Pierre-Michel Lasogga im DFB-Pokal-Viertelfinale | Bildquelle: imago images / MIS

DFB-Pokal-Halbfinale HSV darf sich noch einmal groß fühlen

Stand: 23.04.2019 06:00 Uhr

Der Hamburger SV war mal eine große Nummer. Heute müht sich der Klub in der zweiten Liga, andere haben ihm längst den Rang abgelaufen. So wie RB Leipzig - der Gegner im DFB-Pokal-Halbfinale.

Von Tim Beyer

Es hat sich vieles verändert, seitdem der Hamburger SV zuletzt im Halbfinale des DFB-Pokals stand, nicht zuletzt das Standing des einst so ruhmreichen Klubs. In Hamburg erinnert man sich gerne zurück an jenen Tag Ende April 2009, steht er doch für die guten Zeiten, und die sind gerade rar geworden: Barack Obama hatte wenige Monate zuvor das Amt als Präsident der USA angetreten, in Deutschland beschäftigte man sich mehr mit der Krise des Euro als mit einem Rechtsruck der Gesellschaft und der HSV war noch ein großer Verein. Dritter in der Bundesliga, Halbfinale im DFB-Pokal, Viertelfinale in der Europa League - das waren noch Zeiten.

Jedenfalls stand der Hamburger Sportverein in jenem Frühjahr vor zehn Jahren vor denkwürdigen Wochen. Binnen 19 Tagen traf er in drei Wettbewerben gleich viermal auf Werder Bremen, und den Anfang machte eben jenes Pokalhalbfinale, das die Hamburger nach Elfmeterschießen verloren. Nacheinander waren damals Jérôme Boateng, Ivica Olic und Marcell Jansen an Bremens Torhüter Tim Wiese gescheitert. Der Traum vom Endspiel in Berlin, er war geplatzt.

Die Schatten der Vergangenheit

Heute träumen sie in Hamburg wieder von Berlin, doch sonst erinnert nicht mehr viel an jene Zeit. Spieler vom Kaliber Boateng, Olic oder Jansen spielen schon lange nicht mehr für den HSV, heute heißen die Hoffnungsträger Pierre-Michel Lasogga, Aaron Hunt oder Douglas Santos - wenn sie denn fit sind. Der HSV spielt jetzt auch nicht mehr um die Champions-League-Plätze mit, er bangt stattdessen um den Aufstieg in die Bundesliga.

Die Realität heißt zweite Liga, dort ist man Zweiter, das reicht für den direkten Aufstieg. Trotzdem wird die Nummer zäh, zäher jedenfalls, als sie in Hamburg gedacht hatten. Am Wochenende spielte der HSV zu Hause, der Gegner hieß Erzgebirge Aue und am Ende stand es 1:1.

Am Dienstag (23.04.2019) jedoch ist der HSV zurück auf der großen Fußballbühne, für 90 Minuten, womöglich auch etwas länger. Es ist DFB-Pokal-Halbfinale, und nach zehn Jahren Abstinenz dürfen die Hamburger mal wieder mitwirken, sie empfangen dann im Volksparkstadion RB Leipzig. Nur ein Sieg noch, dann stünde der HSV im Endspiel in Berlin, und irgendwie sind sie sich gerade alle einig in Hamburg, dass das schon ein bisschen besser ist als ein Heimspiel gegen Aue. Bei allem Respekt.

In Hamburg planen sie deshalb das ganz große Ding. Das Stadion wird wohl ausverkauft sein und die Stimmung gut, es geht schließlich um einiges. Dieses eine Mal darf sich der HSV noch fühlen wie ein Großer. Er müsste an diesem Abend aber zu einem ganz Großen werden, um Leipzig zu besiegen.

Wolf, der Leisesprecher

Der Hamburger Trainer Hannes Wolf ist keiner für die lauten Töne. Das ist einerseits ganz angenehm in einem Geschäft voller Lautsprecher, gerade dem HSV tut das womöglich ganz gut, mitunter ist es aber nicht unproblematisch. Als Wolf bei der Pressekonferenz vor dem Spiel gefragt wurde, wie er denn die Chancen seiner Mannschaft einschätze, dachte er kurz nach und dann sagte er: "RB ist eh sehr gut und im Moment sind sie besonders gut, deshalb wollen wir nicht zu viel träumen, aber wenn man ein Spiel vor Berlin steht, dann tut man auch alles dafür."

Kaum hatte er das gesagt, da hielt Wolf kurz inne, er schmunzelte und verwies vorsichtshalber noch auf ein "paar Fußballspiele in der Geschichte, in denen nicht der Favorit gewonnen hat." Vielleicht war es Wolfs ganz eigene Art, um zu sagen: Die Zeiten haben sich geändert, und wenn der HSV heute gegen RB Leipzig spielt, dann ist er nun mal Außenseiter. Es wäre eine realistische, aber eben auch eine smarte Einschätzung.

Zumal mit Orel Mangala (Fußprellung), Kyriakos Papadopoulos und Douglas Santos (beide muskuläre Probleme) drei wichtige Spieler angeschlagen sind, auch Hunt ist nach seiner Verletzungspause noch nicht wirklich fit. Doch auch wenn alle Spieler im Kader fit wären, bliebe der HSV Außenseiter. Um das zu verstehen, reicht der Blick auf die Kaderliste des Gegners: Kevin Kampl, Amadou Haidara, Emil Forsberg, Timo Werner, Yussuf Poulsen. Noch Fragen?

In der Bundesliga ist RB Leipzig Dritter hinter Bayern und Dortmund, wahrscheinlich werden sie sich am Ende der Saison zum zweiten Mal nacheinander für die Champions League qualifizieren. Lässt man die Tradition, die der HSV hat und die Leipzig gerne hätte, und die Wirtschaftskraft, die der HSV gerne hätte und die Leipzig hat, außen vor, kann man sagen: Leipzig ist jetzt das, was vielleicht mal der HSV war - oder was er gern gewesen wäre: Eine Mannschaft, die in richtig guten Jahren die Bayern ärgert, die sich aber auch in mittelmäßigen für Europa qualifiziert.

Als der HSV vor zehn Jahren zum bislang letzten Mal in einem DFB-Pokalhalbfinale stand, war an einen Bundesligisten aus Leipzig nicht zu denken. In Hamburg träumten sie von der Champions League und einer großen Zukunft. RB Leipzig gab es da noch gar nicht, der Verein wurde erst im Mai 2009, vier Wochen nach dem Halbfinal-Aus des HSV, gegründet. Die Zeiten ändern sich.

Quelle: sportschau.de

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