Wichtigste lenkt, den Fußball.

Katastrophale Entscheidungen seit 2013

Schon der Abgang im Jahre 2012 von Fergusons ehemaliger rechter Hand im Vorstand, David Gill, war schmerzhaft. Ersetzt wurde er durch Ed Woodward, einen ehemaligen Investement-Banker von J.P. Morgan. Er hilft den Eigentürmern dabei, United als das zu betrachten, wofür sie es halten: Ein Investement.

Die Entscheidungspolitik im Verein seit 2013 ist eine Katastrophe. Da ist sich auch Ogden sicher: „Auf und neben dem Platz hat der Verein zahlreiche Veränderungen vorgenommen - nur wenige haben funktioniert. Sie haben die falschen Manager geholt und schlechte Spieler gekauft. Das führt zwangsläufig zu einem Niedergang." Fast 900 Millionen Euro hat der Verein seit 2013 für neue Spieler ausgegeben. Nachhaltig überzeugt hat keiner. Weltmeister Paul Pogba, für über 100 Millionen Euro aus Turin zurückgeholt, liegt seit Wochen im Dauerclinch mit José Mourinho. Der Coach soll ihn jüngst als "Virus" bezeichnet haben, berichten englische Medien.

Mourinho hat eine Nachricht an seine "Lovers"
José Mourinho hat eine Nachricht an seine "Lovers"

Der beste Spieler im Kader ist Torhüter David de Gea, den Ferguson schon 2011 nach Manchester lotste. Der letzte Transfer, der unbestritten ein Erfolg war, geschah vor Fergusons letzter Saison - da kam Robin van Persie für rund 30 Millionen Euro von Ligakonkurrent Arsenal und schoss United mit 26 Toren zur bislang letzten Meisterschaft.

Das lange Warten auf Titel Nummer 21

Kaum ein Fan hätte damals gedacht, so lange auf Titel Nummer 21 warten zu müssen. Der FA-Cup-Titel 2016 und der Europa-League-Triumph 2017 wurden angesichts der Gesamtsituation eher müde belächelt. Und doch richtet sich die Wut der Fans in erster Linie nicht gegen jene, die sportlich verantwortlich sind - also Trainer und Spieler.

"Die Fans sind mit vielem unzufrieden, aber sie richten ihre Wut vor allem gegen die Eigentümer", sagt Odgen: "Sie glauben, die Eigentümer geben Mourinho einen Freifahrtschein." Eine Entlassung des extrovertierten Portugiesen würde United teuer zu stehen kommen. Sein Vertrag läuft bis 2020, eine mögliche Abfindung beliefe sich laut englischen Medienberichten auf mindestens zwölf Millionen Euro. Ex-Spieler Paul Scholes, der den Verein bei nahezu jeder sich bietenden Gelegenheit öffentlich kritisiert, sagte kürzlich: "Bei einem Fußballverein wäre Mourinho längst entlassen worden, aber United gleicht inzwischen eher einem Unternehmen. Da laufen die Dinge etwas anders."

Ogden: "Nichts bringt mehr Geld als Erfolg"

Folgt Mauricio Pochettino (r.) eines Tages auf José Mourinho bei ManUnited? | Bildquelle: AFP
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Folgt Mauricio Pochettino (r.) eines Tages auf José Mourinho bei ManUnited?

Kurz gesagt: Es ist wirtschaftlich nicht sinnvoll, Mourinho trotz ausbleibendem Erfolg zu entlassen. Ogden sieht das anders: "Der Fokus des Klubs liegt momentan darauf, Geld zu verdienen - mit Marketing und Werbung. Am Ende des Tages bringt aber nichts mehr Geld als Erfolg."

Damit sich dieser eines Tages wieder einstellt, muss der Klub "strategisch denken", glaubt Ogden: "Sie brauchen einen Fußball-Direktor (Anm.: vergleichbar mit einem Sportdirektor in der Bundesliga) und müssen akzeptieren, dass die letzten fünf Jahre eine Katastrophe waren. Außerdem braucht es Geduld, um mit einem neuen Plan nach vorne zu blicken." Das alles wird, sofern es überhaupt dazu kommt, ohne Mourinho stattfinden. Ogden ist sich sicher: "Er ist spätestens im Sommer weg. Dafür gibt es viel zu viele Probleme mit den Spielern und sein Fußball ist einfach zu schlecht."

Für den ESPN-Reporter ist Tottenhams Trainer Mauricio Pochettino die wahrscheinlichste Variante für einen Neustart auf der Position des Teammangers. Aber Ogden warnt: "Wenn er stattdessen zu Real Madrid geht, dann hat United ein Problem."

Quelle: sportschau.de

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