Hintergrund

Hintergrund zu den Sinti und Roma Vorurteile, die nicht vergehen wollen

Stand: 27.08.2010 13:01 Uhr

Es bestehen viele Vorurteile über Sinti und Roma in Europa, und oft ist es nur ein kleiner Schritt von der Verachtung zur Verfolgung. Nach wie vor gelten sie als fahrendes Volk oder schlicht als "Zigeuner". Woher die Sinti und Roma aber stammen und wie sie leben, ist vielen unbekannt.

Von Lena-Maria Reers für tagesschau.de

Aus Frankreich abgeschobene Roma bei ihrer Ankunft in Bukarest
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Aus Frankreich abgeschobene Roma nach ihrer Ankunft in Bukarest

Zigeuner seien sie, ein fahrendes Volk, schmutzige Bettler, Betrüger und Diebe. Das sind die gängigen Vorurteile, die Roma europaweit entgegen gebracht werden. Rassistische Diskriminierungen sind eigentlich durch Artikel 21 der Europäischen Charta für Menschenrechte verboten. Zudem ist die Schutzformel auch Teil der nationalen Gesetzen derjenigen Länder, in denen größere Gruppen von Roma leben. Zum Beispiel in Rumänien, Bulgarien, Ungarn oder auch in Deutschland. Nach Schätzungen der UNO gibt es in Europa insgesamt bis zu zwölf Millionen Roma.

In der Bundesrepublik leben ungefähr 70.000 Roma, die als alteingesessene, nationale Minderheit anerkannt sind und als "Sinti und Roma" bezeichnet werden. Nach Angaben des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg bezeichnet "Sinti" die in Mitteleuropa seit dem Spätmittelalter beheimateten Angehörigen der Minderheit, während "Roma" diejenigen meint, die südeuropäischer Herkunft sind. Außerhalb des deutschsprachigen Raumes findet eine solche Unterscheidung nicht statt.

Eine eigene Minderheitensprache

Dennoch gibt es europaweit viele verschiedene Untergruppen in der Volksgruppe der Roma, die sich hauptsächlich über ihre unterschiedlichen Sprachen definieren. So haben sich im Laufe der Jahre und je nach regionalen Einflüssen verschiedene Ausprägungen der eigenen Minderheitensprache Romanes entwickelt.

Diese Sprache verrät aber auch, dass die Roma ursprünglich aus Südindien stammen. Auf der Homepage des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma heißt es dazu: "In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde anhand sprachwissenschaftlicher Untersuchungen die Herkunft der Sinti und Roma aus Indien nachgewiesen: durch die Verwandtschaft der eigenen Minderheitensprache Romanes mit der altindischen Hochsprache Sanskrit." Experten gehen davon aus, dass die Roma Nachfahren indischer Gruppen sind, die vor ungefähr 1000 Jahren das Land verließen und sich auf den Weg nach Europa machten.

Nomaden sind die Roma aber schon lange nicht mehr. In den meisten Heimatländern besitzen sie die jeweilige Staatsbürgerschaft und sind als nationale Minderheit anerkannt. Nur in der Slowakei und Tschechien gibt es strikte Gesetze und rechtliche Beschränkungen, die einen Zugang der Roma zur Staatsbürgerschaft verhindern.

Schwierige Lebensbedingungen

Bulldozer reißen Roma-Siedlung ab
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Bulldozer reißen die Behausungen der Roma nieder.

Ein weiteres Vorurteil gegenüber den Roma besagt, dass sie einerseits in dreckigen Barackenlagern leben, anderseits aber teure Pkw fahren. In der Tat lebt ein Großteil dieser Volksgruppe in heruntergekommenen Wohnungen und Häusern. Eine aktuelle Untersuchung im Auftrag der Europäischen Union hat herausgefunden, dass Roma oftmals keine andere Wahl haben. Denn viele Vermieter wollen sie nicht unter ihrem Dach haben, selbst wenn die Wohnungen über Sozialhilfeeinrichtungen gesucht werden. Roma leben deshalb oft in abgetrennten Nachbarschaften am Stadtrand, ihre Kinder gehen zu speziellen Schulen oder werden in eigene Klassen eingeteilt, und selbst durch die Polizei werden sie laut einer UN-Untersuchung oft vorverurteilt und wegen ihrer Volkszugehörigkeit diskriminiert.

Ein Bericht des UN-Entwicklungsprogramms belegt: Roma sind die Volksgruppe in Europa, die am häufigsten von Armut betroffen ist, beziehungsweise am stärksten Gefahr läuft, in Armut zu fallen. Als Gründe werden fehlende Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten genannt sowie der Mangel an persönlicher Sicherheit und ein unzureichender Zugang zu medizinischer Versorgung.

Auf dem Arbeitsmarkt nicht vermittelbar

Für die schlechte Lage der Roma auf dem europäischen Arbeitsmarkt hat die UNO drei Gründe herausgearbeitet: Neben der Diskriminierung aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit sind es vor allem die wirtschaftlichen Schwierigkeiten ihrer Heimatländer. Fast 68 Prozent aller Roma leben in den neuen EU-Ländern, den Anwärterstaaten in Osteuropa und auf dem Balkan. Darüber hinaus spielt die geringe Qualifizierung der Roma eine zentrale Rolle.

Ein Teufelskreis. Denn ohne Schulbildung kein Beruf und ohne Beruf kein Geld und damit keine Chance auf Bildung. Aus diesem Grund zahlt kaum ein Mitglied der Minderheit in die nationale Sozialkasse ein. Ein Zustand, der laut UNO zu weiteren Konflikten mit den jeweiligen Mitbürgern führt. Immerhin finanzieren die durch ihre Steuerzahlungen das Sozialsystem und damit die zentrale Unterstützung der Roma.

Bereits im Feburar 2005 haben Bulgarien, Kroatien, Tschechien, Ungarn, Montenegro, Rumänien, Serbien, die Solwakei und Macedonien eine Vereinbarung unterzeichnet, um die Diskriminierung von Roma zu bekämpfen und die inakzeptable Spaltung zwischen dieser Volksgruppe und dem Rest der Gesellschaft zu beenden. Eine Initiative, die von der Europäischen Kommission unterstützt wird: Die Menschen müssten Entwicklungsmöglichkeiten bekommen, so die UNO. Bildung, Arbeit, Gesundheit und Unterbringung sind die vier zu verbesserenden Bereiche.

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